Samstag, 2. Juli 2016

Zum Tode von Alvin Toffler



Ich war seit 1980, als sein Buch "Die Zukunftschance" erschien, ein großer Bewunderer dieses Zukunftsforschers, der zehn Jahre zuvor mit seinem Buch "Der Zukunftsschock" weltweit Aufsehen erregte. Alvin Toffler besaß das, was unseren hauseigenen Propheten und Prognostikern in der Regel fehlt: eine unglaubliche Vorstellungskraft. Wo wir meinen, mit Zahlen zu erwartende Entwicklungen belegen zu können, operierte Toffler mit Beispielen aus einem schier unerschöpflichen Schatz. Er schrieb für Menschen, nicht für Kollegen. Das machte ihn zum meistzitierten Zukunftsforscher der Welt. Aus seinen Werken kann man heute noch Ideen für die Zukunft in Hülle und Fülle entnehmen. Er war ein Gigant. 
Im vergangenen Jahr habe ich mich mal drangesetzt, die vergangenen 40 Jahre, in denen ich die Computerbranche als journalistischer Beobachter begleiten durfte, zu rekapitulieren und bin dabei immer wieder in Themen hineingerutscht, die eigentlich gar nichts mit der IT zu tun haben - und dennoch durch das Wort "Digitalisierung" längst eingebunden sind in die Megatrends unseres Jahrhunderts, unseres Jahrtausends. Vorbild beim Schreiben war dabei auch immer wieder Alvin Toffler. Ich war erstaunt, wieviel wir alles haben schon wissen können, wenn wir nur gewollt hätten. Das Manuskript, das längst die ersten 100 Seiten passiert hat, lässt mich nicht mehr los. Immer wieder entdecke ich (für mich) Neues oder Vergessenes, von dem ich glaube, dass es in diese Story hineingehört. Es ist eine riesige Baustelle. Ich kann mir vorstellen, dass Alvin Toffler ähnlich gearbeitet hat. Anlässlich seines Todes wage ich mich mit meinem Manuskript mal ein wenig heraus aus meiner eher trappistischen Arbeit. Ich bin 1975 in die Computerbranche hineingerutscht - als blutjunger Journalist. Zu einem Zeitpunkt, von dem ein anderer Visionär, Peter F. Drucker, meinte, dass bereits jetzt das 21. Jahrhundert begonnen hat. Dies nur zur Erklärung. Das Manuskript hat den folgenden Arbeits-Titel:


Kapitel 4: Der Zukunftsschock

Am 1. Januar 1975 erschien auf der Titelseite der amerikanischen Fachzeitschrift "Popular Electronics" ein Bild des ersten Heimcomputers der Welt. Sein Name: Altair. Wie der ferne Stern. Und die, die ihn als erste sahen und richtig deuteten, waren die beiden Amerikaner Paul Allen und Bill Gates. Inspiriert von dieser Titelgeschichte starteten sie am 4. April 1975 das bald mit seinen Befehlssätzen auf nahezu allen Computern präsente "Projekt Microsoft".
Eine neue Ära begann. Gerade rechtzeitig. Denn es herrschte Endzeitstimmung, wenngleich aus höchst unterschiedlichen Beweggründen. Der Journalist Alvin Toffler hatte 1970 seinen Weltbestseller "Der Zukunftsschock" veröffentlicht. Was sich momentan vor unseren Augen abspiele, sei "nichts weniger als die zweite große Trennungslinie der Menschheitsgeschichte", meinte der Amerikaner, der mit seinen Werken der meistzitierte Futurologe der Welt werden sollte. Mit dem Übergang vom "Natur- zum Kulturzustand" habe die Menschheit den "ersten großen Bruch" vollzogen. Nun aber befänden wir uns in einer Epoche, die "weit umfassender, tiefgreifender und bedeutsamer sei als eine industrielle Revolution". Alles verändere sich nicht nur viel zu schnell, sondern obendrein mit steigender Geschwindigkeit.[1]
Selbst der deutsche Zukunftsforscher Robert Jungk war beeindruckt von Tofflers Werk: "Noch nie ist mit einer solchen Überfülle von Fakten gezeigt worden, wie technischer Fortschritt, der über den Produkten die Produzenten vernachlässigte, zu einer kollektiven Erkrankung führte, für die der Autor den Terminus 'Zukunftsschock' fand", meinte Jungk in einer Buchbesprechung in der Zeitschrift  "Der Spiegel", die damals noch als Nachrichtenmagazin typisiert wurde.
Das Jahr 1975 wirkte wie eine Zäsur, eine Epoche war zu Ende, eine neue begann. In Rambouillet, 50 Kilometer von Paris entfernt, hatte am 15. November 1975 auf Initiative von Frankreichs Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt der erste Weltwirtschaftsgipfel stattgefunden, zu dem sich seitdem die mächtigsten Wirtschaftsnationen der freien Welt jährlich treffen. Die Politik wollte ein Zeichen setzen.
Nachdem durch Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 das auf festen Wechselkursen basierende System von Bretton-Woods praktisch aufgekündigt worden war,  hatte die Politik vergeblich nach einer Lösung gesucht, nach einem Bretton-Woods 2.0.
1944 hatten sich die USA als einzige Nation der Welt verpflichtet, jederzeit Gold für einen festen Wert von - damals - 35 Dollar je Unze einzutauschen. Doch richtig funktioniert hatte nach Ansicht des Nobelpreisträgers Milton Friedman dieses System nur "von 1959 bis 1967".[2] Und auch da war längst klar, dass die Goldreserven der USA, die in Fort Knox versammelt waren, niemals ausgereicht hätten, um alle Ansprüche der Dollarkunden zu befriedigen. Ja, in den sechziger Jahren hatten die USA die Bundesrepublik mehrfach darum gebeten, auf einen solchen Tausch von Dollars in Gold zu verzichten, um diese Reserven zu schonen. Der französische Präsident Charles De Gaulle war da weitaus weniger zimperlich.[3] Ihn störte die Macht des Dollars ohnehin.
Auf jeden Fall ähnelte das System von Bretton Wods mehr und mehr einem Kartenhaus, das irgendwann einstürzen würde.
"Besonders kräftig schlugen die Wechselkurse zwischen 1973 und 1975 aus, als das Bretton Woods-System endgültig zusammenbrach, die Ölpreise stark erhöht wurden, die Inflationsraten kräftig stiegen und nicht zuletzt die Geldpolitik unstetig war", bemerkte 1988 der Konjunkturforscher Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel in der FAZ[4]
Je größer die Ausschläge, desto stärker wuchs in der Folge der Wunsch nach einem neuen Bretton Woods. Und Zahlen schienen die Richtigkeit dieses Begehrens zu bestätigen. Hatte in den G7-Ländern die Wachstumsrate vor der Aufkündigung der festen Wechselkurse im Schnitt bei fünf Prozent gelegen, so sollte sich die Quote in den nächsten zwanzig Jahre halbieren - einer der Gründe, warum sich viele immer wieder die Rückkehr zu dem alten System wünschten. Aber war das freie Floaten der Währungen wirklich die Ursache? [5] War es nicht vielmehr die Verschuldungspolitik der Staaten, dieses Erbe des 20. Jahrhunderts?
Auf jeden Fall schien der Primat der Politik, vor allem den der USA,  durchbrochen.[6] Die Märkte übernahmen die Macht. Es herrschte ein "Non-System", wie es Wilfried Guth, von 1976 bis 1985 Vorstandssprecher der Deutschen Bank, nannte.[7] Ein Gefühl von Anarchie breitete sich aus. Wie sollte es gebändigt werden?
Bretton Woods gehörte einer Zeit an, in der die internationalen Kapitalflüsse noch sehr limitiert waren. Doch nun zeigte der technologische Fortschritt, kombiniert mit Finanzinnovationen, mehr und mehr seine alles durchdringende Wirkung. Geld ließ sich jederzeit in Sekundenschnelle praktisch überall hin transferieren.[8] Und es sammelte sich immer mehr Geld an - mit dem Dollar als einer Art Weltwährungsersatz. Zum ersten Mal überschritten 1975 die in der US-Währung angelegten Geldbestände weltweit die Summe von fünf Billionen Dollar. [9] Dieser  Betrag wird heute täglich auf den weltweiten Kapitalmärkten bewegt - möglich durch die immensen Investitionen in schnelle Netze und noch schnellere Rechner.
Das Geld entzog sich seit den siebziger Jahren immer mehr der Kontrolle durch die Zentralbanken. Noch in den sechziger Jahren wurden sie wegen ihrer Macht bewundert - allen voran die Deutsche Bundesbank. Die Währungshüter konnten ohne eine einzige Signatur aus dem Stand heraus Milliardenbeträge hin und her schieben. Am Telefon. Doch mit dem Einzug der Computer gewannen die "Spekulanten" immer mehr die Oberhand. Gegen den Markt ging nichts mehr.
Die Dollars vagabundierte in alle Richtungen. Dabei waren die Handlungsweisen der Akteure keineswegs immer rational, wie der Nobelpreisträger James Tobin 1978 feststellte. Kurzfristige Gewinnmitnahmen durch Wechselkursschwankungen würden an den Finanzmärkten die Entscheidungen bestimmen und dabei langfristige Investitionsbetrachtungen verdrängen. Weil die beste aller Lösungen, die Vereinigung zu einer einzigen Weltwährung, seiner Meinung nach auf lange Sicht nicht durchsetzbar war, schlug er damals vor, auf jede Transaktion eine Steuer zu erheben. Weltweit. Für ihn die "zweitbeste Lösung". Sie würde eine Rückkehr zu mittel- und langfristigen Investitionen ermöglichen und den Staaten eine, wenn auch bescheidene Kontrolle über die Währungen zurückgeben. Eine faszinierende Alternative - zumal der technische Fortschritt dem überhaupt nicht entgegenstand. Eigentlich müsste die Politik darauf abfahren. Doch nichts geschah.[10]
Es kam die Zeit, in der die Chicagoer Schule mit ihren neoliberalen Ideen die Weltwirtschaftspolitik bestimmen sollte. "Die Verlagerung des Schwerpunktes nach Chicago war mir nach 1975 klar", bemerkte einer ihrer besten Vertreter, der Nobelpreisträger Gary S. Becker. Die Superstars dieser auf den freien Markt setzenden Bewegung waren Friedrich von Hayek, der 1974 den Nobelpreis erhalten hatte, und Milton Friedman, der 1976 geehrt wurde. Der Glaube an den Staat, der sich alles Wissen anmaßte, war gebrochen - aber auch der Glaube an die Wirtschaftswissenschaften erodierte. Mit ihrem durch Stabilitäts- und Beschäftigungsgesetze gestärkten Bekenntnis zu den Theorien des Briten John Maynard Keynes vermeinten sie alles, die Wirtschaft mit ihren Zyklen, im Griff zu haben. Lange Zeit schienen sie auch im Recht zu sein. 
Es war das Ende der Megalomanie, des Größenwahns, in der uns alles, was wir anpackten zu groß geraten war: der Staat und die Bürokratie, der heiße Krieg und der kalte Frieden, die Wirtschaft und die Unternehmen, die gesamte Maschinerie. Wissenschaft und Technik, Gesellschaft und Politik - sie alle hatten sich übernommen. Finanziell, aber auch geistig.
Der Zukunftsschock saß tief. Überall waren die Zeichen des Verfalls zu sehen


[1] Alvin Toffler, New York 1970, "Future Shock - Der Zukunftsschock", Seite 18
[2] Wall Street Journal, September 23, 1992, Milton Friedman: "Deja Vu in Currency Markets"
[3] Der Spiegel, 3. Oktober 1966: "Währung - Notenbanken: Letzte Hilfe"
[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Februar 1988, Joachim Scheide: "Louvre - die Illusion der Macher"
[5] Financial Times, July 28, 1994, Samuel Brittan: Not going back to Bretton Woods"
[6] Financial Times, November 11, 2008, Gideon Rachman: The Bretton Woods sequel will flop"
[7] Die Zeit, 15. Juli 1997, Nikolaus Piper: "Verrückte Kursausschläge verhindern"
[8] The Economist, April 11. 1998, "The perils if global capital"
[9] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. November 1975, Henry C. Wallich: "Geldpolitik in den Vereinigten Staaten"
[10] Financial Times, December 22, 1992, James Tobin: "Tax the speculators"

Freitag, 3. Juni 2016

Wer denkt dabei nicht an die Deutsche Bank?

1929: »Jede große Krise weist auf die exzessiven Spekulationen von Häusern hin, die niemand zuvor verdächtigt hat.«

Walter Bagehot, Wirtschaftsjournalist, 1929

Donnerstag, 26. Mai 2016

CLICK ZURÜCK NACH VORN: Das goldene Zeitalter - Ein Rückblick auf die 90er Jahre (3)



Von Raimund Vollmer (2003)
Geld ohne Grenzen
Dafür sollte auch die Globalisierung sorgen, die jetzt in die entferntesten Winkel unserer Welt vordrang. Der Anteil der Exporte am inzwischen 32.000 Milliarden Dollar schweren Weltwirtschaftsprodukt hatte sich zwischen 1960 und 2000 von 12,3 auf 23.0 Prozent nahezu verdoppelt.[1] Der Protektionismus schien besiegt. Noch zu Beginn der achtziger Jahre hatten sich die USA und die Europäische Gemeinschaft über Subventionen für die Agrarexporte einen massiven Handelskrieg angedroht. Hinzu kam die japanische Offensive, die mit ihren aggressiven Ausfuhren die amerikanische Wirtschaft platt zu machen drohte und Abertausende von Arbeitsplätzen vernichtete. »Die USA, einst Champion des Freihandels, kann sich ihn nicht mehr länger leisten«, schrieb 1982 William L. Givens, Chef der Bostoner Beratungsfirma Twain Braxton International Inc. in Business Week.[2] Und in derselben Ausgabe meinte C. Fred Bergstein, ein hochangesehener Wirtschaftswissenschaftler in den USA: »Selbst Adam Smith wäre heute ein Protektionist.«[3]
Doch das schien nun alles vorbei. Die Weltwirtschaft gedieh wie schon lange nicht mehr. Allein im Jahr 2000 hatte der Welthandel um 12,4 Prozent zugelegt. Jetzt galt es die Ernte aus dem erfolgreichen Abschluss der Uruguay-Runde einzufahren, die in der  Gründung der Welthandelsorganisation WTO gipfelte. Endlich hatten wir einen Welthandel, der so frei war wie seit hundert Jahren nicht mehr. Und dafür gab es neue Zahlen, die belegten, wie gut alles funktionierte, wie sehr alle davon profitierten.
In den USA hatten Töchter von Auslandsgesellschaften nach Berechnungen der OECD seit 1985 ihren Anteil an der Inlandsproduktion von 8,8 auf 15,8 Prozent (1996) erhöht. Sie waren  hier auch für das Jobwunder maßgeblich verantwortlich. Während die inländische Industrie pro Jahr nur 0,8 Prozent neue Arbeitsplätze schuf, wuchs bei den Auslandsfirmen die Zahl der Jobs jährlich um 1,4 Prozent. Zugleich wurden sie auch besser bezahlt.[4]
Auf dem Gipfel
Alle waren glücklich. Voller Harmonie agierten die Regierungschefs bei ihren Gipfeltreffen, in deren Glanz alle selbstzufrieden zusammenwirkten. Was hatten sie noch Großartiges zu vollbringen, nachdem die Globalisierung ihnen zunehmend die Hände band – und dabei auch noch die Wirtschaft boomte wie nie zuvor?[5] Sie waren praktisch an den Rand gedrängt. Sie hatten nur noch eine Chance: Sie mussten mitmachen, und sie wollten mitmachen. Sie wollten Geschichte schreiben – durch große, staatsmännische Entscheidungen das 21. Jahrhundert einläuten.
Auf dem EU-Gipfel in Nizza am 11. Dezember 2000 beschlossen die 15 Regierungschefs, bis 2006 ein weiteres Dutzend Ländern den Beitritt zum größten gemeinsamen Markt der Welt zu ermöglichen.[6] Und dann stand da noch die Einführung des neuen gemeinsamen Geldes, des Euros. Bald sollten die Bürger von Euroland das bislang nur virtuell vorhandene neue Geld in den Händen halten.
Anything goes
Der Glaube an eine perfekte Welt, in der jeder jederzeit über alles nach eigenem Gutdünken verfügen wird, war allgegenwärtig. Alles fließt. Anything goes. Alles rast. Alles expandiert. Die Aktienkurse, der Wohlstand, der technische Fortschritt, die Demokratie, die globale Sicherheit. »Die USA stürzten sich raketengleich durch die neunziger Jahre Das Tempo, das sie vorlegten, nannte man die Internet-Geschwindigkeit. Der Treibstoff bestand aus einer Mischung von Informationstechnologien und einsatzbereitem Kapital. Die Wirtschaft entzog sich dem Gravitationskräften eines langsamen Wachstums und strebte zu den Sternen. Das Ergebnis war ein Circulus virtuosus des Wohlstands, der tiefsitzende, soziale Krankheiten lindert als wolle er den Gesetze der Physik trotzen – und denen der Wirtschaft«, resümiert Business Week am 27. August 2001 die Boomjahre.[7] Und das Magazin war weiterhin optimistisch, obwohl die Nasdaq-Börse zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Prozent unterhalb ihres Allzeithochs vom März 2000 lag. Ein jährliches Wachstum von 3,5 statt 4,1 Prozent war zumindest für die USA auch künftig machbar. Zwei Wochen später, am 11. September 2001, gab es indes kein Vertun mehr: Die Welt stand am Abgrund.




[1] Newsweek, February 4, 2002, Stephen Roach: »Sand in the Gears of Globalization«
[2] Business Week, November 22, 1982; William L. Givens »The U.S. can no longer afford free trade«
[3] Business Week, November 22, 1982; »Back from the brink of a trade war«
[4] The Economist, January 8, 2000: »Globalisation – Foreign friends«
[5] The Economist, September 20, 1997: »The visible hand«
[6] The Economist, December 16, 2000 (Leaders); »A treat from Nice«
[7] Business Week, August 27, 2001, Lee Walczak: »America`s future - The mood now«

Mittwoch, 25. Mai 2016

CLICK ZURÜCK NACH VORN: Das goldene Zeitalter - Ein Rückblick auf die 90er Jahre (2)



Von Raimund Vollmer (2003)

Der Billionen-Bulle
Einher mit dieser technologischen Aufrüstung ging eine kolossale Belebung der Kapitalmärkte. Die Inflation, das große Schreckgespenst der siebziger und achtziger Jahre, schien im New Age endgültig besiegt. Mit 2700 Punkten war der Dow Jones-Index in das letzte Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends gestartet. Als dann das dritte Millennium problemlos seine rundum erneuerten Maschinen über die Datumsgrenze gebracht hatte, hatte der Index bereits die 11.000er Marke überschritten. Ein neues Rekordhoch, viermal höher als bei dem letzten Jahrzehntwechsel. Allein im letzten Jahr der goldenen Dekade war der Index um 25 Prozent gestiegen.[1]
Überall herrschte Zuversicht. Nach dem Crash vom 19. Oktober 1987, bei dem die Computer unter der Last der Panikverkäufe zusammengebrochen waren, hatte sich die Börsenlandschaft in ein hocheffizientes, weltumspannendes System gewandelt. Nie wieder sollten die Rechner ausfallen, erst recht nicht wegen des Y2K-Bugs.
Während die Börsen technologisch aufrüsteten, lieferten sich die Nachrichtenagenturen wie Reuters oder Bloomberg einen heißen Kampf um News und Kurse, Facts & Figures. In Sekundenschnelle boten sie ihren Kunden umfassende Analysen – mit einer Fülle und Präzision, wie sie noch zu Beginn der neunziger Jahre unvorstellbar gewesen waren. Noch im Februar 2000 hatte Reuters angekündigt, in den kommenden vier Jahren 800 Millionen Dollar in das Internet zu investieren. 65 Millionen neue Kunden wollte man damit gewinnen, die dem Großmeister der Wirtschaftsnachrichten im Jahr 2003 eine Milliarde an zusätzlichen Umsätzen bescheren sollten.[2] Schon jetzt kontrollierten die beiden Giganten 85 Prozent des 6,7 Milliarden Dollar schweren Geschäfts mit Finanzinformationen.[3] Und das Internet würde ihnen mehr und mehr Kunden zuführen.
Derart mit Details über jeden und alles versorgt, konzertierten sich die Börsen zu einer 24-Stunden-Sinfonie des permanenten Aufstiegs. Jeder konnte mitmachen, Anteile an Firmen erwerben, die zehn Jahre zuvor kaum jemand auf seinem Kurszettel hatte. Das Ergebnis: Newcomer wie der Internetzulieferer Cisco ereichte auf dem Höhepunkt der Hausse einen Börsenwert von 550 Milliarden Dollar. Und es gab nicht wenige, die in dem Shooting-Star bereits die erste Firma sahen, die eine Kapitalisierung von einer Billion Dollar, also 1000 Milliarden, erreichen würde.[4] Nahezu alle Amerikaner, die zwischen 20.000 Dollar und mehr im Jahr verdienten, besaßen nach einer Umfrage der Meinungsforschung Pew Research Center am Ende des vergangenen Jahrzehnts Wertpapiere.[5] In Deutschland, wo es 1998 so gut wie keine Onlinedepots gab, würden es nach Berechnungen Fox Pitt, Kelton in 2010 zwölf Millionen sein, die jährlich knapp 500 Millionen Transaktionen an den Börsen anstoßen würden.[6]
Im Rausch der Merger
Auch die Unternehmen, die Objekte der Begierde an den Börsen, hatten in den neunziger Jahren ihre Geschäftsprozesse auf den neuesten Stand der Technik gebracht. So erschlossen sich die Unternehmensführer mit Enterprise Resource Planning (ERP) den gesamten betrieblichen Wertefluss und den Zugriff auf bislang brachliegende Kosteneinsparungen. Sie meinten in ERP den Quell ewigen Gewinnwachstums gefunden zu haben. Wo z.B. amerikanische Wirtschaftsdaten historisch eindeutig belegten, dass mehr als sieben Prozent Profitsteigerung pro Jahr nicht drin sei, so glaubte man noch im August 2000 auf Dauer pro Jahr 18,7 Prozent herauszuholen. Dies ergab jedenfalls damals der Consensus unter den von der Marktforschung First Call befragten Analysten.[7]
Doch angesichts der immensen Skaleneffekte, die man aus dem Einsatz der Informations-Technologien erwartete,  galten historische Vergleiche längst als Makulatur. Stattdessen waren die Unternehmen nun untereinander vergleichbarer geworden. Dafür stand ERP, dafür stand aber auch die Angleichung der Buchhaltungsvorschriften. Man organisierte sich nach US-GAAP oder nach IAS. Und wo Transparenz herrscht, da wächst der Wunsch zusammen zu bringen, was zusammen gehört. Eine gigantische Fusionswelle schwappte über die Weltwirtschaft. So kombinierte sich im Lauf der Dekade die globale Geschäftswelt in einer 9.000 Milliarden Dollar schweren Übernahmewelle zu neuen Giganten, die sich aus ihrer Verschmelzung bislang ungeahnte Synergie-Effekte erhoffte.[8]
Eins griff ins andere. Vorstände, Analysten. Medien bestätigten sich auf ihren Konferenzen der gemeinsamen Zuversicht. Jeder sprach mit jedem. Jeder glaubte jedem. Jeder kaufte jeden. Auf dem Höhepunkt der Merger-Mania, im Jahr 2000, fand zum Beispiel alle 17 Minuten eine neue Fusion auf dem Globus statt.[9] Börsen, Banken, Märkte, Merger, Technologien, Strategien, Prozesse. Es war eine wohlgeschmierte Achse des Guten, um die sich ein Weltwirtschaftsvolumen von 31.400 Milliarden Dollar drehte.



[1] The Economist, January 8, 2001: »Goldilocks, pursued by a bear«
[2] Fortune, March 6, 2000,Richard Tomlinson: »Reuters $800 Million Web Bet«
[3] Financial Times, October 17, 2002, Carlos Grande: »How a media organisation famed for being first with the news ist struggling to keep pace with the market«
[4] Business Week, August 27, 2001, David Henry: »Wall Street Risks«
[5] Business Week, August 27, 2001, Lee Walczak: »America`s future - The mood now«
[6] The Economist, May 20, 2000, Simon Long: »The virtual threat – A survey of online finance«
[7] The Economist, October 5, 2002: »American corporate profits – Damned if you do«
[8] Newsweek, July 8, 2002, Karen Lowry Miller: »The giants stumble«
[9] Newsweek, July 8, 2002, Karen Lowry Miller: »The giants stumble«