Mittwoch, 13. November 2013

Nach Snowden: FAZ fordert Subventionen für die IT-Branche

(Kommentar) Man kann es förmlich sehen, wie sich heute morgen der Chef der Bitkom in seinem Büro in Nürnbergs Paumgartnerstraße, dort, wo normalerweise der Hochsicherheitsbetrieb DATEV seinen Sitz hat, die Hände reibt. Denn bei der Lektüre der FAZ, die inzwischen wieder hemmungslos in den Konservatismus der sechziger Jahre zurückfällt, wird er auf Seite 1 auf einen Kommentar gestoßen sein, der dem Verbands-Boss der IT-Wirtschaft sehr gefallen haben wird. Da schreibt ein Nikolaus Busse an prominentester Stelle unter der Einwort-Überschrift "Abgehängt" einen "Leitartikel", der - ohne das Wörtchen zu benutzen - hemmungslos nach Subventionen für die IT-Branche schreit.
Weil kräftig genährt vom Pentagon hätten in den vergangenen Jahren die IT-Giganten der USA elektronische Spionagewerkzeuge entwickelt, die dafür gesorgt haben, dass "der verbliebenen Weltmacht nicht nur militärisch keiner das Wasser reichen kann, sondern auch im Nachrichtenwesen. Das wird den Vereinigten Staaten noch auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte die globale Vormachtstellung sichern." Und weil das so ist, so kommt er am Schluss zu der Ansicht: "Wenn die europäischen Regierungen die Privatsphäre und die Sicherheit ihrer Bürger ernsthaft schützen wollen, dann müssen sie bereit sein, dafür Geld auszugeben."
Zwischendurch steht ein Satz, den man in ähnlicher Form in den sechziger Jahren bei dem Publizisten Jean-Jacques Servan-Schreiber (Die amerikanische Herausforderung), in den siebziger Jahren bei Simon Nora/Alain Minc (Die Informatisierung der Gesellschaft) oder in den achtziger Jahren bei Leo Nefiodow (Europas Chancen im Computer-Zeitalter) hätte lesen können. Bei Busse heißt im Gebetsmühlenstil: "Zum ersten Mal seit der industriellen Revolution ist der alte Kontinent bei der Entwicklung einer Schlüsseltechnologie abgehängt worden. Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge, Fernseher - all das wurde noch in Amerika wie in Europa hergestellt. In der IT-Branche dagegen haben die Europäer in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitgehend kapituliert."
Solche Sätze, in namhaften Publikation oder Büchern (die kommen bestimmt noch) veröffentlicht, dienen einzig und allein dazu, den arrvierten Unternehmen der IT den direkten Weg zu den Fleischtöpfen der Regierung freizumachen. In Wirklichkeit aber steht dahinter die geistige Bankrotterklärung unserer IT-Branche. Immer wieder - wie auch jetzt - dienten die staatlichen Zuwendungen nur dem Ziel, eine Aufholjagd zu inszenieren, an deren Ende man wieder - wie in den sechziger Jahren - feststellen mussste, dass das "technological gap" (JJSS) zwischen USA und Europa wieder mindestens fünf Jahre beträgt.
Es ist nicht so, dass wir nicht die kreativen Geister hätten, um mit den USA gleichzuziehen oder gar ihnen vorauszueilen. (Fragen Sie mal die Amerikaner, mit wessen Technologie IBM 1993/94 gerettet wurde. Verschämt werden sie zugeben, dass es das IBM Labor Schönaich gewesen ist.) Es ist nicht so, dass wir nicht die finanziellen Ressourcen hätten, um ganz schnell, ganz vorne zu sein. Woran es in all den Jahrzehten gescheitert ist, war das Management dieser Unternehmen. Es ist derart fixiert auf das, was die Amis uns vormachen, dass es außerstande ist, jene Dinge zu sehen, die kommen werden. Das Management dieser Unternehmen guckt nach Amerika - und damit in die Vergangenheit, in das, was sichtbar und offen-sichtlich ist. Und der Reflex heißt dann immer Aufholjagd. Und man schielte dann nach Bonn, heute nach Berlin. Man setzt auf die Politik, auf Macht.
Jean Monnet, der Mann, der sich unser Europa ausgedacht hat, meinte einmal im Rückblick auf die europäische Einigung: "Wenn ich noch einmal anfangen könnte, dann würde ich mit der Kultur beginnen", also nicht mit der Wirtschaft - und ganz bestimmt nicht mit der IT-Wirtschaft.
Keine Macht der Welt, aktuell auch nicht die Macht der NSA und ihrer amerikanischen Erfüllungsgehilfen, kann auf Dauer den Kampf gegen eine Kultur bestehen. Das ist es, was Monnet uns eigentlich mit diesem Satz sagen wollte. Die IT-Branche hat nie eine Kultur entwickelt, das haben - wenn überhaupt - die Benutzer getan. Und das ist es, was sich in Facebook etc. gerade entwickelt, eine neue, eine sehr vitale Kultur. An ihr werden die alten Götter der Spionage und der Subventionen, der Big Data und des Big Business, scheitern. (Ganz vorsichtig bekommen dies die "neuen" Götter namens Google, Facebook, Twitter schon zu spüren.)
Der Ruf nach Subventionen - den der Bitkom unterschwellig schon die ganze Zeit kommuniziert - ist nichts anderes als der Rettungsring einer Weltanschauung (sollte man besser sagen: Geldanschauung), die uns seit fünfzig Jahren kein Stück weitergebracht hat. Es ist schön zu sehen, dass sich wenigstens im Feuilleton der FAZ einige Redakteure ernsthaft bemühen, diese Kultur des Internetzeitalters zu entwickeln, Nur schade, dass sie dazu immer wieder auf amerikanische Autoren zurückgreifen müssen.
Wo sitzen in den Wirtschaftsinstituten Deutschlands oder Europas die Weisen, die intellektuell gleichziehen mit den Ideen der Amerikaner? Die einzige Aufholjagd, die wir wirklich leisten müssen, besteht darin, endlich mal unseren eigenen Verstand zu benutzen - die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Dass da ein Signal von der Bitkom und der IT-Industrie kommt, sollten Sie allerdings nicht erwarten.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wir brauchen wohl beides. Kluge Geister, Visionen und Subventionsmilliarden des Pentagon haben Silicon Valley ermöglicht.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Vergessen wird, dass das Silicon Valley die Friedensdividende zahlen musste, als nach dem Fall der Mauer die Rüstungsetats massiv reduziert wurden. Die Innovationen, von denen das Valley heute lebt, geschahen in den Jahren, in denen kein Geld aus Washington kam. Ich habe diese ganze Märchen so satt, auch das Pentagon hängt sich nur an das, was andere VORHER sich ausgedacht haben. Und ich befürchte, dass die Gelder, die der Staat dazu lenkt, die sind, die den Managern des Leben ermöglichen, die dann den nächsten Innovationsstrom verhindern. In zehn Jahren werden wir vom Valley ganz, ganz anders sprechen. Weil dann die Neuerungen ausbleiben. Meine ich.

Anonym hat gesagt…

Die Garagenfirmen, die Firmen, deren Mythen man gern erzählt, sind dann aber doch mit den Milliarden des Kalten Kriegs groß geworden. Ohne Geld geht es nicht. Mit den Visionen eines Steve Jobs allein kann niemand eine Firma wie Apple aufbauen, auch wenn sich diese Story gut als herzerwärmende Gute-Nacht-Geschichte eignet.

Raimund Vollmer hat gesagt…

Das stimmt, habe ich auch nicht gemeint. Wenn schon Kritik am Valley, dann die richtige. Nach der Friedensdividende verloren Tausende von Raketenwissenschaftler in Kalifornien ihren Job und erdachten sich die Derivate, die dann von unfähigen Bankern jene Krise erzeugten, die mit der Lehman-Pleite ihren Höhepunkt erlebten. Diese Leute sind unglaublich intelligent und kreativ, die, die Milliarden verwaltten (ob im Pentagon oder in den Wirtschaftsunternehmen und Banken) aber nicht. Das Problem ist, dass die falschen Leute das Geld haben. Und damit ist nichts gegen das Geld gesagt... (Nur mal so als Gedankenexoeriment. "Sire, gewähren Sie Gedankenfreiheit", heißt es bei Schiller. "Sire, gewähren Sie Gedanken", formulierte treffender Werner Fink, Kabarettist)
Apple wurde erst nach dem Kalten Krieg wirklich groß!!! Wo hatte Jobs wirklich eigene Visionen? Gut und wirklich mutig war er nur bei Pixar. Und das ist natürlich auch wieder eine kalifornische Story, die allerdings mit dem Pentagon nicht soviel zu tun hat.

Analüst hat gesagt…

staatlich gelenkte Subventionen – das war der Ostblock. Und der ist daran gescheitert...

Übrigens: Innovation ist auch in D möglich. Beispielsweise gibt es in der Software-Branche so was wie eine SAP oder – immer noch!! :-)))) – eine Software AG. Solche Erfolgsbeispiele ermuntern auch Jungunternehmer...

Raimund Vollmer hat gesagt…

Lieber Analüst, Uralt-Beispiele, aber man darf Unternehmer ja auch nicht mit Managern verwechseln...

Analüst hat gesagt…

Ich sprach ja auch von Jungunternehmern - und nicht von Jungmanagern