Dienstag, 4. Juni 2013

SAP-Hauptversammlung: Im Mutterland der Kontrolleure...

(Kommentar) ... konnte nur dieses eine Softwarehaus zu wirklicher und dauerhafter Weltgeltung kommen. Aber das ist mit Sicherheit heute nicht das Thema auf der Hauptversammlung der SAP. Die FAZ heizt bereits seit Samstag die Stimmung für dieses Hochamt der Aktionäre ein, spekuliert über die zukünftige Führung im Unternehmen, dessen Schicksal immer noch zu stark von Meister Hasso Plattner abhängig ist. Und mit HANA möchte SAP im Big-Data-Stream der totalen Kontrolle über Menschen, Märkte und Maschinen weiter die Richtung vorgeben. Überlassen wir die SAP ihrem Schicksal. Sie ist stark genug, um auch die Aufkäufe der Vergangenheit zu integrieren. Vielleicht wird sie auch ein wenig amerikanischer, was bei deutschen Unternehmen allerdings immer ein wenig lächerlich wirkt, aufgesetzt, fremd, oftmals nur noch peinlich. 
Was aber ist die Alternative? Die IT-Branche hat bislang in Deutschland keine eigene Unternehmenskultur entwickelt. Da ist nichts authentisch - vielleicht am ehesten in den kleineren Softwarehäusern, die noch nicht besoffen sind vom Rausch der Globalisierung und ihrer Eitelkeiten. Aber eigentlich können wir nur eins: Kontrolle, das Drehen und Wenden von Zahlenkolonnen, die durch die Unternehmen fließen. Kontrolle ist auch das, was die Kunden lieben. Alles, was außerplanmäßig ist, ist uns zuwider. Leidenschaft zu zeigen, ist uns unangenehm. Wir arbeiten gerne hart, aber lieben zugleich den Stumpfsinn der Gleichförmigkeit. Das ist für uns Professionalität. Das alles äußert sich auch in der Berichterstattung. Die IT-Presse wird zu 100 Prozent kontrolliert von PR-Managern, die bezahlt werden nach dem Ausmaß an Langeweile, die sie im Meinungsmarkt verbreiten. Den Journalisten (falls es die überhaupt noch gibt) bekommen den dritten Aufguss von "Statements" präsentiert, die von den Agenten der Public Relations in den USA aufgeschnappt wurden.
Dabei schwelt im Untergrund der Unternehmen - bei Anwendern und Anbietern - ein Übermaß an Kreativität und Einfallsreichtum. Hier wird das Autentische spürbar. Hier könnten die Unternehmen ihre Zukunft aus dem Vollen schöpfen. Aber wir haben nunmal im Gefolge von SAP den Controller-Typen das Sagen überlassen. Und inzwischen gibt es soviele von ihnen, dass sie über jeden Selbstzweifel erhaben sind.
Vielleicht brauchen wir ganz einfach mal ein Hochwasser der Kreativität, das all diese Bollwerke aus Excel-Tabellen und SAPs hinwegschwemmt. Das Potential dazu hätten wir schon. Wir müssten nicht ins Silicon Valley reisen, um zu lernen, wie man es (dann doch wieder falsch) macht. Die Mischung auf den Führungsetagen unserer IT-Unternehmen stimmt nicht, sonst müsste zum Beispiel bei SAP nicht immer noch ein Hasso Plattner reinreden...
Raimund Vollmer

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Und was wäre Oracle ohne Ellison?
Was aus IBM ohne die Watsons oder aus Nixdorf geworden ist, wissen wir ja schon...
HP ohne die Gründerfamilien ist auch nicht mehr das, was es mal war :-(

Werner Schmid hat gesagt…

Stimmt alles, was du über die Einfallslosigkeit der IT-Branche sagst. Und auch das über die Controller. Allderdings vermisse ich, offensichtlich im Gegensatz zu dir, das "Übermaß an Kreativität und Einfallsreichtum". Solange sich die IT-Branche an SAP misst, werden immer nur Zahlenkolonnen herauskommen. Die Ursache vermute ich in den Hochschulen, deren Erfolg auch daran gemessen wird, wie viel "SAP-Wissen" sie vermitteln. Das hat auch Hasso Plattner in die Hochschulpolitik "eingefädelt". Wie sagt doch Goethe so treffend: Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot! Das ist die Realität. Leider.