Freitag, 16. Oktober 2026

Die Neue Mitte: Ohne Selbstvertrauen, ohne Verantwortung

 Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

Mit der mir eigenen Arroganz stelle ich folgende Behauptung auf: Seit Kriegsende hat sich in dem Deutschland, das sich seit der Gründung 1949 den Namen Bundesrepublik vorausschickt, alle zwanzig Jahre eine neue Mitte gebildet.

-   Zwischen 1945 und 1965 herrschte die Adenauer-Generation, die sich selbst 1957 mit der absoluten Mehrheit der Stimmen triumphal feierte.

-   Zwischen 1965 und 1985 war es die Generation der Babyboomer, die erst alles auf den Kopf stellte, sich dann 1972 mit der höchsten Wahlbeteiligung aller Zeiten systemtragend präsentierte und ihre Demokratie als sozialliberal definierte.

-   Zwischen 1985 und 2005 war es die Generation der Grünen, die sich als Minderheit und dann sogar als Teil der Regierung ideologisch an die Spitze aller anderen „Mitten“ stellte, die einsahen, dass sie argumentativ dieser umweltbewussten Generation nichts mehr entgegensetzen konnten.

-   Zwischen 2005 und 2025 erlebten wir in und nach den Merkel-Jahren die allmähliche Erosion der Mitte, die möglichweise sich inzwischen gänzlich aufgegeben hat. Links und rechts entstehen Machtblöcke, die unter sich mehr und mehr das aufteilen, was einmal die Mitte bildete.

Was – so möchte ich mit der mir eigenen Ignoranz fragen – wird nun die Zeit zwischen 2025 und 2045 bestimmen? Immerhin habe ich mir diese Frage selbst durch diese Aufteilung serviert.

Natürlich falle ich zurück in die Haltung aller Menschen, die sich ihrer eigenen Bescheidenheit rühmen wollen: Ich weiß es nicht. Also, jedenfalls müsste ich dies antworten, wenn Sie mich fragen würden.

Da mich aber keiner fragt, kann ich ja in aller Ruhe meine Antwort wagen: Jetzt, in einer Zeit, in der sich die Mitte nicht mehr personal (Adenauer), institutionell und strukturell (Demokratie & Technologie) definiert, aber auch nicht mehr bereit ist, sich klimakatastrophal (Grüne) hinzugeben, stehen wir vor einem völlig neuen Phänomen: Bislang setzten sich neue Mitten immer wie eine weitere Schicht  über die vorherigen. Die Babyboomer überlagerten die Adenauerzeit, und das Umweltdenken subsumierte die Kraft der sozialliberalen Mitte. So überstanden wir, die "Mitten", alles – auch den Prozess der Wiedervereinigung. Er war ein gemeinsamer Erfolg von Ost und West, ein Erfolg der Mitte. Generell gesprochen.

Wenn aber 83 Prozent der Bevölkerung kein Vertrauen mehr hat in die Regierung (und jede Regierung, so behaupte ich mal mit all meiner mir eigenen Inkompetenz, würde dieses Misstrauen verdienen), dann zielt das in die Mitte unserer Gesellschaft, wenn es denn diese, also die Gesellschaft, überhaupt noch gibt. Wir haben noch nicht einmal mehr Vertrauen in uns selbst.

Wir haben die Mitte durch eine ausufernde Bürokratie ersetzt, die an alles, was einmal persönliches, bürgerliches Engagement war, sich mit ihren expansiven Systemen und Abläufen gesetzt hat und nun mit Entsetzen feststellen muss, dass sie durch nichts und niemanden mehr geführt werden kann. Jede Reform scheitert. Sie verschlingt sich selbst, um eine Formulierung von Hannah Arendt aufzugreifen. Die alten Mitten haben sich noch selbst geführt, durchaus antagonistisch, sehr demokratisch, mit begrenzten Dominanzdauern. Die Bürokratie hat sich seit den neunziger Jahren mehr und mehr ihrer bemächtigt, untergraben und heimlich in einem Maße ausgeweitet, dass sie nicht mehr ersetzt oder durch eine neue Mitte überlagert werden kann. Zu viele Menschen in zu vielen Berufen, Wirtschaftszweigen und ehedem privaten Beziehungsgeflechten sind davon abhängig. Sie haben jede Verantwortung an die Systeme und Verordnungen, informationstechnisch definierten Prozesse abgegeben. 

Das macht eine Beliebigkeit des eigenen, persönlichen Denkens frei, die alle inneren Widersprüche an die Seite drängt und uns gefahrlos an die linken und rechten Ränder verführt. Ohne Verantwortung. Im Grunde genommen entwickelt sich tatsächlich eine neue Mitte, es ist die Mitte der Verantwortungslosigkeit.

Ich möchte – man verzeihe mir die Arroganz – nicht dazu gehören. Und irgendwann – ich werde nächstes Jahr 75 – bin ich ja sowieso alle Verantwortung los. Es sei denn, mein mir eigener Kinderglaube, der noch aus der Adenauer-Zeit stammt, bewahrheitet sich…

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Zum Tage: China - nicht reich, aber alt

 "Im Jahr 2020 wird China mehr Menschen über 65 haben als die USA insgesamt an Bevölkerung. Es wäre damit die erste globale Macht, die alt wird, bevor sie reich wird."

Wall Street Journal, 28. Juni 2013 

Subventionen: 320 Milliarden für uns oder für die Katz?

 Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer

 Dienstleistungen sind etwas, was man nicht auf Vorrat herstellen kann, die – zumal persönlich erbracht – kaum zurückgenommen werden können oder übertragbar sind, die sich durch ihre Individualität den starren Mechanismen und Abläufen einer Maschine zu entziehen scheinen. Die Nachfrage nach Dienstleistungen ist nicht vorhersehbar. So die Erklärung in Lehrbüchern.

Dienstleistungen lösen individuelle Probleme.

Wir argwöhnen, dass das so nicht stimmt. Nehmen wir den großen Bereich der Logistik. Hier erscheinen nahezu alle Verfahren automatisierbar – von der Lagerhaltung bis hin zu sich selbststeuernden Drohnen und Autos. Und mit unserer Vorstellung vom sich selbstfüllenden Kühlschrank sind wir längst dabei, diese Logistik in unsere Wohnung hineinzulassen. Individuelle Dienstleistung wird automatisierbar. 

Darum geht's den Cybertycoons. Wie kann dies gelingen? Der Trick ist ganz einfach: Der Mensch, der Verbraucher, wird selbst restlos Teil des Systems. Er wird sogar zum wichtigsten Teil, indem er gar nicht mehr als Individuum wahrgenommen wird, sondern als Datensatz. Als Objekt, das mehr und mehr programmierbar wird. Zugleich soll er alles bezahlen. Er ist der Point of Pay. Um das zu erreichen, werden hochintelligente Versorgungslinien aufgebaut. Um den Verbraucher geht der Kampf des 21. Jahrhunderts.

Der Politologe Bernd Guggenberger meinte bereits 1989: „Die 'vollkommene Gesellschaft, die niemals fehlt und irrt, ist nur denkbar, wenn auf das menschliche Verhalten die nämlichen Prinzipien angewandt werden, die für die physikalische Welt verbindlich sind. Mit anderen Worten: Die vollkommene Gesellschaft besäße die Attribute der Maschinenwelt.“ Das wäre nach seiner Meinung auch das Ende von „Wandel und Fortschritt“. Denn alles läuft perfekt.

Er zitiert Daniel Bell: „Automation im weitesten Sinn bedeutet im Effekt das Ende der Messung von Arbeit.“ Der Grund: „Bei der Automation kann man die Arbeitsleistung eines Menschen nicht messen, man muss jetzt einfach die Nutzung der Anlage messen.“ [1] Schaut man auf unsere Wirtschaft hin, dann wird man mit großer Verblüffung feststellen: Exakt das passiert momentan. In der Cloud, in der Mobilität, im Steuersystem – überall wird unsere Welt umgestellt. Je mehr alles Nutzung ist, desto mehr muss es auch aufgezeichnet werden – Big Data interessiert sich doch gar nicht für uns, sondern nur für das, was wir nutzen.

„Die sozialen Rangunterschiede können nur auf den gemeinsamen Nutzen gegründet werden.“ So heißt es im Ersten Artikel der französischen Revolutionsverfassung vom 3. September 1791.[2] Wir sind alle auf das Gemeinwohl verpflichtet.

Dabei tun die neuen Herrschaften genau das, was alle Trusts, nicht nur die amerikanischen, schon immer getan haben. Sie wollen Märkte nicht nur besetzen, sondern sie wollen sie monopolisieren. Das geschieht durchaus in weltweiten Maßstäben. Um diese Ambitionen zu kontrollieren, gibt es seit mehr als 100 Jahren die Antitrustgesetze. Während Rockefellers Standard Oil und die Eisenbahnbarone der USA versucht haben, ihre Monopolabsichten mit allen Mitteln und gegen die Interessen der Verbraucher durchzusetzen, sind Apple, Amazon, Google, Meta & Co. daran interessiert, den Verbraucher auf ihrer Seite zu haben. Wir sind ihr Herrschaftsobjekt, ihr Machtpotential, Träger der Macht, ihr Monopol, ihr Eigentum. Wir sind eingebunden in ihre „digitalen Dienste, die nahezu obligatorischen Charakter haben“, um den zum Kritiker gewandelten Pionier Jaron Lanier zu zitieren. 

 Die deutsche Wirtschaftsgeschichte wurde weniger geprägt durch Trusts als vielmehr durch Kartelle, nicht durch Einbindung, sondern durch Abzäunung. Kartelle versuchen, Grenzen zu setzen: Preisgrenzen, Marktgrenzen, Absatzgrenzen. Oftmals stand – zum Beispiel in der Kaiserzeit – sogar staatlicher Wille dahinter, der mit diesen Kartellen die Zusammenballung von Macht fördern wollte. »Und über allen diesen Kon­zen­trationen die größ­te von allen: der Staat«, schrieb 1958 der Historiker Golo Mann.[1] So wurden 1897 viele der Kartelle, die sich im Deutschen Reich vor allem gegen Importe aus den USA gebildet hatten, durch einen Gerichtsbeschluss legalisiert. Preise wurden festgesetzt und Produktionsquoten festgelegt.[2] Die Verschwörungen kannten dabei insgeheim nur einen Gegner: den Verbraucher.

Vor allem aber ging es darum den Wettbewerb zu beschränken. So kommt es zu Verbindungen und Absprachen zwischen Unternehmen oder Berufen, wobei die Beteiligten kapitalmäßig nicht unbedingt miteinander vereint sind. Im Unterschied zu den amerikanischen Trusts..

Deutschland galt als das „klassische Kartell-Land der Welt“, wie 'Der Spiegel' 1957 schrieb. 1911 gab es rund 600 Kartelle, Mitte der zwanziger Jahre – als die Wirtschaft boomte – waren es 3000. Osram, Philips, Siemens und AEG formten zum Beispiel 1924 in der Schweiz unter dem Namen Phoebus ein Glühlampenkartell, dem sich 1929 noch General Electric zugesellte. Da wurden die Märkte zugeteilt, die Preise festgesetzt und sogar bestimmt, dass die Glühbirnen nicht länger als 1000 Stunden halten durften, obwohl technisch 3000 Stunden möglich waren.[3]

Mit der Weltwirtschaftskrise sank die Zahl der Kartelle auf 1600. So war es im Jahr 1934. Vier Jahre später waren es bereits wieder 1900. Die Nationalsozialisten hatten erkannt, dass Kartelle das probate Mittel waren, um eine Zwangswirtschaft einzuführen. Aus Deutschland wurde mit dem 2. Weltkrieg das „Land der Kartelle“, in dem die Zahl gar auf die Rekordmarke von 3000 Kartellen anschwoll.[4] Die Besatzungsmächte versuchten auf der Basis des Potsdamer Abkommens dem Treiben ein Ende zu setzen. Aber die Welt der Absprachen hielt dagegen, auch wenn so manches Kartell aufgedeckt und auf der Basis von Alliierten–Gesetzen vor Gericht gestellt wurde. Die erwischten Unternehmen „zahlten lautlos ihre Strafe“ ('Der Spiegel'), um nicht auch noch in die Schlagzeilen zu geraten.[5]

Die Kartelle waren zumeist als Vereine getarnt, ganze Industrien hatten sogar beim Wirtschaftswunderminster Ludwig Erhard offiziell um eine Kartell–Erlaubnis angefragt. Schaute man sich diese Bittsteller näher an, dann kamen sie vor allem aus Industrien und Händlerschaften, die im nationalen Wettbewerb standen. Den wollte man im Griff haben. Mit der Drohung, dass sie andernfalls vor dem Zusammenbruch stünden, bettelten sie um eine Genehmigung. Doch Erhard blieb hart. Zu Recht. Von Zusammenbrüchen war nichts zu spüren.

Dennoch war es nach dem Krieg alles andere als einfach, ein Kartellgesetz zu verabschieden. Die Industrie machte mächtig Druck. Es trat erst 1958 in Kraft. Nach sieben Jahren zäher Verhandlungen war es Erhard endlich gelungen, das Gesetz gegen den erbitterten Widerstand aus den Unionsparteien und der Wirtschaftslobby durchzusetzen.

Vergeblich hatte die Wirtschaft versucht, das Kartellgesetz zu Fall zu bringen. Sie musste sich etwas Neues einfallen lassen. Und so kam die Zeit der staatlichen Förderungsprogramme, der Subventionen, die zu Beginn der siebziger Jahre der Wirtschaft und auch den Bürgern ein Multimilliardengeschäft bescherten, ohne dass die Politik je eine Chance hatte, die Droge abzusetzen. Waren es 1974 allein in der Bundesrepublik Deutschland bereits 60 Milliarden Mark, so hatte sich der Betrag 1985 auf 120 Milliarden Mark verdoppelt.[6] Im Jahr 2013 – so die Berechnungen des Kieler Instituts für Wirtschaftsforschung – lagen die Unterstützungsleistungen für Wirtschaft und Bürger bei rund 150 Milliarden Euro. 2026 werden es 320 Milliarden Euro sein.

Auch wenn der Bürger durch diverse Programme selbst von diesen Subventionen zu profitieren vermag, ist es doch in erster Linie ein Geschäft zwischen Staat und Wirtschaft, die sich gerne der öffentlichen Töpfe bedient.

Schaut man sich den gegenwärtigen Zustand unserer Wirtschaft und unserer Infratstrukturen an, fraght man sich: Hätte man sich dieses Geld nicht sparen können? 

Eine böse Frage, die noch dadurch böser wird, weil sich die Wirtschaftsforscher inzwischen fragen, ob nicht alles - ohne Subventionen - sehr viel besser aussähe? Aber da ja auch die Wirtschaftsinstitute von öffentlichen Geldern abhängig sind, fragt man sich das natürlich  nur im angelsächsisch geprägten Ausland. Und selbst da ist es inzwischen eine sehr gefährliche Frage, die am besten offen bleibt. Auch der Schreiber dieser Zeilen stellt sie erst am Ende einer langweiligen Betrachtung...

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Zum Tage: Biermanns Diagnose

 1992: „So hat sich der Medizinbetrieb, zuerst allmählich und dann immer stärker, vom Bereich des Helfens und Heilens gelöst und ist zu einer Mega-Industrie geworden – wichtiger als die Energiewirtschaft, umsatzstärker als die Automobilindustrie, politisch sensibler als Verteidigung und Rüstung. Aus dem Prinzip des ‚Third party payment‘, nach dem der eine verordnet, der zweite liefert und der dritte bezahlt, ist eine gigantische Umverteilungsmaschine geworden, die ihre unaufhaltsame Dynamik paradoxerweise nicht trotz, sondern gerade aus der sich immer mehr in ein Verordnungsdickicht verheddernden staatlichen Planwirtschaft entwickelt.“

Hans Biermann (*1954), Verleger und Mediziner, Autor des Buches „Die Gesundheitsfalle“


Dienstag, 6. Oktober 2026

Dürfen Beamte ins englische Parlament?

 „Nein, und die Engländer sind da irrsinnig streng. Wenn also – ich sage das einmal im Deutschen – ein Regierungsrat sich als Kandidat aufstellen lässt, ist er am nächsten Tag ohne Pension.“

Theodor Eschenburg (1904-1999), deutscher Politikwissenschaftler am 21. Oktober 1994 in der Wochenzeitung Die Zeit. Wobei Beamte in England „Civil Servants“ genannt werden und damit auch die Angestellten im Öffentlichen Dienst umfasst. Sie können sich nicht beurlauben lassen, sondern müssen ihre Arbeitsstelle kündigen. Diese Bestimmung (Gesetz) gilt seit 1975.

Der Deutsche Bundestag zählt 179 Beamte/Angestellte im Öffentlichen Dienst.  Damit ist diese Berufsgruppe überproportional im Parlament repräsentiert. Der Deutsche Bundestag hat 630 Mitglieder.

Sonntag, 4. Oktober 2026

Zum Tage: Mensch und Tier

 „Da der genetische Code für alle Arten gleich ist, wissen wir, dass die Tiere unsere biologischen Brüder sind und dass der Mensch dem Tierreich entstammt.“

Alfred Kastler (1902-1984), deutsch-französischer Physiker und Nobelpreisträger

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Deutschlandfunk: Windows - oder die Sendung mit der Maus

 Ich hörte gerade in eine Sendung meines Lieblingssenders Deutschlandfunk hinein. Es ging um PC-Betriebssysteme. Ich konnte es mir nicht verkneifen, einmal ein paar Bemerkungen per Email abzugeben. Leider war das kurz vor Schluss. Es wird wohl keine weitere "Konsequenzen" haben. Egal: Ich kann mir vo9rstellen, dass Ihr, meine Freunde, auch etwas dazu zu sagen habt. Hier meine Bemerkungen.

Wenn es um erfolgreiche Verbreitung von  Software geht, ist es meines Erachtens wichtig, dass sie „fehleranfällig“ ist. Das hört sich zuerst seltsam an, habe ich aber in mehr als 50 Jahren als Beobachter der Szene wiederholt bestätigt gesehen. Schon DOS eroberte mit seinen Abstürzen die Lufthoheit über den Stammtischen. Apple-Leute konnten da nicht viel dazu beitragen. Mit Windows verstärkte sich diese „Mundpropaganda“. Denn die Erzählungen kannten immer nur einen Sieger: den User. Unterstützt wurde er von den Medien, die bis heute davon leben Tipps und Tricks zu verraten. Überhaupt: je mehr Berater eine Software hinter sich versammeln konnte, desto besser ließ sie sich verkaufen. Und wenn dann auch noch die Software – wie es richtigerweise heißen müsste – ohne gesonderte Berechnung, also kostenlos, mitgeliefert wurde und das ohne Markenbindung, dann stand dem Erfolg nichts mehr im Wege. Die Benutzeroberflächen sind alles Derivate der legendären Parc-Lösung von 1973, die wiederum ihre Ursprünge in den sechziger Jahren hat. Die Computer-Maus wurde zum Beispiel bereits 1966 patentiert. Und man muss sich nur mal eine Präsentation von Douglas Engelbart, dem Erfinder, aus den sechziger Jahren auf YouTube anschauen, um zu erkennen, wie alt die Ideen sind. Selbst die Marketingmasche mit der kostenlosen Verbreitung von Software stammt aus dieser Zeit. Software verkauft Service – und das gilt bis in diese Sendung hinein.Raimund Vollmer

Ein (letztes) Buch: Petrus


 

Mittwoch, 30. September 2026

Verrückte Welt

 Ich muss das jetzt hier einmal loswerden: Als ich mir heute mal ansah, mit welchen Themen ich journalistisch in irgendwelche Stories hineingelockt werden sollte, habe ich gedacht: Wir Journalisten sind es, die tagtägliche diese Welt für verrückt erklären - nur um Stories loszuwqerden, die es nicht wert sind, gelesen zu werden...

Ich habe versucht, die Headlines zu kopieren, aber man landet dann immer nur auf der Seite, die man gar nicht lesen will. 

Wollte ich nur mal sagen, obwohl ich mich wahrscheinlich mit dieser Kommentierung in dieselbe Reihe einordne...

Raimund Vollmer 



Ein (letztes) Buch: Fukuyama


 

Montag, 28. September 2026

Ein (letztes) Buch: Gadamer

 

Vor einigen Monaten habe ich beschlossen, ein letztes Buch zu schreiben - es enthält persönliche Erinnerungen an Menschen und Ereignisse, aber auch die Aufbereitung von alten Texten und Zitaten. Vor allen Dingen die Zitate und deren Autoren liegen mir am Herzen. Eine kleine Serie. Heute mit dem von mir sehr verehrten Philosophen Hans-Georg Gadamer. R.V. 

Donnerstag, 24. September 2026

Nachschlagzeile: "Personenumlaufzüge"

 Paternoster sind am Ende

Die Welt, 20.8.1992 über diese besondere Form der Fahrstühle, von denen es damals noch 500 in Deutschland gab

Mittwoch, 23. September 2026

Vor fast 30 Jahren: Milchstraße im Kopf

Der Quellenlage nach muss es 1998 gewesen sein, als ich es wagte, mich von Experten der Künstlichen und sonstigen Intelligenz in die Zukunft führen zu lassen. Als ich heute morgen auf dieses, wahrscheinlich um 2014 herum letztmalig besichtigte Manuskript stieß, war ich doch erstaunt, wie gut diese Fachleute - vor allem die aus dem angelsächsischen Bereich - die Entwicklung vorhergesehen haben. Vielleicht spüren sie ja auch dieses Erstaunen in sich, wenn sie diesen Blick zurück nach vorn studieren. Im Unterschied zu meiner sonstigen Gepflogenheit, habe ich dieses Mal die Quellen vor der Veröffentlichung nicht gelöscht. 

Von Raimund Vollmer 

 

Roboter werden ab 2010 so intelligent wie Menschen sein. In der Zwischenzeit marschieren die Androiden in den Dienst­lei­­stungs­sektor ein. Und der Mensch selbst macht sich auf in den Cyber­space, um sein größtes, verbleibenden Rätsel zu lösen: das Ge­hirn.

»Gibt es Intelligenz auf der Erde?«

Graffiti‑Schrift

Der Katzensprung. Ende 1996 wagten Wissenschaftler in Groß­bri­tan­nien und in den USA ein kleines Experiment. Ein Ro­bo­ter des Cy­ber­netics‑Bereichs der britischen Reading Univer­sity programmierte über das Internet einen ei­ser­nen Kollegen in der Sta­te University in New York. »Wir woll­ten ein für allemal die Vorstellung be­er­di­gen, dass nur Men­schen Roboter pro­grammieren können«, freute sich Cyber­ne­tics‑Professor Kevin Warwick, über den Erfolg der transat­lantischen Zusammenarbeit zwischen Maschine und Maschine. Und er ist sich ziemlich sicher, dass im Jahr 2050 hochintelligente Roboter die Herrschaft über die Welt erlangen werden. Steht das Ende der Mensch­heit be­vor, kommt nun das Zeitalter der »Maschinenheit«, wie es War­wick nennt? Es ist eine Frage der Intelligenz, also der Com­puter.[1]

»Die größten Superrechner Ende der achtziger Jahre entsprechen dem 1‑Gramm‑Gehirn einer Maus,« schrieb 1990 Hans Moravec, Chef des Mo­bile Robot Laboratory an der Carnegie Mellon Uni­ver­si­ty in Pitts­burgh, in seinem Buch Mind Children. Das war schon ein Rie­sen­fort­schritt gegenüber 1987. Da behauptete ein Experte in der Ta­ges­zei­tung Die Welt, dass der Intelligenzquotient eines Com­pu­ters »kaum über dem einer Kartoffel« läge.[2] Im Jahr 2002 allerdings werde die In­tel­li­genz bereits der einer Katze ent­sprechen, befand 1997 die Lon­doner Finanical Times.[3] Welch ein Fortschritt wäre das: inner­halb von an­dert­halb Jahrzehnten von der Kartoffel bis zur Katze!

Gehirn auf Rädern. Inzwischen sind Computer in der Lage, wenig­stens einen Schach­welt­meister zu schlagen. Doch Deep Blue ist weit da­von entfernt eine Denkmaschine zu sein, die sogar ausge­stattet ist mit einem ei­ge­nen Bewusstsein. Was sind die Grenzen eines solchen »be­wusst­losen« Gehirns? »Ein Schachprogramm, das 52 Züge voraussieht, müsste etwa 1080 Möglichkeiten analysieren. Das ist mehr als die Zahl aller Atome im Universum«, rechnete 1982 das Wirtschaftsmagazin For­tune aus.[4] Aber vielleicht ist selbst das kein Pro­blem für ein solches Superhirn, das weiter »denkt« als unser Univer­sum.

Zwischen 2010 und 2030 ‑ so orakelt Mo­ravec, Absolvent der be­rühm­ten Stanford University in Palo Alto, ‑ werde es Com­puter geben, die so mäch­­tig seien wie das menschliche Ge­hirn.[5] Mar­wick glaubt derweil, dass noch vor dem Ende des nächsten Jahr­zehnts die Maschinen nach Zahl und Dichte ihrer Neuronen mit dem mensch­lichen Gehirn gleichgezogen haben wer­den.

Revolution. Etwa zu diesem Zeit­punkt wird sich die Si­li­zium‑Technik dem kri­ti­schen Punkt nähern, in der sie den Ansprüchen nicht mehr ge­nügt. Dann wird man zu biochemi­schen Stof­fen oder optischen Prin­zi­pien übergehen. Der Physiker  Michio Ka­ku  glaubt, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten die Transistordichte bei den Chips an die »Null-Komm-Eins-Grenze« stoßen. Bei 0,1 Micron werden die Tran­si­storen so klein wie die  DNA: »Einige Visionäre be­haup­ten, dass das Informationszeitalter der Sieg der Bits über die Atome dar­stellt. Der Cyberspace verdrängt die reale Welt. Doch es tut mir leid sagen zu müssen, dass die Stunde der Rache in 15 bis 20 Jah­ren kommen wird. Wir müssen uns auf mehrere Schockwellen gefasst ma­chen. Im Vergleich zu ihnen war die Ölkrise der siebziger Jahre ein Kinderspiel.« Doch solange lässt es sich nach Meinung von Ka­­­­ku, Autor des Buches  »Vision: How Science will Re­vo­lu­tio­nize 21. Century«  noch recht gut leben. Mikro­pro­zes­soren wer­den nicht nur so klein sein wie ein Pfennig, sondern auch soviel kosten, also Bruchteile eines Euro-Cents. Der Aufwand für ihre Herstellung wird aber immenses Kapital binden. Arthur Rock, Risikokapitalist im Silicon Valley, der  Intel  1968 das Geld für den Start gab, meint: »Die Kapitalkosten für die Herstellung von Halbleitern verdoppeln sich alle vier Jahre.« Nur noch Konsortien werden sich diese Fabriken im Wert von 20 Milliarden Dollar und mehr leisten können.[6]

Aber der Kapitaleinsatz lohnt sich. Immer tiefer graben sich diese  Winzlinge in unser Leben ein. »Wir nähern uns einer Zeit, in der mächtiges und durchdachtes Computing verschmelzen wird mit Möbeln und Papier«, behauptet  Michael Hawley, Mitarbeiter am  Me­dia Lab  des  Massachusetts Institute of Technology. Hier wird bereits an »elektronischem Papier« gearbeitet, mit denen sich Menschen Texte aus dem  Internet  runterladen können - Bü­cher mit einem Umfang von 200 bis 300 Seiten. Nach der Lektüre wird das Buch gelöscht - und kann mit neuem Lesestoff aufgetankt werden.[7] Nichts ist der Technik mehr heilig.

Wenn das Weltwirtschaftsprodukt im Jahr 2000 rund 30 Bil­lionen Dol­lar erreicht, dann wird die Infor­ma­tionstechnik zwar nur einen An­teil von drei Prozent haben, aber sie wird das Gesche­hen in allen an­deren Märkten bestimmen. Ihre Be­deu­tung wird die des Öls bei weitem übertreffen. Schon jetzt trägt in den USA die Informations­technik fast zwei Prozentpunkte des Wachs­tums. In zehn Jahren wird ohne die maschinelle Intelligenz über­haupt kein Wachstum mehr möglich sein. Sie wird immer mehr Teile der Wirtschaft an sich binden.

Es wird dann höchste Zeit, dass die Bio-Computer als Retter aus der Atom-Falle auf den Markt kommen - mit immensen Konsquenzen: »Bio wird durchstarten mitten hinein in eine bittere Kon­tro­verse um Mo­ral und Politik«, sieht der  Science-Fic­tion-Autor  Bru­ce Sterling  das Entstehen einer »Wissens-Revolution«, die 30 Jah­re dauern wird. »Das wird eine wilde Entwicklung sein, die viel­leicht das Heraufdämmern einer Epoche bedeutet, in der Leute nicht mehr einfach nur menschlich sein werden.«[8] Wie aber werden diese »Leute« aussehen? Die eigent­lichen Probleme liegen nicht in der Technik, son­dern in der Seele der Maschine. Die neuen Herausforderungen haben zu tun mit so menschlichen Ei­gen­schaf­­­ten wie Humor oder Anschaulichkeit. Marvin Minsky, der Groß­­vater der künstlichen Intelligenz, hatte be­reits 1985 fest­gestellt, dass hier mindestens 50 größere Problemblöcke zu lösen sein.[9] Doch für Marwick ist dies gar kein Thema, weil seiner Meinung nach die Maschinen solche Eigenschaften ebenso wenig benö­ti­gen wie den äu­ßerst schwierig umzusetzenden auf­rechten Gang. Es genügt das Gehirn auf Rädern ‑ und schon sind die Maschinen so mobil, dass sie ihr bisheriges Gefäng­nis, die Werkhallen der In­du­strie, verlassen und in den Dienst­lei­stungssektor eindringen können.

Zwischen Leben & Tod. Die Japan Industrial Ro­bot Association (JIRA) strich bereits das Industrial aus ihrem Namen.[10] Auf der Insel, wo im Jahr 2005 mit rund 1,2 Millionen dreimal mehr Ro­boter im Einsatz sein werden als 1993, be­trei­ben bereits die eisernen Gesellen »Dienst am Menschen«.

- Seit Anfang der neunziger Jahre werden in Japan sprach­ge­steuerte Patien­ten‑Ro­bo­ter für die Kran­ken­betreuung eingesetzt.[11]

- In Tokio wurde bereits der erste »Robo-Shop« eröffnet, der rund um die Uhr geöffnet ist. Hier kann man Artikel des täg­lichen Bedarf erwerben - bei Robotern.

- In der Aus­seg­nungshalle des Zentralfriedhofs von Yokohama haben 650.000 Mark teure Androiden, die täuschend echt dem Menschen nachgebildet wurden, Priester­funktionen übernommen. Sie sprechen dort seit 1994 Gebete, schlagen den Gong und singen Hymnen.[12]

- In den Su­shi‑Restaurants unterstützen sie die Köche bei ihrer Arbeit und produzieren dort Reisbällchen.[13]

- In San Francisco nahm zu Beginn der achtziger Jahre der erste Roboter einen Dienst als Barmixer an.[14]

- In England übernahmen Anfang der neunziger Jahre in dem Containerhafen Thamesport die Herrschaft über die Ver­la­de­kräne.[15]

- 1993 half ein Mini‑Roboter deutschen Archäologen dabei, im Zentrum der 4500 Jahre alten Cheops‑Pyramide einen neuen Gang zu entdecken.[16]

Am Fraunho­fer Institut in Stuttgart wurde 1995 bereits ein serienreifer Tank­­roboter vorgestellt. Spä­testens dann, wenn der schwierig zu handhabende flüssige Was­serstoff unser Benzin ersetzt, werden die elektronischen Tank­warte den Dienst an der Zapfsäule über­nehmen.[17]

- Überall in der Welt helfen sie der Pharma‑Branche in der For­schung, indem sie in Massentests, dem (Screening), neue Substanzen tau­sendmal schneller ent­decken als in den bisherigen Verfahren.[18]

- In den USA sprang am 7. November 1992 erstmals ein an der Universität von Kali­fornien entwickelter Android als Chirurg bei einer Hüftgelenk­opera­tion ein.[19] Knapp zwei Jahre später hatte der Robodoc in der Berufsgenossenschaftlichen Unfall­kli­nik in Frankfurt/Main seinen Ersteinsatz.[20] Klammheimlich wagen sie sich in immer mehr Bereiche vor ‑ zwischen Leben & Tod.

Auf solche Service‑Roboter war­tet ein riesiger Markt. Nach Schät­zungen des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart könnten im Jahr 2010 für elektronische Dienstleister zwischen 17 und 45 Milliarden Mark weltweit ausgegeben werden.[21] Wieviel es tatsächlich werden, hängt von unserer Phantasie ab: die Zahl der Anwendungsfelder. Oder erzeugen zu diesem Zeitpunkt  die Roboter bereits ihre eigenen Vorstellungen?

»Mein Gefühl sagt mir, dass unser Intel­ligenz‑Level abhängig ist von der physischen Begrenzung unseres Kopfes«, meint Mar­wick. Dieses Problem haben Roboter nicht, deren Gehirn läßt sich beliebig groß gestalten. »In Zukunft gibt es keinen Grund, warum wir nicht Ma­schinen bauen können, die mil­liardenfach in­tel­li­genter sind als wir.« Und dann wird er nachdenklich. Denn die­se Superhirne könnten nicht mehr abgeschaltet werden ‑ so wenig wie heute das In­ternet. »Wenn wir Roboter in ihren Fähigkeiten nicht zügeln, droht uns eine größere Gefahr als durch die Gentechnik«: die Menschwerdung der Maschine.[22] Das ist eine Frage der Software: so gelang es zwar seit 1945 die Leistung der Computer um den Faktor eine Million zu steigern, aber die Programmier‑Produktivität stieg nur um das Zehn­fache. Bei dem Tempo schaffen wir es nie, eine Maschine zu bauen, die intelligenter ist als wir. Irgendwie müssen wir wohl selbst zu­erst intelligenter werden. Aber dazu müssten wir über unser Gehirn mehr wissen...

»Die einzige terra incognita, die der Mensch noch besitzt, sind die Galaxien des Gehirns.«

Peter Sloterdijk, deutscher Philosoph

Nachgebohrt. Derweil ist unser gutes, altes Gehirn dabei sich zu ent­­leiben. Es bricht auf in den Cyberspace ‑ das größte Abenteuer der Menschheit seit der Entdeckung des Menschen durch den Men­schen.

Das Gehirn war uns schon immer ein Rätsel. Vor 5000 Jah­­ren bohr­ten un­sere Vorfahren Löcher in die Köpfe von Men­schen, die diese pri­mi­tive Ope­ra­tion sogar überlebten. Was immer sie dort such­ten, ist uns nicht be­kannt. Wir haben nur die Schädelknochen ge­funden, aber leider nicht das Gehirn. Aber bohrende Fragen müssen es auf jeden Fall gewesen sein, die unsere Vorfahren geplagt haben. Heute ist unser Gehirn wohl kaum besser als im Al­ter­tum, wir wissen aber ver­mutlich sehr viel mehr ‑ über die grauen Zellen, von denen noch der grie­chi­sche Phi­losoph Ari­sto­teles im vierten Jahr­hundert vor Chri­stus meinte, dass sie allenfalls zur Kühlung un­seres Blutes taugten. Sein Vorfahr und Landsmann Hippokrates, der im sechsten Jahr­hundert lebte, war da schon ein Stückchen schlauer gewesen: er sah das Ge­hirn als das Zentrum un­se­rer Gedanken, Ge­füh­le und Sinne. Aber wie entsteht die­ses Zentrum?

Modell der Welt. Lange bevor ein Mensch geboren wird, beginnt be­reits sein Gehirn mächtig an zu arbeiten. Elektrische Impulse jagen durch die graue Masse, die sechs Wochen nach der Zeugung fast die Hälfte des Kör­perge­wichts eines Embryos ausmacht. Und diese Strom­schlä­ge sind nicht et­wa eine Fol­ge des Wachstums, dessen unver­meidliches Grund­rau­schen, son­dern sie be­stimmen die Struktur des Ge­hirns. Es fällt ‑ teilweise genetisch ge­steuert, teilweise spe­ku­lativ ‑ Ent­scheidungen über die Nutzung der grau­en Masse, modula­ri­siert und modelliert sie. Hören, Sehen, Fühlen, Riechen usw. Wenn das Baby dann auf die Welt kommt, ent­­hält sein Denkzentrum 100 Mil­liarden Neu­ronen. Das sind so viele Zel­len wie unsere Milchstraße Ster­ne hat.[23]

Schon der spa­nische Wissen­schaft­ler Santiago Ramon y Cajal sah hier Ende des vergan­ge­nen Jahrhun­derts einen Zu­sam­menhang: »Solange das Gehirn ein Ge­heimnis bleibt, so­lange bleibt auch das Universum ‑ das Abbild der Gehirn­struk­tur ‑ ein Ge­heimnis.«[24] Hun­dert Jahre später bezeichnet der Karls­ruher Philosoph Peter Sloterdijk das Gehirn als »die Milch­straße der Intelligenz«. Der in Tübingen lehrende Hirn­forscher und Kybernetiker Valentin Brai­ten­berg meint: »Man kann das Gehirn als ein Modell der Welt ver­stehen.«[25] Mit einem Modell der Welt kommt also der Mensch auf die Welt. Schon bei seiner Geburt verbirgt sich ein ganzer Cog­nos‑Kos­mos hin­ter der noch weichen Schädeldecke. Billionen von Verbindungen be­stehen be­reits zwischen den Nervenzellen seines Hirns. Immer mehr kommen nun hinzu. Die Galaxie wächst.[26] In seinen ersten Lebens­jah­ren stellt ein Kind rund 100 Bil­lionen an Konnektionen zwischen den Gehirnzellen her, weitaus mehr als es ei­gentlich sinnvoll nut­zen kann. Es entwirft und verwirft quasi immer mehr Kos­mologien, bis es im Alter von etwa zehn Jahren seine eige­ne, in der Welt ein­zig­ar­tige Grundstruktur herausge­bildet hat ‑ sein ur­ei­ge­nes Uni­ver­sum, das zugleich eingebunden ist in eine weitaus größere, äußere Welt.[27] Es zieht immer mehr Wissen & Erfahrun­gen in sich ein und projiziert zugleich seine Vorstellungen & Ideen in die rea­le Welt. Es hat da­bei keine Chance, diese Realität in ihrem ganzen Umfang zu er­fas­sen. Dieser Mangel an Wissen zwingt ihn dazu, permanent neue Ideen und Annahmen zu kreieren. Er kommuniziert, probiert, falsi­fi­ziert. Was er sich nicht erklären kann, worauf er keine Antworten be­kommt, das respektiert er zumindest, kultiviert es sogar ‑ zum Bei­spiel in Form von Re­ligionen. So ist der Vergleich des Gehirns mit dem Uni­ver­sum keineswegs abwegig ‑ und erst recht nicht mit dem Cyber­space, wo sich all das in der Schwerelosigkeit der Informations­ströme ebenfalls abspielt. Ein solches Gegenstück zu seinem Gehirn hat der Mensch bislang nie besessen. Vor allem scheint das In­ternet von seiner inneren Struktur mit seinen Millionen & Milliar­den von Hyperlinks dem menschlichen Gehirn zu ent­sprechen. »Unser bewusstes Denken ‑ so wie wir es niederschreibend fest­­halten ‑ scheint völlig linear gerichtet zu sein. Aber die wirk­liche Suche in unserem Ge­dächtnis und der Gedankenprozess da­hin­ter vollziehen sich simultan auf sehr vielen Kanälen«, meinte Stanislaw Ulam, Mathematiker und Professor an der Uni­ver­sität von Colorado, der in den dreißiger Jahren mit dem Super­hirn John von Neumann eng zusammenarbeitete.[28]

Ziemlich Cool. Warum aber muss jeder Mensch mit einer ganzen Milch­straße im Kopf her­um­laufen? Eine überraschende Antwort darauf fand 1986 der polnische Anthropologe Konrad Fialkowsky bei den Vor­men­schen, die schon mehr Gehirn besaßen, als sie eigentlich benö­tig­ten. »Mit ih­ren überdimensionalen Hirnen schützten sich die frühen afrika­ni­schen Jäger, während sie ausdauernd unter der hei­ßen Sa­van­nensonne ihrer Beute hinterher rannten, vor dem Hitzschlag. Ihre extrem wär­me­empfindlichen Steuerzentralen konnten dank üppiger Re­ser­ve­kapazität Teilausfälle gut verkraften. Erst sehr viel später ent­deckten die Menschen, dass ihre vermehrte Hirnmasse auch zum Er­fas­sen abstrakter und komplizierter Gedanken fähig war.«[29] Das Gehirn schützte also die Menschen vor einer un­wirt­­lichen Wirklichkeit ‑ durch eine überquellende Redundanz. Lag also Aristoteles doch in gewisser Weise richtig, als er das Gehirn nur als eine Kühl­an­lage verstand? Und ist nicht auch die Geschichte der Computer, der Elektronenhirne, geprägt von dem Wunsch nach Aus­fall­si­cher­heit?

Schon das Superhirn Johann von Neumann, der 1944 das Archi­tek­tur‑Modell aller Computer formulierte, hatte in seinem Auf­satz »Wahr­scheinlichkeitslogik und die Konstruktion zuverlässig ar­beitender Organismen aus unzuverlässigen Einzelteilen« postu­liert: »Das Ge­samtsystem ist so zu organisieren, dass es auch dann noch funk­tio­niert, wenn mehrere Einzelteile versagen.« Seitdem wurden ganze Computer­gene­rationen nach diesem einfachen Prinzip gebaut. Sie wur­den immer reichhaltiger ‑ immer komple­xer. Doch die Krö­nung er­reichte dieser Gedankengang mit der Errichtung des Inter­nets. Als es vor dreißig Jahren konzipiert wurde, war die grund­le­gende For­derung, ein vernetztes System zu schaffen, das in sei­nen Teilen zwar zerstörbar war, aber als Ganzes auch einen Atom­krieg über­ste­hen sollte.

Und jetzt stellen wir fest, dass dieses Netz mehr bietet als nur Sicherheit ‑ wir erfinden in ihm die gesamte Welt neu. Mögen die Roboter ruhig so intelligent werden wie wir. Im Internet ‑ so heißt ein alter Joke ‑ ist es egal, ob Du ein Hund bist oder nicht. Noch etwas: wenn Roboter Roboter programmie­ren können, warum nicht auch Menschen? Ein Computer kann das nämlich schon längst..

»Hunger ist Lust. Hunger ist Lust. Hunger ist Lust«, flackerte der Bildschirm jeden Tag für insgesamt fünf Minuten. Als kaum wahr­nehmbare Botschaft für Sekundenbruchteile eingeblendet, pro­grammierte der Computer seinen Benutzer. Und tatsächlich ‑ nach vier Tagen ver­lor der Amerikaner Michael Anderson den Appetit. Eine Woche später hatte er zehn Pfund abgenommen. Das war 1984. Doch diese Form der automatisierten Suggestion hatte zu diesem Zeit­punkt bereits eine lange Vorgeschichte. 1956 hatte ein Kino in New Jersey erstmal eine sublimanale Botschaft in die Filmvor­füh­rung eingeschleust: »Hunger? Iß Popkorn!« Bald darauf wurde die­ser geheime Verführer verboten, um dreißig Jahre später im Computer wieder aufzuleben.[30] Sind sie nun wieder verschwunden? Manchmal hat der Autor dieser Zeilen das Gefühl, dass sein Computer diese sub­limanale Technik schon lange gegen ihn anwendet: »Ich will ans Netz. Ich will ans Netz. Ich will ans Netz.« (Wahrscheinlich genü­ge ich ihm nicht mehr, ich habe deshalb beschlossen, mir einen neuen Computer zu kaufen. Das Problem ist nur: wahrscheinlich wurde er von Robotern gebaut...)

 

Quellen

[1] Kevin Marwick, 1997: »March of the Ma­­chines: Why the New Race of Robots will Rule the world, Century«

[2] Die Welt, 11.4.1987, Dieter Thierbach: »Auch Computer lernen den­ken«

[3] Fi­nancial Times, 11.3.1997, Andrew Baxter: »Minds of the fu­tu­re«

[4] Fortune, 17.5.1982, Tom Alexander: »Teaching computers the art of rea­son«

[5] Hans Moravec, Hamburg 1990: »Mind Children ‑ Der Wett­be­werb zwi­schen mensch­li­cher und künst­li­cher Intelligenz«

[6] Financial Times, 3.10.1997, Louise Kehoe: »A block on the old chip«

[7] Time Special Issue, The new age of discovery, Winter 1997/98: »The Third Wave«

[8] Newsweek, 23.3.1998, Jason Forsysthe: »E.Business Ahead«

[9] For­tune, 10.6.1985: »The brains behind artificial intel­li­gen­ce«

[10] Die Zeit, 1.12.1995, Gero von Randow: »Der Butler mit den vielen Bytes«

[11] Die Welt, 3.2.1992, Ulrich Blu­men­schein:»`Ich will die Suppe essen!'«

[12] Die Welt, 7.8.1994: »Roboter spricht Gebete und schlägt den Gong«

[13] Financial Times, 3.10.1995, BethanHutton: »Break with tradition«

[14] The Economist, 24.3.1984: »It's harder to find a job than to do it«

[15] Financial Times, 20.2.1992, Paul Taylor: »Robots set sail for Thamesport«

[16] Die Welt, 17.4.1993: »Ein Pfad für die Seele«

[17] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.9.1995, Bernd‑Wilfried Kiessler: »Der Tankroboter wartet unter der Erde«

[18] Nikkei Weekly, 13.11.1995: »Screening robot boosts chances of finding viable drugs«

[19] Newsweek, 23.11.1992: »Introducing 'Robodoc'«

[20] Die Welt, 31.8.1994: »Erste Hüftoperation per Roboter«

[21] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.5.1995: »Sie arbeiten, wo es gefährlich und schmutzig ist«

[22] Die Computer Zeitung, 21.9.1995: »Gefahr von Maschinen?«

[23] Time, 10.2.1997, J. Ma­de­leine Nash: »Fertile minds«

[24] Financial Ti­mes, 2.3.1997, Andrew Der­ring­ton: »The unsolved case of the old grey mat­ter«

[25] Zeitmagazin, 22.6.1990, Peter Haffner: »Ge­hirnge­spinste«

[26] The Econo­mist, 24.2.1996: »Thoughts prints in the sand«

[27] Newsweek, 19.2.1996, Sharon Begley: »Your child's brain«

[28] Stanislaw M. Ulam, Boston 1986: »Science, Computers, and People ‑ From the Tree of Mathematics«

[29] Die Zeit, 31.10.1996, Peter Roese: »Phänomen des Super‑Hirns«

[30] Wall Street Journal, 6.12.1984, Michael W. Miller: »The latest frontier of the programmers is all in your mind«