Mittwoch, 31. Dezember 2025

Fromme Gedanken aus alter Zeit...

Er wurde 1825 geboren. Er war offenbar ein Lausbub gewesen, dem in seiner Jugend viel verziehen werden musste. 1843 wurde er Jesuit. Elf Jahre später veröffentlichte er ein sehr frommes Buch, „Gedanken und Ratschläge gebildeten Jünglingen zur Beherzigung“. 1886 starb er, der 1855 zum Priester geweiht worden war, in Rom. Seine Name war Adolph von Doß. 

Unbekannt? Mir auch. Und ich weiß auch nicht mehr, wie sein Buch (in seiner neunten Auflage) in meine Hände kam. Ich glaube, ich habe es aus dem Nachlass eines Gymnasiallehrers bekommen habe, der eine Wohnung oberhalb derer meiner Großeltern mütterlicherseits gelebt hatte. Es waren darunter einige Werke, die ich noch heute mit großer Aufmerksamkeit lese. Das muss etwa 1972 gewesen sein. 

Gelächelt und immer wieder schnell beiseitegelegt habe ich dieses Buch, das sich ja eigentlich an mich den „gebildeten Jüngling“, für den ich mich bestimmt hielt, richtete. Warum habe ich gelächelt? Dieser Jesuit, der aus einer Familie stammte, die aus religiösen Gründen aus Schweden nach Deutschland geflohen war (Skandinavien wurde protestantisch), hatte es doch sehr gut gemeint mit uns Jungen? Ich denke, dass ich natürlich den immensen sozialen und kulturellen Wandel spürte, der sich zwischen 1854 und 1974 abgespielt hat. Aber heute trage ich nicht mehr diese Hochnase, sondern staune eher über diese „Gedanken und Ratschläge“, die mir größtenteils fremd vorkommen und doch von einer Ernsthaftigkeit und Festigkeit zeugen, die mir imponiert – auch wenn vieles komplett überholt und völlig altmodisch wirkt.

Ja, man kann darüber lächeln – und ich erwische mich beim Blättern durch das fast 580 Seiten starke Werk auch immer wiederdabei, wie ich schmunzele oder den Kopf schüttele. Heute hätten seine Ratschläge nicht einmal den Hauch einer Chance, eine erste Auflage zu erreichen. Ich würde es mir auch nie kaufen – trotzdem habe ich es über alle Umzüge und Frühjahrsputzerei behalten. Und ich nehme es auch mit ins Neue Jahr. Mehr noch: Auszüge daraus, grob herausgebrochene Zitate, möchte ich in 2026 unter meiner kleinen, schrulligen Journalyse als Serie veröffentlichen.

Vielleicht geht es Euch wie mir. Es berührt einen irgendwie. In seiner Schrägheit. In seiner Frömmigkeit. 

Ansonsten wünsche ich all meinen Freunden und Freundinnen ein Gutes Neues Jahr, an das ich eigentlich nur eine Forderung habe: Es sollte nicht von uns gute Vorsätze verlangen, sondern von sich selbst. Besser als 2025 geht es allemal, oder?

Euer Euch für so viele geistreiche Kommentare dankbarer 

Raimund (Vollmer)

Bleibt meiner Journalyse treu!  

(Nein, ich werde nicht seltsam. Ich werde nur alt...)

"Adolescens, tibi dico: Surge!" 
(Jüngling, ich sage dir, stehe auf!)

Lucas-Evangelium, KapitelVII, 14 

Die Serie beginnt am 1. Januar 2026, 00.00 Uhr.

Zum Tage: Veränderung

 »Der Geist des Menschen 
hasset nach seiner Natur 
die Veränderung, 
erstlich weil er sie außer sich 
nur bei großen Schritten und 
nie in ihrem ewigen Schleichen 
wahrnimmt, und 
zweitens weil er sie 
in sich weniger merkt, wo er 
der unveränderliche Schöpfer 
seiner eigenen ist.«


Jean Paul (1673-1825), deutscher Dichter, in 
Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht



Montag, 29. Dezember 2025

Zum Tage: Alles glauben

 „Es gibt Leute, die können alles glauben, was sie wollen; das sind glückliche Geschöpfe.“

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), deutscher Aphoristiker

Sonntag, 28. Dezember 2025

Zum Tage: Angst vor Deutschland?

 

30. Oktober 1991: „Es ist im Interesse Frankreichs, dass es im Osten Europas eine Zentralgewalt gibt. Wenn es zu einem Zerfall kommt, wenn wir zu dem zurückkehren, was bei Ihnen vor Peter dem Großen war, ist das eine historische Katastrophe, und das widerspricht den Interessen Frankreichs.“

Francois Mitterrand gegenüber Michael Gorbatschow, wobei er wohl an das wiedervereinigte Land dazwischen dachte…


Zum Tage: Grenzenlos

„Wenn die Grenzen des Möglichen, die eigentlich nur in unserem Geist existieren, einmal verschoben wurden, dann ist es sehr schwer, sie wieder aufzurichten.“

Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (1780-1831), preußischer Heeresreformer

Freitag, 26. Dezember 2025

Zum Tage: Historiker

 

„Die Historiker berichten – nicht so sehr, was wirklich geschehen ist, sondern was sie glauben, es sei geschehen.“

Benjamin Franklin (1706-1790), amerikanischer Staatsmann und Erfinder

Sonntag, 21. Dezember 2025

Zum Tage: Kein Winter mehr

 1836: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, dass es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren…“

Georg Büchner (1813-1837) in dem Lustspiel „Leonce und Lena“

Samstag, 20. Dezember 2025

Dienstag, 16. Dezember 2025

Nachschlagzeile 1985: Wenn Computer anfangen zu denken...


"Amerikanische Laboratorien haben wohlmöglich jetzt damit begonnen, das dritte wissenschaftliche Mysterium des Jahrhunderts  zu entwirren: Zuerst das Atom, dann das Gen und nun das Gehirn." 

The Economist, 29. Juni 1985 

Zum Tage: Deutschland und Russland

 1991: „Die Zentralsonne mag künftig Amerika sein, aber im Rahmen des einen großen Systems würde dann der Austausch zwischen den anderen Sternen unterschiedlicher Größenordnung und Gravitation intensiver werden als bisher.“

Dieter Cycon (1923-2013), deutscher Journalist, in seinem Buch „Die glücklichen Jahre. Deutschland und Russland“

Montag, 15. Dezember 2025

Zum Tage: Zu einem neuen Wertesystem gegendert...

 

1987: „Die (sexuelle) Befreiung hat alle in einem undefinierten Zustand zurückgelassen. Es ist immer das gleiche: Einmal befreit, muss man sich fragen, wer man überhaupt ist… Die Zeichen des Männlichen, aber auch die des Weiblichen neigen sich dem Nullpunkt zu. In dieser Konjunkturphase sieht man neue Idole aufsteigen, die sich nicht zuordnen lassen und die mit dieser Geschlechtsmischung spielen. Gender benders. Weder männlich noch weiblich, aber auch nicht homosexuell. Boy George, Michael Jackson, David Bowie… Zuguterletzt wird weder Weiblich noch Männlich übrigbleiben, nur die Vermehrung individueller Geschlechter, die sich ausschließlich auf sich selbst beziehen und die sich wie autonome Unternehmen selbst verwalten. Das ist das Ende der Verführung, das Ende der Differenz, der allmähliche Übergang zu einem neuen Wertesystem.“

Jean Baudrillard (1929-2007), französischer Philosoph und Soziologe

Samstag, 13. Dezember 2025

Nachschlagzeile: Das war einmal wahr....


 Die Welt, 7. Mai 2001, Bahn-Werbung

Zum Tage: Reisen

 „Reisen ist in der Jugend ein Teil der Erziehung,
im Alter ein Teil der Erfahrung.“

Francis Bacon (1561-1626), englischer Philosoph und Staatsmann

 

Freitag, 12. Dezember 2025

Zum Tage: China, Russland und die pyromanischen Feuerwehrleute

 „Taktische Bündnisse für einzelne Unternehmungen sind mit dem Kreml oder anderen ebenso zwielichtigen Mächten denkbar, um die Mörder aufzuspüren. Aber einen strategischen Block mit Russland und mit China zu bilden, würde bedeuten, sich nach pyromanischen Feuerwehrleuten zu richten.“

André Glucksmann (1937-2015), französischer Philosoph, nach dem 11. September 2001

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Zum Tage: Der Krieg

 „Der Krieg ist ein Gewaltakt, der dazu dient,
dem Gegner unseren Willen aufzuzwingen.“

Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (1780-1831), preußischer Heeresreformer

Montag, 8. Dezember 2025

NACHSCHLAGZEILE: USA 1971

Amerika - seiner Illusionen beraubt

Die Zeit, 3. Dezember 1971

Unterzeile:  "Bilanz einer Reise: 
Die Amerikaner sind es leid, die Last aller anderen zu tragen"

Von Marion Gräfin Dönhoff 

Zum Tage: maximal wahr

 „Wenige Maximen sind wahr in jeder Hinsicht.“

Luc de Vauvenargues (1715-1747), französischer Autor

Freitag, 5. Dezember 2025

Nachschlagzeile: Golan 1991

 "Der Traum vom Golan als einem Disneyland"

Die Welt, 5. Dezember 1991 

 

"Warum sollte man hier nicht 
eine Art Disneyland bauen 
für syrische und israelische Kinder?"

Aussage eines israelischen Militärexperten 

 

 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Eventskalender 2025: Rumpelkammer

 „Die Weltgeschichte ist alles
andere als ein Weltgericht,
sie ist eine Rumpelkammer,
in der sich jeder bedienen kann.“

Adam Krzeminski (*1945), polnischer Journalist und Publizist

Dienstag, 2. Dezember 2025

Eventskalender 2025: Liebe

"Die einzige Hoffnung 
der Menschheit ist Liebe 
in jeglicher Form und Äußerung
 - die Liebe zum Leben 
ist die Quelle aller Liebe."

Isaac B. Singer, jüdisch-amerikanischer Schriftsteller (1904-1991) 

Montag, 1. Dezember 2025

Eventskalender 2025: Entschuldigung

 "Wenn es eine gute Idee ist, 
dann realisiere sie ganz einfach! 
Es ist weitaus einfacher, 
sich zu entschuldigen, 
als eine Erlaubnis zu bekommen."

Grace Hopper (1906-1992), Mutter  von Cobol

 

 

Freitag, 28. November 2025

Mittwoch, 26. November 2025

Nachschlagzeile: PUTIN 2012


 

Nachschlagzeile: Geldsperre 1991

 1991: „Bonn droht Moskau Geldsperre an“

Die Welt, 10. Mai 1991

Zum Tage: Goethes Kulturhauptstadt?

 „Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstätte Wien und Berlin oder gar nur eine, dann möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stünde? Ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Kultur Hand in Hand geht.“

Johann Wolfgang von Goethe als thüringischer Landesminister zur Frage der Hauptstadt in seinen Gesprächen mit Johann P. Eckermann

Dienstag, 25. November 2025

Nachschlagzeile: Erdgas 1989

 "Erdgasrechnungen 1989 
nur unter Vorbehalt begleichen"

Die Welt, 26. Januar 1989

 

"Abnehmer verlangen kartellrechtliche Prüfung der Preisbildung"

 

 

Montag, 24. November 2025

Zum Tage: DER POLITIKER

 „Regieren ist kein Ding für Leute von
Charakter und Erziehung. Niederträchtig,
Unwissend muss man sein! - -
         Du hast ja, was
Ein Demogog nur immer braucht: die schönste
Brüllstimme, bist ein Lump von Haus aus, Krämer,
Kurzum, ein ganzer Staatsmann!“

 Aus der Kommödie „Die Ritter“ des Aristophanes aus dem Jahre 424 vor Christus

Freitag, 21. November 2025

Nachschlagzeile: Ostblock 1990

 "... DANN MÜSSTE DIE DDR AUS DEM OSTBLOCK AUSSCHEIDEN"

Die Welt, 13. Januar 1990

"Die Einbindung der DDR in Schengen würde bedeuten, dass die DDR aus dem, was einmal Ostblock hieß, ausscheiden muss."

Innenminister Wolfgang Schäuble 

Mittwoch, 19. November 2025

Nachschlagzeile: IST MERZ ASOZIAL? (2004)

 "WIR NÄHERN UNS KOLLEKTIVER DEKADENZ" 

Die Welt, 30. November 2004 

„Es ist wirklich asozial, solche Schulden zu machen auf dem Rücken unserer Kinder, die sich dagegen mit dem Stimmzettel nicht wehren können.“

Friedrich Merz (*11.11.1955), CDU, nach seinem Rücktritt als Fraktionsvize über die Schuldenpolitik der Schröder-Regierung

Dienstag, 18. November 2025

GAIA - Eine Ausstellung in Sankt Blasien






 Gefilmt habe ich dieses Bild der Erde, eine sich drehende Kugel in dem Dom zu Sankt Blsien im Schwarzwald - aber nur für private Zwecke, weil ich dazu eine Musik wählte, die sofort die GEMA auf den Plan rufen würde - und gewidmet habe ich ihn meiner Familie. Ich war überwältigt - und möchte zumindest ein Hauch davon, wie das Regnum vom Sacrum umfasst wurde hier wiedergeben. Spuren von uns Menschen sucht man übrigens vergeblich auf diesem Planeten. Das hat mich am mneisten erstaunt. Raimund Vollmer

Journalyse-Fotos: R.V.

Nachschlagzeile: Putin 2001 (9)

 "'Putin ist ein Glücksfall für Russland'"

Die Welt, 15. November 2001 

"Putin ist sehr pragmatisch, 
er handelt wie ein Manager. 
Schritt für Schritt arbeitet 
er seine Prioritätenliste ab..."

Wladimir Potanin (*1961), Milliardär und Präsident der Industrieholding Interros 

 

Montag, 17. November 2025

Zum Tage: Maximen

 „Wenige Maximen sind wahr in jeder Hinsicht.“

Luc de Vauvenargues (1715-1747), französischer Auto

Sonntag, 16. November 2025

Zum Tage: Ruhm

 „Der Ruhm ist eine jugendliche Form der Blindheit.“

Arthur Miller (1915-2005), amerikanischer Schriftsteller

Samstag, 15. November 2025

Drei Jahre später immer noch aktuell?
  

Eine unzeitgemäße 
Betrachtung von Raimund Vollmer

ERSTER AKT

1990: „Wir gehen jetzt einer Zeit entgegen, in der der Frieden gefährlicher wird als der Krieg.“
Friedrich Dürrenmatt (1921-1991), Schweizer Schriftsteller und Dramatiker
 
 
Erstveröffentlichung am 6. Mai 2022. unterder Überschrift "Jetzt reicht's"
 
Ich bin nur ein ganz kleiner Staatsbürger, längst verschwunden im Rentnerdasein, im Nichts des Nichtstun und des Nichtsnutz. So bin ich natürlich voll darauf angewiesen zu hören und zu denken, was die, die denken, dass sie klug und weise denken, so denken. Und deshalb studiere ich demütig Emmas Brief an unseren Bundeskanzler, der vor allem ihr Bundeskanzler wird, wenn er denn so denkt wie sie und nicht wie die anderen, die Frieden schaffen mit schweren Waffen. So jedenfalls lautet die Absicht. Ihnen reicht's.
Doch Emmas Freunde halten dagegen: Zwei Grenzlinien seien JETZT erreicht, schreiben die 28 Unterzeichner des Briefes, der mit größter Inbrunst verfasst wurde – voller edlen, vornehmen Gemüts, dass es einem, der sich bis zum 29. April 2022 traute, es anders zu sehen, ganz mulmig wird.
Da sei „erstens das kategorische Verbot, ein manifestes Risiko der Eskalation dieses Krieges zu einem atomaren Konflikt in Kauf zu nehmen.“ Das klingt sehr intellektuell, das ist es wohl auch. Sehr vernünftig und getragen. Auch das Zweitens, das „Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“, dem ein Ende gesetzt werden müsse, markiert eindeutig eine Grenzlinie, die uns einzäunen soll. Was will man dagegen sagen!
Ja, es reicht. Es ist schon viel zu viel Leid geschehen. Auf beiden Seiten, hallt es aus dem Emma-Tal: „Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis“. Das ist schön gesagt, all der Schriftsteller und Feindenker würdig, die ihn unterschrieben haben. Edelmütig warnend. Irgendwann – so lese ich in meiner Schlichtheit heraus – wird sich ansonsten die Ukraine so sehr gewehrt haben, dass sie in die Rolle des Aggressors zu fallen droht. Dann gilt fortan: Böser Selenskyj, armer Putin!
Aber wahrscheinlich habe ich das alles falsch verstanden. Ich sollte das Denken den 28 Aufrechten überlassen! Sie denken klüger.
Wir leben unter dem Diktat einer Bombe, deren paradoxe Funktion darin besteht, dass sie nicht gezündet wird. In dem Augenblick, in dem dieses Tabu gebrochen wird, ist alles vorbei. Wer immer den Finger am Trigger hat, zerstört sich unweigerlich selbst.
So dachte ich bisher.
Als ich noch lange kein Rentner war und der Kalte Krieg die Welt für immer und ewig in das Reich des Bösen und in das des Ronald Reagan teilte, da wagte ich mich an eine These heran, die so böse klang, dass sie fast schon wieder gut war: „Die einzige Chance, die Atombombe abzuschaffen, besteht darin, sie zu zünden.“ So formulierte und fabulierte ich vor mich hin. Natürlich nur in der Duschzelle. Vierzig Jahre ist das her – und ich war felsenfest davon überzeugt, dass niemand die Atombombe abschaffen würde. Zum Glück. Für uns alle. Emma hatte Recht.
Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
***
ZWEITER AKT
1990: „Mitunter habe ich den Eindruck, die Welt spielt ein noch verrückteres Theater.“
Friedrich Dürrenmatt (1921-1990), Schweizer Schriftsteller und Dramatiker, über seine eigenen Stücke
 
Vor 60 Jahren, am 21. Februar 1962, wurde in Zürich das Stück „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt uraufgeführt. Prominent besetzt. Es spielt in einer Irrenanstalt, in der nur eine Person wirklich verrückt ist: die behandelnde Ärztin (Therese Giehse). Zwei der drei Insassen, der eine nennt sich Einstein (gespielt von Theo Lingen), der andere Isaac Newton (Gustav Knuth), tun nur so, als seien sie diese Physiker, deren Namen sie tragen. Sie sind in Wirklichkeit Geheimagenten und wollen an das Geheimnis des dritten Physikers namens Möbius (Hans-Christian Blech) heran: er allein besitzt – ebenfalls bei vollem Verstand – die Formel, nach der sich die ganze Welt vernichten lässt. Die drei Physiker sind sich am Ende einig, dass nicht die Welt vernichtet werden sollte, sondern das Wissen darum – doch die Ärztin hat die Formel längst kopiert…
Das Stück spielt in einem einzigen Raum – so, als sei es die Ukraine. Und wenn man nun meint, dass alle, die in diesem Raum sind, hier bleiben wollen, dann dehnt er sich zu einer Welt unter dem Schutz der Atombombe, die zwar der komplette Irrsinn ist, aber unter der wir es uns fast schon gemütlich gemacht haben.
Gemordet wird sowieso.
Bei Dürrenmatt sind es Einstein und Newton, in der Ukraine Putin und Selenskyj, der eine Geheimagent, der andere Schauspieler. Verrückter geht’s kaum. In seiner Ausbildung zu dem, was er war, ein KGB-Offizier, wurde Putin einem strengsten psychologischen Training unterzogen. Ja, er lernte, wie man inmitten eines Irrenhauses seinen Verstand behält.
Würde er mit den Mächtigsten der Welt in einem Raum eingesperrt sein, dann - so ein Szenario - würde sich Putin absolut still verhalten, um jeden der Anwesenden genau zu studieren. Andererseits könne er auch, um sich vor den Gedanken der anderen zu schützen, stundenlang damit beschäftigen, seine Schuhe zu putzen, um sich auf keinen Fall von irgendjemandem beeinflussen zu lassen.
Zweiundzwanzig Jahre später wissen wir, dass er beides getan hat: Er hat alle um sich genau studiert und zugleich stur seine Schuhe geputzt.
Er hat erkannt, was die Welt ist: ein Irrenhaus. Es ist ein Tollhaus, das unter dem Schutz der Atombombe steht. Ungestraft können wir hier unsere Verrücktheiten, unsere Kriege und Terrorakte begehen. Die Bombe alle, schützt auch ihn. Denn es steht in seiner Macht, die Bombe NICHT zu nutzen, also das Gegenteil von dem zu tun, was Emmas Freunde befürchten.
Ist das nicht der pure Wahnsinn? Die Bombe ist der Schutz, unter dem er seine ganzen Greueltaten entfachen kann. Vor diesem Hintergrund wirkt der Emma-Appell wie ein Freibrief. Verhandeln ist für Putin wie Schuhe putzen.
„Nur im Irrenhaus sind wir noch frei“, behauptet Möbius. Er ist jener Physiker, der die Weltformel zur totalen Zerstörung der Erde gefunden hat. Aber er hat sie vorsorglich vernichtet. Er sagt: „Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“
Der Emma-Brief ist diese Art von Sprengstoff nicht, keine Befreiung. Im Gegenteil: seine Absicht ist es, das Irrenhaus zu schützen. Geht das gut? „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, wird Dürrenmatt im Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ zitiert. Das war am 28. Februar 1962.
Sechzig Jahre treibt die Geschichte genau auf diese Wendung zu. Und sie wird uns überraschen. Dürrenmatt hat es vorausgesehen: „Tritt die atomare Selbstvernichtung nicht ein, gerät die Menschheit in eine noch nie geahnte geopolitische Zwangslage, Eingriffe in die Wirtschaft und in die Persönlichkeitsrechte werden notwendig, politische Umwälzung.“ Das wäre die schlimmstmögliche Wendung.
Es wäre der Verlust unserer Würde, es wäre der Verlust von allem, was wir in den letzten 250 Jahren mühsam errungen haben.
Solche Appelle wie dieser Emma-Brief sind nichts anderes als der Aufruf dazu, den Schlüssel wegzuwerfen, der uns aus dem Irrenhaus befreien könnte. Dann - allerdings - haben wir tatsächlich den Verstand verloren.
Wir müssen handeln, nicht verhandeln. So hart das ist. Wir haben schon zu lange gewartet. Übrigens ein Argument, das auch Putin für sich reklamiert.