Freitag, 8. März 2024

Demokratie (17)


 

Zum Tage

 

1971: »Wenn wir nicht schnellstens handeln, werden meine Enkelkinder eine Gasmaske aufsetzen müssen, wenn sie draußen spielen wollen.«

Hans-Dietrich Genscher als Bundesinnenminister

 

Donnerstag, 7. März 2024

Zum Tage

 

1958: »Die amerikanischen Wissenschaftler sehen sich beim Bau ihres Sputniks einem heiklen Problem gegenüber: Sie müssen einen Hund züchten, der so winzig ist, dass er in den amerikanischen Satelliten hineinpasst.«

Jakob Malik, Botschafter der Sowjetunion in London


Demokratie (16)


 

Dienstag, 5. März 2024

Zum Tage

 1992: »Die Bevölkerung ist besser als ihre Politiker«

Jürgen Habermas (*1929), deutscher Philosoph

Zum Tage

 

1989: „Wir sind gegen die Verstaatlichung der Gesellschaft.“

Grundsatzprogramm der SPD


Montag, 4. März 2024

Demokratie (14)


 

Zum Tage

 

1994: »Verlassene Einkaufszentren, geschlossene Kinos, leere Zeitungsstände. Alles tot. Die Zukunft ist einsam: Nur du und deine Fernseher. Einkaufen per Knopfdruck, Filme nach Maß, flimmernde Zeitschriften. Alles kommt aus der Kiste. Das Leben wird zum Programm.«

DIE ZEIT, 4. März 1994

Sonntag, 3. März 2024

Demokratie (13)


 

Gedankenexperimente aus tausend und einer Seite (Teil 10)

 VORBEMERKUNG: Ich möchte noch einmal kurz darauf hinweisen, dass dies meine Versuche sind, eine Welt zu verstehen, die sich eigentlich längst unserem Verständnis entzogen hat. Beim Nacharbeiten der Texte, die vor allem während der Corona-Zeit entstanden sind, wird mir dies immer deutlicher vor Augen geführt. Deswegen möchte ich die, die das hier lesen, bitten, mir zu helfen - aber nicht nur mir, sondern beizutragen, sich der Zeit zu nähern, die so wenig von sich selbst sagt - als wolle sie sich vor uns verstecken. Vielleicht ist mein Versuch anmaßend, dann bitte ich das, mir nachzusehen. Danke.

  Über das Über-Über-Ich

 Von Raimund Vollmer 

In keinem anderen Zusammenhang fällt der Begriff des Jetzt so häufig wie in der Debatte um den Klimawandel, der sich – menschengemacht – in den letzten 250 Jahren zu einer selbstverschuldeten planetarischen Bedrohung aufgebaut hat. Als Folge der Maßlosigkeiten, die uns die Industrielle und die Französische Revolution brachten. Nun wollen wir, nein, wir müssen diesen Wandel stoppen. Ein für alle Mal. Mit milliardenschweren „Sofortprogrammen“. Jetzt.

Und wir fühlen uns überfordert…

Der Klimawandel definiert das Über-Über-Ich unserer Zeit, mit allerhöchsten ethischen Ansprüchen, denen wir – wenn wir ehrlich zu uns sind, liebe Frau Thunberg, liebe Frau Neubauer – niemals gerecht werden können. Schon Freud wusste sehr genau, dass ein Über-Ich „sich in der Strenge seiner Gebote und Verbote zu wenig um das Glück des Ichs“ kümmert. Und ein Über-Über-Ich wird dies erst recht nicht tun. Es aalt sich im „whole-process socialist democracy“. Es weiß ja alles schon von uns, bevor wir es selbst wissen.

„Die Welt aber im Ich zu gestalten, ist der Sinn des Lebens“, hatte vor 100 Jahren, 1921, ein etwas altkluger, 17jähriger Primaner in seinem Abitursaufsatz geschrieben. „Nur durch die Gestaltung der Welt wird das Ich zur Persönlichkeit.“ Das war Theodor W. Adorno, Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter. Beides gehört zusammen – ich und die Welt. Doch aus „Gestaltung“ wurde „Gehorsam“, aus der Welt der Staat, aus dem Ich wurde das Kollektiv. Ohne Glaube. Ohne Hoffnung. Ohne Liebe. Es herrscht nur noch die Vernunft. Da ist kein Platz mehr für Verrücktheiten, religiöse Kultur. Da jauchzt man schon, wenn es eine scheidende Kanzlerin zu ihrem Zapfenstreich rote Rosen regnen oder den Farbfilm vergessen lässt. Genug der Verrücktheiten.

„In einer säkularisierten Welt (…) wird alles durch die Gesetzesbrille des Staates gesehen und nach seinen Paragraphen behandelt“, warnte 1994 Sudhir Kakar (*1983), indischer Psychoanalytiker und seit Jahren Autor der Wochenzeitung ‚Die Zeit‘. In einer solchen Welt muss „die Gesellschaft in ihrer staatlichen Ausprägung keine Toleranz mehr üben“, sagt er, der am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt studierte und in Harvard, Princeton und an der University of Chicago lehrte. „Ein bisschen Rock ‚n‘ Roll tanzen – das Mittel der Wahl in der säkularisierten Gesellschaft, um in Trance zu fallen –,  das ist wirklich bescheiden.“[1] Das ist es in der Tat. Jämmerlich. Aber genau darauf läuft der ganze Prozess hinaus. Ein bisschen Freiheit und viel, viel Frieden. Und für die Demokratie gehen wir auch gerne mal auf die Straße. Mit der ganzen Familie. Wir verkrümeln uns in unserem Kleinbürgertum.

Ein gemeinschaftlich getragenes, ein kollektives Über-Ich, das noch über unserem persönlichen Über-Ich steht, „fragt nicht, ob es dem Menschen möglich ist, es zu befolgen. Vielmehr, es nimmt an, dass dem Ich des Menschen alles psychologisch möglich ist, was man ihm aufträgt, dass dem Ich die unumschränkte Herrschaft über sein Es zusteht. Das ist ein Irrtum“, sagte Freud 1930. Fordert man zuviel, „so erzeugt man beim einzelnen Auflehnung oder Neurose oder macht ihn unglücklich.“ Wir spüren Auflehnung. Wir entwickeln Neurosen. Wir sind auf jeden Fall unglücklich. In dieser Beziehung war die Corona-Pandemie ein exzellentes Vor- und Beispiel. Die Pandemie erscheint als der gigantische Feldversuch und Weltversuch des Über-Über-Ichs. Und dieses Über-Über-Ich ahnt inzwischen sein Scheitern. Und verdrängt es.

Jeder Querdenker ist eigentlich ein Beweis der Überforderung. Aber das Über-Über-Ich ist so von sich ÜBER-ZEUGT, dass es das nicht anerkennen kann. Stattdessen kritisiert es jegliche Kritik mit einer Heftigkeit, die auch schon wieder verräterisch ist.

Das Ich vegetierte, versteckt hinter einer Maske, auf Abstand gehalten, einzig legitimiert durch einen Impfpass oder QR-Code. Das Es, durchgenesen, durchgetestet und durchgeimpft, war ein Kastrat. Das eigene, das persönliche Über-Ich war gefangen im Lockdown der Vernunft. So geriet der Mensch unter die akute Herrschaft des viralen Über-Über-Ichs. Wir waren vakziniert, aber nicht fasziniert, möchte man herumalbern, um wenigstens noch ein kleines Zucken von sich zu geben.  

Aber es gibt Heilung für das Über-Über-Ich in seiner überwältigenden Aufgabe, die Welt zu retten. Helmut Schelsky (1912-1984), dereinst neben Adorno und Horkheimer der bekannteste Soziologe in Deutschland, hatte 1955 in seinem Bestseller, der „Soziologie der Sexualität“, erklärt, „dass der Mensch gerade in der Entäußerung an die Sache, im Aufgehen in die Institutionen als die das Ich überhöhenden Ordnungen und Seinsformen in seiner höheren und sozialen Existenzweise erst gewinnt.“[2] Wir werden also durch Gehorsam nicht schlechter, sondern besser – zumindest fühlen wir uns so in unserer säkularisierten Welt, in unserer – wie es der Philosoph Peter Sloterdijk 1994 nannte – „nachreligiösen Situation“. [3] 

Gäbe es nicht die Querdenker der Corona-Pandemie, hätten wir, die Guten, die Geimpften, die Gehorsamen, die Vernünftigen, gar keinen Grund uns aufzuregen – und uns damit kollektiv emotional zu entlasten. Auf beiden Seiten. Und so verfahren wir jetzt auch mit der AfD, die alles vergiftet – sogar unser Grundgesetz. Mit einem Mal ist nun „Die Demokratie“ unser Über-Über-Ich. Aber die Demokratie ist nicht unser eigentliches Problem. Es ist eins, in em wir uns sonnen können.

Mit dem Klimawandel strebt ein weitaus gravierenderes Über-Über-Ich nach der Dauerherrschaft, nach dem ganzen Prozess des Lebens. „Der Klimawandel ist das härteste politische Problem, mit dem sich die Welt hat jemals befassen müssen“, schrieb 2009 der wachsame ‚Economist‘. Im Unterschied zu allem, was vorher war und mit dem umzugehen, wir Jahrhunderte Zeit gehabt haben, sei der Klimawandel etwas, das uns erst seit wenigen Jahrzehnten beschäftigt. „Und die Menschheit hat dafür kein Rahmenwerk“, also keinen übergreifenden, „extensive whole process“.

All die anderen Probleme seien Kinderkram im Vergleich zu den Herausforderungen des Klimawandels. Als das Wirtschaftsmagazin dies schrieb, war Greta Thunberg gerade einmal eine Erstklässlerin.[4] 2018 war sie es, die machtvoller als jeder andere Mensch auf der Welt, nur kraft ihres Willens, den Wandel in den Köpfen der Menschen anstieß.

Ein einzelner Mensch, fast noch ein Kind.

Kein Wissenschaftler, kein Journalist, kein Politiker hatte dies vorher geschafft. Seitdem gab sie den Takt an, in dem die Welt sich ändern muss. Ein Persönchen, unbestechlich, unbeirrbar, das überhaupt nicht in das institutionelle Großspurwerk der Welt hineinpasste, platzierte endlich dauerhaft die Botschaft. „Wir können mit der Natur nicht verhandeln.“ Punkt. Nur mit uns.

„The medium ist the message“, hatte der Medienphilosoph Herbert Marshall McLuhan (1911-1980) vor einem halben Jahrhundert, 1967, formuliert, und er meinte damit vor allem die Technik selbst, nicht den Inhalt. Doch nun, 2018, war die Botschaft wieder Mensch geworden. Ein kleines, starkes Ich weckte uns. „Fridays vor Future“. Freitags ist Jetztzeit für die Zukunft. „Climate-Justice NOW“, heißt es auf den Transparenten der Bewegung. Da ist es dann, dieses Jetzt, dieses suggestive Now. 

Der Nobelpreisträger William Lipscomb meinte bereits 1989: „Auch die eingeschworensten Umweltschützer können den totalen Ausschluss von Risiken nicht erlangen. Worauf jeder Mitmensch jedoch Anspruch hat, ist die größtmögliche Risikominimierung.“[5] Das klingt vernünftig, aber auch machbar? Wir betreten das große, verwirrende Spielfeld der Politik. Und sie spielt es nach wie vor nicht gut. Denn die Situation selbst ist absurd, abnorm.

Sie ist – platt ausgedrückt – schizophren: Wir wünschen uns irgendwie, heute wäre auch morgen heute. Denn heute ist ja noch alles okay, wunschlos okay.

Wir sollen und müssen unser Verhalten total ändern, damit alles so bleibt, was wiederum nicht sein darf. Denn wir wollen ja „mehr Fortschritt wagen“. Und wir müssen jetzt entscheiden. Wir müssen Gas geben beim Bremsen. Dargestellt und Jahr für Jahr aufgezeichnet an den Daten zur Erderwärmung. Wir wollen, wir müssen den Anstieg der Temperaturen zum Stillstand bringen. In wenigen Jahren, so dringend, dass alles jetzt entschieden werden muss. Die Uhr tickt.



[1] Frankfurter Allgemeine Magazin, 20. Mai 1994, Gisela Freisinger: „Warum gibt es mehr Verrückte als Genies, Herr Kakar?“

[2] Helmut Schelsky, Hamburg 1955, Soziologie der Sexualität“, Taschenbuch, Seite 63 (Ausgabe von 1970)

[3] Frankfurter Allgemeine Magazin, 9. September 1994: „Warum sind Menschen Medien, Herr Sloterdijk“

[4] The Economist, December 5, 2009, Emma Duncan: “Getting warmer“

[5] Die Welt,16. Januar 1989, Frank Elstner: „‘Es ist noch nicht zu spät, aber fünf vor zwölf‘“