Donnerstag, 21. Juni 2012

Unter der Oberfläche

Es gab eine Zeit, da war Microsoft das, was heute Apple ist: die omnipräsente Company, die die ganze Welt mit ihren Gütern beglücken würde. Aber das ist eine Geschichte, die inzwischen auch schon zehn Jahre zurückliegt. Microsoft werde das Internet komplett beherrschen und sogar eine eigene Währung herausbringen: die Microsoft-Dollars. So die Vision damals.
Es gab eine Zeit, da hatte IBM dieselbe Funktion. Auch sie wurde als die alle Lebensverhältnisse beherrschende Gesellschaft angesehen. Das ist nun dreißig, vierzig Jahre her. Und geht man noch weiter zurück, dann findet man auch den Ursprung dieser Allmachts-Phantasien: Es waren die amerikanischen Trusts zu Beginn des 20. Jahrhunderts, denen man unterstellte, dass sie sich mit all ihren Töchtern von morgens bis abends um die Bedürfnisse der Bürger kümmern würden. Da wurde das Urmuster geprägt. Seitdem wird alle Jahre wieder, immer dann, wenn ein neuer Gigant entsteht, dieses Bild vom Monopolisten heraufbeschoren. Seltsamerweise gelang es einem ehemaligen Superstar nie, die einmal besetzte Position an der Spitze der Nahrungskette nach deren Verlust wiederzubesetzen.
So wird es wohl auch Microsoft ergehen, wenn sich dieser Riese nun aufschwingt, um Apple in die Schranken zu verweisen. Der Zauber ist ein für allemal dahin. Wir wollen stets neue Helden. Das ist momentan Apple, und wenn wir - die Kunden - keine Lust mehr haben, werden wir uns einen neuen Hero suchen. Das ist der Lauf der Dinge.
Wichtig ist es nun, nicht die zu untersuchen, die da als nächste Superstars kommen werden, sondern diejenigen zu analysieren, die für alle Ewigkeit dazu verdammt sind, nur noch auf den niederen Rängen der Allmachts-Skala zu existieren. Denn dort sind unsere Arbeitsplätze. Selbst die Leute, die bei Apple arbeiten, sollten daran denken, dass ihre Firma schon den Zenith der Macht überschritten hat. Das ist gar nicht mal Apples Schuld, das ist vielmehr eine ganz natürliche Reaktion der Menschen, die man glaubte zu beherrschen: der Kunden. Irgendwann haben die Stories aus dem Haus Apple keine Faszination mehr. Sie sind verbraucht.
Es kommt aber noch etwas hinzu, was die Sieger von gestern, heute oder morgen immer im Augenblick ihrer größten Triumphe vergessen. Nichts ist so unerträglich wie ein Held, der immer gewinnt. Mehr noch: Die wahren Helden in der Literatur waren stets die Verlierer. Romeo und Julia, Faust, Don Quichote...
Sie sind die Helden, deren Geschichten alle Zeiten überdauern.
Wenn Microsoft nun antritt, es der Welt noch einmal zu zeigen, dann hat sie eine gewaltige Chance ihre eigene Reife zu zeigen und etwas zu entfalten, was Apple momentan nicht wirklich besitzt: Souveränität. Apples Geschichte ist übersät mit Niederlagen, deswegen besitzt dieses Unternehmen auch weitaus mehr Sympathie als die Vorgänger Google, Microsoft oder IBM. Aber das schützt sie nicht davor, in denselben Fehler zu verfallen, den auch ihre Vorgänger gemacht haben: das Streben nach absoluter Kontrolle. Eine Zeitlang macht der Kunde dies mit. Doch dann - urplötzlich - verliert er die Lust daran, gesteuert zu werden. So schnell, wie dies geschieht, kann sich kein Unternehmen ändern. Wir haben es bei IBM gesehen, die bis heute keine adäquate Strategie gefunden hat. Wir haben es bei Microsoft erlebt, die sich jetzt tapfer aufrappelt und beim Wiederaufstehen Pluspunkte machen wird. Wir sehen es wohl auch bei Google, dem Unternehmen, das allerdings ein sehr ambivalentes Verhältnis zur eigenen Macht hat.
Apple wird sich noch wundern. So wie Sony. Vor zwanzig Jahren schien der Japaner der unbezwingbare Held im Geschäft mit der Konsumentenelektronik zu sein. Und heute?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dieser Aufsatz hat Größe! Zeugt er doch von tiefer Kenntnis des Geschehens hinter den täglichen Schlagzeilen aus einer Perspektive, die ein paar Jahrzente umspannt und in die Zukunft reicht. Wahrlich gut gesprochen, seht der Weihrauch, mit dem sich die Marktgrößen umgeben, zieht ab. Chapeau!

Raimund Vollmer hat gesagt…

Danke!

HamptiDampti hat gesagt…

Ich kann mich meinem Vorschreiber nur anschließen. Die Klarheit, die Ehrlichkeit sind mutig und beeindruckt, die Kernaussagen auf den Punkt getroffen und offenbaren ohne Schnörkel die Historie der einstigen Helden.

Beim Lesen bin ich gedanklich abgedriftet und auf Analogien gestoßen. Welchen Aspekt des menschlichen Miteinanders man auch beleuchtet: Der Ablauf ist derselbe...Vom beliebten Klassenclown über Stars und Politiker über sämtliche Modeerscheinungen unseres Lebens: Quintessenz ist: Wer hoch steigt, fällt tief. Nach der Hybris kommt der Schock. Die einen überwinden ihn, die anderen stagnieren in Schockstarre. Auf den kleinsten Nenner gebracht lande ich bei der Frage:

Ist es überhaupt erstrebenswert ganz nach oben zu schnellen? Sind der Fall und das Wiederaufstehen nicht schmerzhafter, als der Erfolg süß sein kann? Lieber Hidden Champion als cash cow?

Der Mensch ist des Menschen Wolf. Er sucht nach Orientierung, nach Zugehörigkeit und Bestätigung/ Vergewisserung seiner Selbst. Erst indem er Bestätigung und Anerkennung gibt und wenn dies am Punkt zum Übermaß ist, entzieht er diese wieder – Zuckerbrot und Peitsche. Keiner mag diese Methode und doch überwindet sie (kaum) einer.

Danke für den tollen Anreiz, über eine rege Diskussion würde ich mich freuen.

JV

dodovonstein hat gesagt…

Es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied: Apples Produkte sind einfach f a n t a s t i s c h !!!