„Das einmal gesprochene Wort entflieht – unwiderruflich“
Horaz (65-8), römischer Dichter
„Das einmal gesprochene Wort entflieht – unwiderruflich“
Horaz (65-8), römischer Dichter
„Es gibt mehrere Arten sich gegen Versuchungen zu schützen, aber die sicherste ist Feigheit.“
Mark Twain (1835-1910), amerikanischer Schriftsteller
Es soll sich regen,
schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar stehts Momente still.
Johann Wolfgang von Goethe, 1821
Der Cyberspace ist heute dieser Ort der Reinheit, der höchsten Moral, der höchsten Vernunft, in dem alles nichts ist, damit aus nichts alles entsteht – weit über das hinaus, was es im richtigen Leben gibt. Ja, das richtige Leben wird eliminiert. Der Schöpfer all dessen, der Mensch, „muss sich“, um mit dem Philosophen Jacobi zu sprechen, „dem Wesen nach vernichten.“RV
Und was nicht war, nun will
es werden
zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.
Johann Wolfgang von Goethe,
1821
„Die reine Vernunft vernimmt nur sich“, schrieb am 6. März 1799 der Philosoph und Wirtschaftsreformer Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) an seinen Kollegen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814). Sie ist für ihn noch ein „chemischer Prozess“, also kein digitaler, wie wir heute stattdessen sagen würden. Es ist ein Prozess, bei dem alles „in Nichts verwandelt wird“, wie Jacobi sagt. Nicht in Nichts, korrigieren wir ihn wohlwollend, sondern in Nullen und Eisen. Es entstünde dadurch ein so reiner Geist, „dass er, in dieser Reinheit, selbst überhaupt nicht sein, sondern alles nur hervorbringen kann…“ RV
Und umzuschaffen das
Geschaffne,
Damit sichs nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebendiges Tun.
Johann Wolfgang von Goethe, 1821
Alles ist künstlich. Nichts ist mehr echt. Alles ist falsch. Vor allem die Moral.
Die Gedanken sind nicht mehr frei. Wir haben sie verraten. Die Gedanken sind reine Vernunft – und die ist ihre eigene Wahrheit. RV
Teilnehmend führen uns gute
Geister,
gelinde leitend höchste Meister
zu dem, der alles schafft und schuf.
Johann Wolfgang von Goethe, 1821
Aus Deiner, lieber Professor T.W.A, wie Du es nanntest, Minima Moralia von 1951 wurde – Dein Lebensalter, Deine 66 Jahre später – die Maxima Moralia. Sie beherrscht eine Welt, in der alles über alles wacht. Mit höchster Autorität: mit Moral. Diese wacht über ein Leben, das gar kein Leben mehr ist. Es ist nur noch die Simulation eines Lebens.R.V.
Weltseele, komm, uns zu
durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
wurd unserer Kräfte Hochberuf.
Johann Wolfgang von Goethe, 1821
Wir haben – so verkünden wir uns selbst – jetzt die Instrumente, die Medien, dazu. Die Software. Das Internet. Die Künstliche Intelligenz. Und die Illusion.
Nicht der Klimawandel wird uns umbringen, meinte er, sondern diese Illusion – aus einem ganz einfachen Grund:
***
Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
1951: Theodor W. Adorno (1903-1969), deutscher Philosoph und Soziologe
Lieber Theodor W. Adorno!
Es gibt längst nur noch falsches Leben im richtigen. Und bald gibt es nur noch falsches Leben. Es gibt nur noch Social Media.
Und deren Ober-User spielen sich, wo immer sie sich kommentierend und illustrierend niederlassen, auf, als seien sie eine Anstalt öffentlich-rechtlicher Moral, die unser aller Denken bestimmt. Sie sagen uns, was wir zu denken haben. Sie sind die Hüter der Weltseele.Und ich glaube, so definieren wir uns, die Journalisten, die Moralisten. R.V.
Gestern rief ich irgendeinen über einen Link auf meinem Browser beworbenen Online-Artikel aus der Süddeutschen Zeitung auf. Da hieß es gleich als Warnung, dass man den Bericht von dpa (deutsche presse agentur) übernommen habe, ohne dass er von der SZ bearbeitet worden sei. (Ich wollte mir heute morgen den Artikel bei der SZ nochmals ansehen, um den genauen Wortlaut zu übernehmen, aber das wurde mir sehr schnell zu umständlich, so dass ich jetzt aus dem Gedächtnis den Inhalt dieser Warnung wiedergebe.)
Ich war entsetzt – über diese Arroganz, schaute dann heute morgen in meiner Zeitung (FAZ) nach, ob die Redaktion bei Agenturmeldungen auch den Hinweis vorausschickt, der besagt, ob der Artikel bearbeitet wurde oder nicht. Natürlich steht da nichts, sondern nur das Kürzel wie dpa oder epd. Schwarz auf Weiß, auf Papier.
Für mich hört sich dieser Hinweis in der SZ so an, als ob man sich von dem distanziere, was man zugleich veröffentlicht. Die Kollegen bei dpa sind nicht besser oder schlechter als die der SZ. Der Unterschied ist nur, dass die dpa-Story nicht exklusiv ist. So aber wirkt dieser Hinweis diskriminierend und vermittelt den Eindruck, dass nur das, was die SZ bearbeitet und damit bewertet hat, den Kriterien des sogenannten Qualitätsjournalismus entspricht, der sich meines Erachtens mehr und mehr aus einem medialen Narzissmus nährt.
Man könnte dahinter aber auch fehlende Souveränität und einen massiven Minderwertigkeitskomplex vermuten. In diesem Falle hat die SZ ihn zu Recht.
PS: Es kann natürlich sein, dass es mir entgangen ist, dass irgendeine EU-Vorschrift diesen Vor-Vorspann neuerdings verlangt und sich die SZ daran hält. Dann erwarte ich in nächster Zeit einen Passus, der besagt, dass man vorher versichert, dass dieser oder jener Artikel ohne Einwirkung einer persönlichen Meinung verfasst wurde und deshalb zuvor von der KI überprüft wurde. Wie wäre es mit „KI zertifiziert“.
Ich versichere meinen Lesern, dass ich diesen KOMMENTAR im Zustand unbändiger Wut geschrieben habe und erwarte deshalb von ihnen nicht minder heftige KOMMENTARE, natürlich persönlich und ungeKIfft…
Raimund Vollmer
Johann Wolfgang von Goethe, 1821
Lanier nannte aber auch die Konsequenz aus dieser Transformation ins totale Anders – wenn aus einer realen Technologie ein Glaubenssystem entsteht. „Wir erleben die Geburt einer neuen Kirche“, sagte er im Jahr des Wechsels in das dritte Jahrtausend nach Christi Geburt. (R.V.)
Im Grenzenlosen sich zu
finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruss;
Johann Wolfgang von Goethe, 1821
Ist das unsere große Hoffnung, unsere große Illusion – wieder eins zu werden mit allem? Durch KI? Nicht eins zu werden mit der Natur, sondern mit der Virtualität?
Niemand anders als der Amerikaner Jaron Lanier (*1960), der Mann, der den Begriff der virtuellen Realität in die Welt setzte, hoffte im Jahr 2000, „dass man Künstliche Intelligenz besser als Glaubenssystem versteht denn als reale Technologie.“[1] Vergeblich. Wir leben am Schnürchen dieser Technologie – und wir tun es gerne. Wir fühlen uns wohl. Wir genießen sogar unser Unbehagen an der Kultur der Künstlichen Intelligenz. .[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juli 2000, Jaron Lanier: „Das neue Package“
Übrigens: Als am 21. August 2026 das Skript "Ohne uns: Baby-Boomer und Baby-Doomer" erschien, gab es laut Blogspot-Statistik knapp 100.000 Zugriffe. Offensichtlich sind KI-Maschinen darauf trainiert, sich bestimmte Stories zu bestimmten Begriffen einzuverleiben. Wer steht also hinter der KI? Eine künstliche Blödheit? Es macht mich jedenfalls nachdenklich, auch wenn es zu keinem Ergebnis führt...
Dass die Sprache für uns dichte
Und denke – eine deutsche Legende.
Im Klartext heißt das doch: Verzichte
Auf deinen eigenen Kopf: Verwende
Die Phrasen unserer Geschichte
Fülle wieder Busch und Tal und Bände
Mit autonomen Wortgefüge.
Und vergiss, dass so am Ende
Nichts entsteht als pure Lüge.
Günter Kunert (1929-2019), deutscher Schriftsteller
Mein Kommentar: Ein ultrakleines Sprachmodell, dieses wunderbare Gedicht, ein David gegen die KI. R.V.
"Es ist geschafft: Service besteht
heute in Deutschland aus dem sturen Blick
auf den Bildschirm.
Da darf der Kunde lange warten."
Beobachtung von heute morgen
(Fragt mich nicht wo, sonst darf ich dort noch länger warten)