Montag, 23. Februar 2026

Über uns


Die Vierte Macht     

 Ein unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer 

„Wenn wir es recht bedenken,
so stecken wir doch alle nackt
in unseren Kleidern.“

Heinrich Heine (1797-1656), deutscher Dichter  und Journalist

Du, der Kleinbürger…

… der auch ich bin, trägst Kleider, die Dir nicht gehören. Sie basieren auf dem Gedankengut und der Arbeit anderer, auf der Kreativität der Modeschöpfer, der Handwerkskunst der Direktricen, auf dem Fleiß und der Fertigkeit der Schneiderinnen und Arbeitern aus aller Welt. Und so weiter. Die ganze Lieferkette entlang. Sie endet zwar bei Dir, aber es sind alle anderen, die Eigentum haben an dem, was Du – nackt, wie du bist –  heute morgen angezogen hast. Auch wenn Du dafür bezahlt hast, du darüber frei verfügst, so sind es letztlich doch nur Nutzungsrechte, die Du erworben hast.  Selbst über die Entsorgung Deiner Kleider verfügen andere. Alles ist bestimmt, alles ist vorgegeben.

Nicht anders geht es mit Deinem Auto, egal, ob geleast oder gekauft, mit Deinem Zuhause, mit Deiner Nahrung, eigentlich mit allem, was Du besitzt, nutzt oder verbrauchst. Selbst der Geldschein, in Deiner Geldbörse, gehört Dir nicht, sondern der Notenbank. Ja, es ist vor allem der Staat, der Dir auf unendlich vielfältige Weise zeigt, dass er – vermittelt über Steuern, Abgaben, Vorschriften – das Obereigentum über allem besitzt. Zugleich lässt er Dir den Glauben, die Illusion, dass Du der Eigentümer  von allem bist, was Du besitzt. Aber Du bist nicht der Herrscher über das Ganze. Du bist nur der „Dritte“. Der Staat ist der Erste, die Wirtschaft der Zweite, und Du, Du bist nur der Dritte, eben der Kleinbürger, der gesenkten Hauptes auf sein Handy starrt, dem Guck- und Clickloch zur ganzen, großen Welt, die nur noch so tut als ob Du da zugehört.

Wir leben im Zeitalter des Als-Ob.

Alles, was Dich interessiert, wird Dir auf Deinem Smartphone präsentiert. Und was nicht, das wischt Du einfach weg. Man nennt dich Nutzer oder Nutzerin. Und Du störst Dich noch nicht einmal daran. Du fügst Dich einfach. So also ob Du noch als Mensch gesehen wirst.

Dabei ist alles, was Du tust und irgendwie in das Licht und in die Sicht eines Vierten gerät, nicht mehr Deins, und Du bist im Netz auch nicht mehr Du. Alles gehört transnationalen Supermächten, die längst die ganze Erde umspannen. Sie bilden die Vierte Macht, nicht das Vierte Reich, aber manchmal könnte man meinen, als ob es da aufdämmert. Dieser Vierten Macht ist das egal. Ihr ist die ganze Politik sogar „schnuppe“. Sie tut nur so. Zum Schein. Als würde sie sich dafür interessieren, schickt ihre Stars zu politischen Events, übernimmt auch schon mal politische Verantwortung, aber es ist alles nur Show, gehört zu einer weitaus größeren Strategie, nämlich der kalten Übernahme dieser Welt. In dieser Welt ist es der Vierten Macht sogar egal, ob ich das hier schreibe oder nicht. Meine Meinung, Deine Meinung – kein Interesse.

Die Börsenwerte ihrer Bataillone, von Alpha bis Meta, steigen ins Unermessliche. Man hat den Eindruck, dass sich in den Aberbillionen ihrer Kapitalisierung bereits die gesamte Weltwirtschaft widerspiegelt. Die Machthaber aber schweben darüber in ihrer alles und alle umhüllenden Cloud, in der wir ohne ihre Hilfe völlig die Orientierung verlieren werden. Denn sie sind die Orientierung. 

Derweil tun wir so, als ob wir noch etwas zu sagen hätten. Wir stieren auf die Politiker, die sich in unserer alten Welt gebärden, als seien sie noch die Herren. Abertausende von Menschen müssen dafür ihr Leben lassen. Dabei entscheidet sich in ihren Kriegen gar nichts mehr. Weder im Osten noch im Nahen oder Fernen Osten. Und das ist ja erst der Anfang. Eine neue, eine übergeordnete Wirklichkeit entsteht. Sie wirkt virtuell. Sie ist das totale Als-Ob. Und doch hat sie längst die Wirklichkeit, so wie wir sie zu kennen und zu erkennen meinen, übermannt. Sie avanciert zur einzigen Wirklichkeit.

Es ist eine Wirklichkeit, die über Leichen geht. Den uns haushoch „geistig überlegenen Wesen auf der Erde“, von denen dereinst der Großvater der Künstlichen Intelligenz, der Amerikaner Marvin Minsky, schwärmte, sind wir völlig egal.[1] Denn diese Wesen haben gar kein Bewusstsein, brauchen keine Seele, bekommen auch keine. Sie stehen ja über allem, was ist.

Und wir, wir Lebenden, wir Beseelten und Bewussten, sehen, dass die Welt, die wir der Natur über Jahrhunderte hinweg abgeknapst und nach unserem Willen geformt und verformt haben, dem Ende zutreibt. Wir führen wieder sinnlose Kriege – bei vollem Bewusstsein, aber mit falscher Seele. Ohnmächtig gegen uns selbst.

Der Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) wollte noch den Naturzustand, in dem jeder des anderen Wolf war, durch einen Gesellschaftsvertrag beenden. Der Staat sollte uns vor uns selbst schützen, indem wir uns seinem Willen unterwarfen und auf unser Naturrecht, auf das Gewaltmonopol, verzichteten. Eine grandiose Idee, die uns bis heute fasziniert, vor allem die Historiker und Juristen. In dieser Welt, in der sich die staatlichen Systeme mit filigranen Gebilden der Argumentation eingerichtet haben, passiert seit jeher genug, um sich nicht obendrein mit dem befassen zu müssen, was sich seit bald einem Jahrhundert am Horizont abzeichnet und diese Gedankengebäude zu sprengen droht. Man hat irgendwie den Eindruck, als läge unsere intellektuelle Kraft, vor allem die der staatlichen Institutionen, hinter der neuen Wirklichkeit weit zurück. Sie spekulieren ins Blaue hinein, erheben Klagen und Strafen, Verbote und Gebote - und ändern doch nichts. Sie sind ahnungslos. 

So herrscht letzten Endes über die Vierte Macht totale Ungewissheit. Den Begriff gibt es ja noch nicht einmal. Gut, ein Film aus dem Jahr 2012  hat diesen Titel, aber dort sind mit der Vierten Macht die klassischen Medien gemeint, die sich auch gerne selbst als vierte Gewalt neben Legislative, Exekutive und Judikative einstufen – eher virtuell als institutionell. Aber unsere klassischen Medien sind nicht zu verwechseln mit der Social Media, die zwar die prominenteste Erscheinungsweise der Vierten Macht darstellt, aber eigentlich nur ein Als-Ob liefern. Ein weiterer Kanal, der uns zur Verfügung steht und den wir, die Journalisten, uns mit unseren Lesern teilen, die sich uns gleichgestellt sehen. Wir, die wir uns Journalisten nennen und meinen, alles - weniger investigativ als vielmehr suggestiv - im Griff zu haben, wollen Instrumente wie die KI zur Steigerung unserer Arbeit nutzen, um uns insgeheim wieder über unsere Leser zu erheben. Als der gute Geist. 

In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Die KI beherrscht uns. Das ZDF und dessen Starmoderatorin Dunja Hayali (*1974) können justament ein Lied davon singen. Doch ihre Reaktionen zeigen, dass sie der Situation eigentlich nicht gewachsen sind. Alte Reflexe. Abberufungen, Entschuldigungen. Mehr nicht.

Dabei sollten sie sehen, dass die Vierte Macht längst die Redaktionsstuben beherrscht. Sie benutzt uns. Ihre Fakes sind doch längst unsere Nachricht und steigern das Gefühl der Ungewissheiten bei uns selbst und unseren Lesern und Zuschauern. Wem sollen wir noch vertrauen? Wir, die Journalisten, die alles filtern sollen und wollen, sind auf Dauer der Vierten Macht genauso ausgeliefert wie wir, die Kleinbürger, die wir das alles durchschauen sollen und wollen. Wir sind überfordert und um damit fertig zu werden, benutzen wir die Werkzeuge, die genau diese Überforderung erzeugen.

„Bombardiert mit Stimuli, Botschaften und Tests, sind die Massen nur noch eine undurchdringliche, blinde Schicht, ähnlich wie die Gasbildungen auf den Sternen, die man nur dank der Analyse ihres Lichtspektrums kennt“, schrieb 1999 der französische Philosoph Jean Baudrillard im „Freibeuter“ (Februar Heft) und meinte, dass eine Repräsentation der „schweigenden Mehrheit“ nicht mehr möglich sei.[2] Daran haben auch ein Vierteljahrhundert später die wuchtigen Social Media nichts geändert. Sie ähneln allenfalls den Sternen, die wir nur durch ihr Lichtspektrum kennen. Ihre Blasenbildungen sind undurchdringlich.

Denn wir stecken selbst tief in einer solchen Blase. Wir sind blind.

So blind wie die Werbewirtschaft, die den Siegeszug der Vierten Macht bisher weitgehend finanziert hat. Dabei weiß sie gar nicht, was sie da finanziert. Solange die Geschäfte laufen, erzeugt dies auch keinen Druck. Eigentlich hat sich das Soziale längst in Abermilliarden von Benutzerkonten aufgelöst. Wir bilden eine „molekularisierte Masse“, um einen Begriff Baudrillards aufzunehmen.

Wir haben uns selbst kaltgestellt. Wir werden gefühllos und damit endgültig Untertanen der Vierten Macht.

Diese Macht gründet vor allem auf uns als Konsumenten als dem Träger dieser möglicherweise finalen Form des Kapitalismus. Es ist eine sehr gefährliche Form, vielleicht die gefährlichste überhaupt. Sie basiert nicht auf der Dominanz des Unternehmers wie der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, auch nicht auf der Herrschaft des Managements und der Bürokratie wie der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, sondern auf der des Nutzers, auf uns Nackedeis, uns Habenichts. Es ist nicht nur unsere eigene Sterilität, die uns so gefügig macht, sondern die menschenverachtende Gleichgültigkeit der Vierten Macht uns gegenüber.

    Wir sind ihr scheißegal.

Fortsetzung folgt.