„Wir Europäer haben uns auf die Rolle der Griechen im Römischen Reich reduzieren lassen. Die nützlichste Funktion, die ein Italiener oder Franzose ausüben kann, besteht in diesen Tagen darin, einem Amerikaner oder Japaner zu lehren, welche Trinktemperatur ein Rotwein haben sollte.“
Luigi Barzini (1908-1984), italienischer Schriftsteller
Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Vor 50 Jahren titelte der von mir als stillem Leser sehr geschätzte Historiker Michael Stürmer (*1938) in der FAZ: „Die ratlosen Europäer auf der Suche nach dem neuen Cäsar“. Es war klar, dass ihn diese Suche zu Napoleon führen würde, der für ihn und auch für sich selbst eher ein Zufallsfund in der Rolle des neuen Cäsars war. Zurzeit macht es keinem große Schwierigkeiten, sich einen solchen Cäsar wieder herbeizudenken. Aber der Zufall will uns keinen schenken, der auch das Potenzial dazu hat. Zum Glück, sage ich mir als Kleinbürger, wobei ich gestehen muss, dass ich im Unterschied zu vielen anderen Kleinbürgern diesem Napoleon nie Bewunderung entgegengebracht habe. (Wenn ich es mir denn überhaupt erlauben darf, in dieser Beziehung öffentlich eine Meinung äußern zu dürfen.
Heute, ein halbes Jahrhundert nach Michael Stürmers ganzseitigem Aufsatz, wage ich mich noch weiter vor in meiner unmaßgeblichen Meinung. Ich glaube, dass unterschwellig diese Sehnsucht nach einem „Führer“ (und der war für mich das Finalprodukt eines Cäsars) wieder erwacht ist. Hitler wollte ein Europa schaffen – und das hatten die Deutschen damals durchaus begriffen und motivierte sie zum Krieg. So konnte ich es zum Beispiel aus einem Briefwechsel entnehmen, in dem sich die Mutter einer ganz normalen Familie zu diesem Europa euphorisch bekannte. Sie war bestimmt kein Nazi, wie ich aus den anderen Briefen entnehmen konnte.
Europa war eine faszinierende Idee, die aber immer wieder von Kriegen erstickt und pervertiert wurde, mit denen die Idee eigentlich realisiert werden sollte. 1848 wäre es dennoch beinahe so weit gewesen. Stürmer erinnerte in seinem Aufsatz daran, dass damals diese Revolution überall in Europa ausbrach. Er schreibt: „Die Jahre 1848/49 bezeichnen die erste Revolution, die ganz Europa durchläuft.“ Doch das Ergebnis ist eher traurig. „Seitdem ist nicht nur in Frankreich, sondern auch diesseits des Rheins der Boden des Cäsarismus bereitet.“ Dieser Cäsarismus äußerte sich vor allem national – und endete schließlich im Ersten Weltkrieg, um dann nach den Weimarer Wirren in Deutschland Hitler den Lorbeerkranz aufzusetzen, mit dem Napoleon geschmückt wurde.
Natürlich war Hitlers Europa ein germanisiertes Europa, so wie vor mehr als hundert Jahren im Osten die Idee eines Panslawismus aufkam, hinter dem in Wirklichkeit die Idee des Panrussismus stand. (Ich habe 1972 als Gymnasiast ein Referat darüber halten müssen.) Heute haben wir den Panputismus, und – mit dem Blick in die USA eine Art des Pantrumpismus.
Wir in der EU sind nun versucht, uns einen Pancäsarismus zu wünschen. Ganz schüchtern, ganz verhalten tun wir das. So, wie es sich für gute Kleinbürger gehört. Diesen Wunsch, so richtig auszudrücken und auszuformulieren, wagen wir nicht. Wir drucksen herum, schauen konsterniert auf den Rechtsruck in diesem Europa, dessen Zukunft wir wohl in den vergangenen fünfzig Jahren verspielt haben. Mit unserem bis in die Spitzen der Politik gepflegtem Kleinbürgertum.
Cäsarismus gedeiht auf der Basis solchen Kleinbürgertums. So mein Verdacht – als Kleinbürger, zu dem ich mich nach und nach machen lasse. Es ist ein schleichender, schleimiger Prozess. Ich überlasse meine Meinung anderen. Schließlich weiß ich gar nicht mehr, was meine Meinung ist.
„Deutschland muss umlernen“, titelt heute der FAZ-Journalist Nikolaus Busse in seinem Leitartikel auf Seite 1 seiner Zeitung. Der Tenor lautet, dass sich jedes Land selbst helfen muss – weder auf die NATO noch auf die EU voll und ganz setzen kann. „… die Verteidigung muss im Kern nationalstaatlich bleiben“, meint er. So souverän schreibt man über eine Politik, die sich an ihre eigene Souveränität erinnern muss. „Die analytische Schwäche des deutschen Diskurses und die vielen Fehlentscheidungen der Vergangenheit haben damit zu tun, dass es bei uns immer wieder darum gegangen ist, wie man die Welt verbessert und nicht, wie man in ihr besteht.“ Sehr klar, sehr wahr. Besser kann man unser Kleinbürgertum gar nicht beschreiben. Und doch ist es nicht Deutschland, das umlernen muss, sondern wir, jeder von uns.
Aber wohin? Zum Cäsarismus, den wir seit 50 Jahren suchen – und der hat in den aktuellen 20er Jahren anderswo bereits eine fulminante Karriere gemacht? In den USA, in China, in Russland? Alle drei Imperien streben nach territorialen Erweiterungen. Mit undemokratischen Mitteln im Kalkül. Sie fallen zurück in das imperialistische Denken des 19. Jahrhunderts. Die NATO-Erweiterung, die ja auf der Freiwilligkeit der sich anschließenden, demokratisch gesinnten Länder basierte und dies auch erst nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes, hat mit Imperialismus gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: sie ist das Bollwerk gegen den Imperialismus eines Cäsars namens Putin. Was sich änderte, war, dass die NATO, deren Name sie ja vor allem als Seemacht definierte, sich nun in eine Landmacht verwandelte – wie es Russland und China immer waren. Und es war – wie wir hier schon einmal daran erinnert haben – so, dass in den punischen Kriegen, die Landmacht Rom die Seemacht Karthago besiegte.
Vielleicht ist genau dies das Motiv, das darin besteht, dass der Cäsar in Washington neu definiert, was Landmacht bedeutet: USA plus Kanada und Grönland. Die NATO, die wie die EU aus einem Zusammenschluss souveräner Staaten besteht, hat solche Ideen nicht. Sie hat überhaupt keine Idee – außer, im Falle der EU, einer fatalen “Buy European“-Kampagne.
Aber all das sind Gedanken, die sich für uns Kleinbürger nicht ziemen. Natürlich werden wir aufrüsten, früher taten wir dies, um „abwehrbereit“ zu sein, heute, um „kriegstüchtig“ zu werden. Das ist schon ein Unterschied: „abwehrbereit“ wollten wir sein in Zeiten höchster Nuklearbedrohung, im Kalten Krieg. „Kriegstüchtig“ müssen wir nun werden im Angesicht Drohnen-Bedrohung. Wir werden auf Angriff, nicht auf Abwehr programmiert. Abwehr allein genügt nicht, lehrt uns die Ukraine, aber auch der ganze Nahost-Konflikt.
Es ist schon eine andere Welt, die wir betreten – vielleicht auch deshalb, weil wir unsere stärkste Waffe nicht mehr scharf machen: die Demokratie. Stattdessen haben wurde sie im Rahmen der gescheiterten Versuche des „nation building“ verraten und als untauglich markiert. Dabei ist sie die größte Schutzmacht aller Kleinbürger. Sie setzt jeden von uns als Souverän. Kein Wort darüber bei Michael Stürmer, kein Wort darüber bei Nikolaus Busse.
Ich bin mit Leidenschaft Kleinbürger.
32 Kommentare:
Vielen Dank! 👍
Sorry: Das Resümee biegt m.E. falsch ab. Die Demokratie wie wir sie real kennen, hat sich nie um Kleinbürger geschert. Und Kleinbürgern war die Demokratie dann recht, wenn Prosperität included war. Gab's irgendwelche Störungen, wurden rechte Sprüche, Ansichten laut, bis zu Ihrem heutigen Ruf nach Cäsar. Aber im Kern sind das Rufe nach Ordnung.
Ich sehe ein anderes Problem, wie es in der DDR und danach offensichtlich wurde: Die arbeitenden Massen/Kleinbürger wurden mehr und mehr unzufrieden, aber sie waren nicht in der Lage, sich ein Ziel zu formulieren. Wie auch derzeit wieder. Es gärt, aber wie der Druck aus dem Kessel kommt, darum geht's dem Kleinbürger eigentlich nicht.
Und in dieser Unordnung, Ziellosigkeit entsteht immer der Wunsch: Einer soll's richten.
Ob Trump, Putin, Chi; wird in Kauf genommen, dass das Autokraten sind.
Das zeigt eher, wie groß der ziellose Wunsch ist, das Gegenwärtige zu überwinden.
Was ist das für eine Demokratie, in der man den Bürger schon lobt, dass er zu Wahl geht, und man von guter Wahlbeteiligung spricht, wenn mehr als die Hälfte ihren lahmen demokratischen Arsch bewegen.
Unter den Staatskünstlern stehen die Männer, die jene ewigen Verträge schließen, welche so wenig Ewiges haben, oben an.
Demokritos IV
K.J. Weber
1767 - 1832
Brot und Spiele – das stellt schon seit der Antike den gemeinen Bürger zufrieden
Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.
Alexander der Große, Cäsar und ich, wir haben große Reiche gegründet durch Gewalt, und nach unserem Tod haben wir keinen Freund. Christus hat sein Reich auf Liebe gegründet, und noch heutzutage würden Millionen Menschen freiwillig für ihn in den Tod gehen.
HB
Gute Überlegungen!
Was bedeutet die Sehnsucht nach einem "Caesar"? Bei den meisten ist das der Wunsch, dass eine(r?) kommt, der es "einfach mal richten soll". Schluss mit den ewigen Streitereien, Ende der Debatte, endlich einfach mal machen.
Nicht verstanden und leider nicht mehr allgemein wertgeschätzt ist die Erkenntnis, dass zur Demokratie der Wettstreit um die besten Lösungen gehört.
Die verbreitete Sehnsucht nach einem "starken Mann" oder nach dem "Ende des Geschwafels" ist zutiefst faschistoid und sehr bedenklich.
Die Devise heißt: aufwachen, Demokratie und offene Gesellschaft aktiv verteidigen. Sonst heißt es bald:
Germania, mundus, quo vadis?
In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.
Dabei ist es alles andere als einfach
Die Demokratie setzt die Vernunft im Volke voraus, die sie erst hervorbringen soll.
Die Medien sind bellende Wachhunde der Demokratie, und die Demokratie ist bekanntlich das beste politische System, weil man es ungestraft beschimpfen kann.
Es kommt nicht so sehr darauf an, dass die Demokratie nach ihrer ursprünglichen Idee funktioniert, sondern, dass sie von der Bevölkerung als funktionierend empfunden wird.
Wenn irgendwo zwischen zwei Mächten ein noch so harmlos aussehender Pakt geschlossen wird, muss man sich sofort fragen, wer hier umgebracht werden soll.
Demokratie darf nicht zum Weichspülgang verkommen! Unsere ist es aber. Früher hat der den Hasen geschnappt, der am schnellsten und am klügsten war. Heute bekommt der den Braten, und das noch staatlich subventioniert, der am besten diskutiert und präsentiert, und selbstverständlich am besten gendert. "Einer für alle, alle für einen" hat noch nie gestimmt. Aber so weit wie heute waren wir, glaube ich, noch nie davon entfernt. Das Gift wirkt. Leider muss ich da der "freien Presse" eine Mitschuld geben. Beiträge, wie der von Raimund, wünsche ich mir in unserer Medienlandschaft!!! Danke Raimund.
Heute schon sahnt die AfD ab, indem deren Vertreter ihre Verwandschaft in Lohn und Brot kungelt…
Schrecklich ist die Volksmasse, wenn sie schlimme Führer hat.
Das haben die sog. Altparteien seit jeher gemacht und die Parlamentsverwaltungen hacken das ab und bezahlen.
Die AfD hat das Pech, das einzelne offenbar übertrieben haben und sie am Dauerpranger stehen, egal was sie machen.
Sie haben natürlich recht. Die Gleichen sind eben nicht gleich, wenn man sie auf dem Kiecker hat.
Kritisieren muss man auch die Parlamente, die da nicht genau hinschauen (wollen).
....das soll faschistoid sein?
Demokratie und offene Gesellschaft aktiv verteidigen?
Welche Demokratie, welche Gesellschaft? Gibt es über diese Konsens?
Wer verteidigt die Demokratie wirklich?
Das ist in Wirklichkeit Rückwärtsverteidigung, wie wir sie schon mal von den Sozis beim Bund hatten. Vorher sagte hier jemand zurecht: planlos, ziellos.
Der Begriff ' offene Gesellschaft ' ist ein intellektueller Irrtum.
Das 'offen' separiert eine Gesellschaft, verhindert jede Gemeinschaft, fraktiert alle gemeinschaftlichen Modelle und züchtet alle Egoismen.
Lieber Raimund,
ich habe Deinen Text aufmerksam gelesen. Man spürt Deine Erfahrung, Dein Gedächtnis und auch Deine Sorge. Und ich kenne Deine Ironie gut genug, um zu wissen, dass Dein „Kleinbürger“ keine Selbstanklage ist, sondern eine journalistisch-literarische Figur. Gerade deshalb nehme ich sie ernst.
An einer Stelle möchte ich Dir dennoch leise widersprechen. Du ziehst eine Linie von 1848 über Weimar bis heute, als sei der Zusammenbruch der Weimarer Republik fast zwangsläufig gewesen. Das sehe ich anders. Weimar war nicht nur Wirren und Scheitern, sondern auch ein ernsthafter Versuch, unter extremen Bedingungen Demokratie zu leben. Sie ist nicht daran gescheitert, dass Demokratie schwach wäre, sondern daran, dass zu viele sie innerlich aufgegeben haben. Das ist ein Unterschied.
Du beschreibst unsere Gegenwart als zögerlich, fast gelähmt. Ich frage mich, ob diese Trägheit nicht auch eine Schutzfunktion hat. Demokratie ist langsam, weil Meinungen gebildet werden müssen, weil gestritten wird, weil Entscheidungen durch Parlamente, Gerichte und Verwaltungen gehen. Dieser Instanzenweg ist mühsam, aber er verhindert gerade dadurch, dass Macht sich bündelt und unkontrolliert durchregiert. Man könnte fast sagen: Ein Präsident wie Donald Trump würde an der deutschen Verwaltung und an unseren Beamten vermutlich verzweifeln – und vielleicht ist genau das gar kein schlechtes Zeichen. Was wie Schwerfälligkeit wirkt, ist oft eingebaute Vorsicht gegen Machtkonzentration.
Gleichzeitig gebe ich Dir recht: Wir dürfen nicht zulassen, dass der Staat mit all seinen Verästelungen zum Selbstzweck wird. Er ist kein eigenständiges Wesen, das sich selbst verwaltet. Er ist Ausdruck des Willens seiner Bürger. Wenn dieser Wille erlahmt oder sich aus Bequemlichkeit delegieren lässt, dann entsteht jene innere Leere, die Du beschreibst. Nicht weil wir einen Cäsar suchen, sondern weil wir uns selbst zu wenig zutrauen.
Vielleicht liegt die Aufgabe also weniger darin, die Sehnsucht nach dem starken Mann zu beklagen, sondern die eigene Bereitschaft zur Verantwortung zu stärken. Demokratie schützt uns – aber sie lebt nur, wenn wir sie tragen.
Herzlich
Michael
So ist es. Ich habe übrigens auch eine positive Meinung zu Weimar. Weimar wurde schlecht gemacht von denen, die sich vor direkter Demokratie fürchten, die aber gar nicht die Ursache für den Untergang war. Nicht wir haben damakls den falschen Reichspräsidenten gewählt (obwohl diese Figur auzs heutiger Sicht schon fraglich ist), sondern dieser den falschen Reichskanzler - zu einem Zeitpunkt, als der Zuspruch zur NSDAP bereits rückläufug war. Ich bin eher ein Fan von Weimar. Den Bezug zu 1848 finde ich deshalb so faszinierend, weil er - in Ergänzung zu meiner Kleinbürger-Story - dauaf hinweist, dass wir 100 Jahre gebraucht haben, um endlich eine stabile Demokratie zu bekommen. Wir mussten allerdings dazu befreit werden. Insofern sind wir ein gelungenes Beispiel für Nation Building. Die Frage ist nur, wie sieht die Welt im Jahr 2048 aus. Leider lebe ich dann nicht mehr. Aber interessieren täte es mich schon ganz arg, um mich mal ein bisschen schwäbisch zu äußern. Ja, wie Du bin ich für den "Kleinbürger aus Leidenschaft", einer der weiß, dass er die schärfste Waffe, die Demokratie, selbst in der Hand hat. Und deswegen möchte ich auch hier - wie Du - das Maul aufmachen. Aller Fortschritt basiert auf Kritik. Kant bemerkt in einer Fußnote zu seiner Kritik der reinen Vernunft: "Dies ist das Zeitalter der Kritik." Es darf eigentlich nie zu Ende gehen. Aber genau die Institutionen, die Du hier aufzählst, scheuen Kritik. Sie möchten sie abschaffen. Ihr Traum ist das "Ende der Geschichte", so wie es ihr Weltgeist Hegel verlangt. Herzlichst Raimund
Es gibt den Kleinbürger - und den Kleinbürger. In meiner Umgebung habe ich wiederrholt gehört: "Wir können da sowieso nichts machen." Nicht sehr befriedigend. Das war einer der Gründe, warum ich diesen Beitrag schreiben musste. Ich will das nicht akzeptieren, auch wenn ich natürlich um unsere Ohnmacht weiß. Rein rational, emotional aber nicht. Da wird mein eigener, innerer "Cäsar" wach, den ich zugleich auch bändigen muss. Und wenn ich sehe, dass die einen, die Verwalter der Macht, alles tun, um vor allem und fastausschließlich ihren eigenen Arsch zu retten, dann überkommt mich heiliger Zorn, während die anderen versuchen, meinen (unseren) Zorn auf ihren alternativen Stimmzettel zu lenken, dann werde ich sehr rebellisch. Wenn die Wahl zwischen Bürokraten und Bauernfängern (beide Prototypen des Spießers) das ist, was ich zu entscheiden habe, dann läuft etwas fundamental falsch. Dann ist auch tatsächlich die Demokratie in Gefahr. Es kann doch nicht sein, dass - wie hier in Baden-Württemberg - die Hochzeit eines Spitzenkandidaten Einfluss nimmt auf das Wahlergebnis. Da wird die Wirkung zur Ursache - und das ist der direkte Weg in den Nihilismus. Solche Wege will ich nicht gehen. Emotional geantwortet. Raimund
Hysterie ist heute die Lifestyle Teilzeitkraft und ersetzt politische Vernunft.
Man hat den Eindruck, dass von den Millionen Bahnfahrern Tausende jeden Tag das Personal zu Tode drangsalieren. In Bussen und U-Bahnen fühle ich mich allein gelassen und fordere doppeltes Personal und Bodycams für jeden Fahrgast.
Der Staat, der den Menschen in den Verwaltungen der Städte und Gemeinden, der Länder und des Bundes begegnet, soll den Forderungen nach guter Nachbarschaft und der Qualität der Lebens unterworfen sein, denn ihre Wirklichkeit ist entscheidend von ihm bestimmt. In unserer Geschichte stand der Staat dem Volk allzu lang wie eine fremde Macht gegenüber.
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Es geht uns darum, dass die vielen Einzelnen ihre Heimat in dem Staat finden, den eine schmale Schicht von Mächtigen früher und lange wie ihren Besitz behandelt hat. Wir wollen den Staat zum Besitz aller machen.
Identität und Bürgerstaat
Aus der neuen demokratischen Identität zwischen Bürger und Staat ergeben sich Forderungen. Der Bürgerstaat ist nicht bequem. Demokratie braucht Leistung. Unsere Aufgaben sind ohne harte Arbeit nicht zu erfüllen. Auch nicht ohne den Mut, unangenehme, manchmal sogar erschreckende Wahrheiten zu akzeptieren.
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Der vitale Bürgergeist, der in dem Bereich zu Hause ist, den ich die neue Mitte nenne, verfügt über eine exakte Witterung für die Notwendigkeit der Bewahrung von Grundrechten des Lebens. Er ist sensibel genug, die neuen Schnittlinien progressiver und bewahrender Interessen zu erkennen.
Regierungserklärung 1973: Und ein Jahr später war Brandt weg. Es ist die Politik, die den Bürger nicht aushält. Und es ist die Bürokratie, die die Politik nicht aushält. Und so verabschiedet sich der Staat (und das ist vor allem die Exekutive) von uns Bürgern.
Ob man fatalistisch sagt, man kann sowieso nichts machen, oder ob man dagegen rebellieren will: Es kommt doch letztlich nur darauf an, welche Wirkung und Folgen das hat. Können Sie noch was erzielen, oder opponieren Sie bloß? Wo ist Ihre Hoffnung, ist Ihr Einfluss? Ist unsere Verwaltungsdemokratie noch lernfähig und was bräuchte es, dass sich was ändert. Reicht da die Gegenstimme des frustrierten KleinBürgers?
Oder was machen wir?
Brandt war ein Stasi-Opfer - und sein Nachfolger Schmidt Schnauze ein Opfer der geltungssüchtigen FDP. Adenauer, Brandt und Schmidt, das waren noch Kanzler mit Format! Man könnte sogar sagen: Führungspersönlichkeiten von Format. Danach sind wir abgeschlappt - auch an der Spitze…
Leider!
"Bringt man den unelektrischen Körper in den Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist hergestellt, und beide Körper sind einander, an Elektrizität, völlig gleich. "
Aus: Allerneuester Erziehungsplan
Vermischte Aufsätze aus den "Berliner Abendblätter"
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