"Die Politik ist eine Bühne,
auf der die Souffleure
manchmal lauter sprechen als die Darsteller.“
Ignazio Silone (1900-1978), italienischer Schriftsteller
"Die Politik ist eine Bühne,
auf der die Souffleure
manchmal lauter sprechen als die Darsteller.“
Ignazio Silone (1900-1978), italienischer Schriftsteller
Zum Tode von Jürgen Habermas
Talk about my gegegegeneration
Von Raimund Vollmer
Es war wohl eine Pflegerin, die meiner Familie empfohlen hatte, mir ein Buch ins Krankenhaus zu bringen, zu dem ich eine besondere persönliche, intellektuelle Beziehung habe. Ich war damals nach zweieinhalb Wochen aus einem künstlichen Koma erweckt worden. Es war dann meine älteste Tochter, die mir dann Buch „Theorie und Praxis“ von Jürgen Habermas brachte, in das ich bis heute immer wieder hineinschaue – und das längst einen entsprechend zerlesenen und von vielen Unterstreichungen gekennzeichneten Eindruck macht. Das Thema, das mich damals wie jetzt faszinierte, war die Sozialphilosophie. Erworben habe ich dieses Buch am 3. April 1971 – vor 55 Jahren. Es kostete 21 DM, und erschienen war es bei Luchterhand in der 3. Auflage 1967, die erste Auflage stammte von 1963. Gekauft habe ich es damals in der Buchhandlung Kocher in der Wilhelmstraße von Reutlingen - ohne zu ahnen, dass ich zehn Jahre später hier bis zum Ende meines Lebens wohnen werde. (Die Buchhandlung Kocher gibt es nicht mehr.)
Vielleicht wird es Zeit, dass ich wieder aus einem Koma erwache.
Ich war damals noch Schüler in Düsseldorf. Das Buch hat mich von Anfang an fasziniert. Und ich wusste nicht warum. So sprach ich in einer großen Pause darüber mit meinem Philosophie-Lehrer: „Ich weiß nicht, was dieser Habermas eigentlich will“, sagte ich. Er schaute mich erstaunt an und antwortete: „Dann haben Sie ihn verstanden.“ Ich war perplex. Ich hatte ihn also verstanden, weil ich ihn nicht verstanden hatte. Verrückt. Aber so ging es mir in der Folge immer wieder – nicht nur bei der Lektüre dieses Buches, sondern auch beianderen seiner Werke. Allein in meinem Archiv befinden sich 312 Dokumente von ihm und über ihn. Ich habe ihn verehrt und bewundert,
Vielleicht wird es Zeit, dass ich in den Dokumenten wieder lese.
Da fand ich dann auch ein Gespräch mit ihm und anderen in der Wochenzeitung „Die Zeit“, die ich ebenfalls jahrzehntelang geschätzt habe (heute allerdings weniger, weil "Die Zei" wie alle Publikationen zu sehr selbstmarketinggetrieben und damit zu Geschäftsmodellen verkommen). Der Artikel war von 1993. Und in der Vorstellung der Gesprächspartner wird von Habermas' Büchern neben dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ meine geliebte „Theorie und Praxis“ genannt.
Das hat mich gefreut, denn es hat mich mein Leben lang begleitet.
In dem Gespräch reflektiert Habermas das Jahr 1977, das Jahr des „deutschen Herbstes“. „Natürlich war die Entführung und Ermordung Schleyers durch linke Terroristen grauenhaft. Aber die Reaktion darauf war erschreckend, es herrschte eine Pogromstimmung in Deutschland.“ Da ist etwas dran. Als damals 25jähriger junger Mann wurde ich bei jeder Gelegenheit kontrolliert. Einmal stand im Hintergrund ein Uniformierter mit Maschinenpistole in der Hand.
Das war die Praxis – ohne Theorie.
Der Staat zeigte mir seine bloße, nur notdürftig legitimierte Macht. Und nicht nur mir zeigte er sie, er zeigte sie meiner Generation, die dies mit Entsetzen wahrnahm. Dieser Generalverdacht war abscheulich. So etwas wollten wir nicht. Der Staat war dazu da, den Bürger zu beschützen, nicht uns zu bedrohen - auch wenn er vorgab, uns damit beschützen zu wollen. Das war mit uns nicht zu machen. Das Volkszählungsurteil des Bundesverassungsgericht von 1983 wies den Staat in seine Grenzen.
Einer wie Habermas meinte 1993, zehn Jahre nach dem Urteil, dass „eine Generation herangewachsen ist, die das Klima, die politische Einstellung verändert“. Und diese Hoffnung war so stark er "erstmals" bis 1989 „das Gefühl“ hatte, „dass ein Rückfall in der Bundesrepublik nicht mehr möglich“ sei.
So ging es mir auch - als kleiner Bundesbürger. Je mehr die Menschen meiner Generation in die Verantwortung genommen wurden, desto größer war auch mein Vertrauen in uns – egal, ob der Kanzler Helmut oder Helmut hieß, Schmidt oder Kohl. Mit uns war kein „Staat“ alter Prägung zu machen.
So dachte ich.
Dann kam die Wiedervereinigung, das Jahr 1989. Was für ein Glück! Ein kurzer Moment. Denn schon bald war das vereinte Deutschland wieder geteilt.
Vier Jahre später sah Habermas „auf der einen Seite die Rückkehr, antisemitischer, rassistischer und fremdenfeindlicher Stereotypen" und auf “der anderen Seite denke ich, dass im Westen die Mehrheit der Deutschen unter fünfzig auf eine selbstverständliche Weise liberal ist. Sie mussten sich das nicht mehr einimpfen, sie haben es in den Fingerspitzen.“
Das war keine besondere Leistung: diese Fingerspitzen. Dachten wir. Vielleicht haben wie sie deshalb auch zu wenig gewürdigt. Sie war für uns selbstverständlich. Sie ist es aber nicht, wie wir heute wissen.
Wir hatten es deshalb in den Fingerspitzen, weil es unter unseren sehr kritisch beäugten Eltern Menschen wie Jürgen Habermas gab (mit dem ich nichtsdestotrotz in den letzten Jahren auch stark gehadert habe). Habermas war ein „Sozialdemokrit“, wie er einmal in Assoziation zu SPD einerseits und zu dem griechischen Philosophen Demokrit genannt wurde. Umfassendes Wissen weit über sein Fach der Sozialphilosophie hinaus und eine gewisse intellektuelle Gelassenheit haben mich stets an ihm fasziniert. So richtig verstanden habe ich ihn auch nicht, aber ich habe Urvertrauen zu ihm gehabt. Heute, im Zeitalter des Showbusiness, bin ich nur noch skeptisch.
Es gibt nur noch Quoten- und Bestseller-Philosophie.
Ich glaube, dass wir, die wir nun als Babyboomer im Ruhestand leben, sehr unruhig werden müssen. Mir wurde dies nach der letzten Landtagswahl im Stammheimland sehr bewusst. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben nicht mit dem Herzen gewählt, nur mit dem Verstand, rein strategisch – zutiefst skeptisch und ohne großes Vertrauen, schon gar nicht in irgendwelche Landesvätergestalten. Es ist dabei nicht so sehr die Politik, die micht kolosal irritiert, denn diese ist ja nur eine Nachahmung dessen, was sich sonst unter uns Wählern tut. Meine eigene intuitive Einstellung gegenüber meinen Mitmenschen ist es, die mich innerlich auf Distanz gehen lässt. Ich frage mich, was sie gewählt haben und ob sie das gewählt haben, was einem Rückfall, wie ihn Habermas bezeichnete, den Weg bereiten könnte.
Was hatten die Menschen im Südwesten bei der Wahl in ihren „Fingerspitzen“, als sie ihre beiden Kreuzchen setzten? (Ich selbst habe das Gefühl, dass ich bei meiner Wahl fremdbestimmt wurde - und das macht mich innerlich auf vielfache Weise wütend)
So werde ich folgende Frage nicht mehr los: Haben wir es nicht selbst versaut, weil wir nur noch in der Praxis lebten – ohne Theorie, ohne Theoretiker wie Jürgen Habermas, zu dessen Hauptwerken auch das Buch „Erkenntnis und Interesse“ gehört?
Es ist bestimmt noch kein Rückfall, aber es ist mehr als nur ein Vorfall.
Wir sind nur noch unseren egoistischen Interessen gefolgt. Ich weiß: Keine neue, aber bestimmt eine sehr bittere Erkenntnis.
Es wird wohl Zeit, dass wir über unsere Generation reden. Inklusive Stottern.
I'm not trying to cause a big
s-s-sensation
(Ich versuche nicht, eine große
S-S-Sensation zu verursachen)
Meine,
meine schmutzige Generation
My, my dirty generation
The Who, 1965
(Wie bei "The Who")
„Stolz ist die Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist.“
Adolf Freiherr von Knigge (1752-1796), deutscher Schriftsteller
2008: „Geld ist eine Fiktion.“
Paul Auster (1947-2024), amerikanischer Schriftsteller und Filmregisseur„Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss man erst richtig anfangen.“
Konrad Adenauer (1876-1967), erster deutscher Bundeskanzler
„Aus der Geschichte können wir lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben.“
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), deutscher Philosoph
„Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker mattgesetzt werden.“
Karl Kraus (1874-1936), österreichischer Autor
Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
„Wenn wir es recht bedenken,
so stecken wir doch alle nackt
in unseren Kleidern.“
Heinrich Heine (1797-1656), deutscher Dichter und Journalist
Du, der Kleinbürger…
… der auch ich bin, trägst Kleider, die Dir nicht gehören. Sie basieren auf dem Gedankengut und der Arbeit anderer, auf der Kreativität der Modeschöpfer, der Handwerkskunst der Direktricen, auf dem Fleiß und der Fertigkeit der Schneiderinnen und Arbeitern aus aller Welt. Und so weiter. Die ganze Lieferkette entlang. Sie endet zwar bei Dir, aber es sind alle anderen, die Eigentum haben an dem, was Du – nackt, wie du bist – heute morgen angezogen hast. Auch wenn Du dafür bezahlt hast, du darüber frei verfügst, so sind es letztlich doch nur Nutzungsrechte, die Du erworben hast. Selbst über die Entsorgung Deiner Kleider verfügen andere. Alles ist bestimmt, alles ist vorgegeben.
Nicht anders geht es mit Deinem Auto, egal, ob geleast oder gekauft, mit Deinem Zuhause, mit Deiner Nahrung, eigentlich mit allem, was Du besitzt, nutzt oder verbrauchst. Selbst der Geldschein, in Deiner Geldbörse, gehört Dir nicht, sondern der Notenbank. Ja, es ist vor allem der Staat, der Dir auf unendlich vielfältige Weise zeigt, dass er – vermittelt über Steuern, Abgaben, Vorschriften – das Obereigentum über allem besitzt. Zugleich lässt er Dir den Glauben, die Illusion, dass Du der Eigentümer von allem bist, was Du besitzt. Aber Du bist nicht der Herrscher über das Ganze. Du bist nur der „Dritte“. Der Staat ist der Erste, die Wirtschaft der Zweite, und Du, Du bist nur der Dritte, eben der Kleinbürger, der gesenkten Hauptes auf sein Handy starrt, dem Guck- und Clickloch zur ganzen, großen Welt, die nur noch so tut als ob Du da zugehört.
Wir leben im Zeitalter des Als-Ob.
Alles, was Dich interessiert, wird Dir auf Deinem Smartphone präsentiert. Und was nicht, das wischt Du einfach weg. Man nennt dich Nutzer oder Nutzerin. Und Du störst Dich noch nicht einmal daran. Du fügst Dich einfach. So als ob Du noch als Mensch gesehen wirst.
Dabei ist alles, was Du tust und irgendwie in das Licht und in die Sicht eines Vierten gerät, nicht mehr Deins, und Du bist im Netz auch nicht mehr Du. Alles gehört transnationalen Supermächten, die längst die ganze Erde umspannen. Sie bilden die Vierte Macht, nicht das Vierte Reich, aber manchmal könnte man meinen, als ob es da aufdämmert. Dieser Vierten Macht ist das egal. Ihr ist die ganze Politik sogar „schnuppe“. Sie tut nur so. Zum Schein. Als würde sie sich dafür interessieren, schickt ihre Stars zu politischen Events, übernimmt auch schon mal politische Verantwortung, aber es ist alles nur Show, gehört zu einer weitaus größeren Strategie, nämlich der kalten Übernahme dieser Welt. In dieser Welt ist es der Vierten Macht sogar egal, ob ich das hier schreibe oder nicht. Meine Meinung, Deine Meinung – kein Interesse.
Die Börsenwerte ihrer Bataillone, von Alpha bis Meta, steigen ins Unermessliche. Man hat den Eindruck, dass sich in den Aberbillionen ihrer Kapitalisierung bereits die gesamte Weltwirtschaft widerspiegelt. Die Machthaber aber schweben darüber in ihrer alles und alle umhüllenden Cloud, in der wir ohne ihre Hilfe völlig die Orientierung verlieren werden. Denn sie sind die Orientierung.
Derweil tun wir so, als ob wir noch etwas zu sagen hätten. Wir stieren auf die Politiker, die sich in unserer alten Welt gebärden, als seien sie noch die Herren. Abertausende von Menschen müssen dafür ihr Leben lassen. Dabei entscheidet sich in ihren Kriegen gar nichts mehr. Weder im Osten noch im Nahen oder Fernen Osten. Und das ist ja erst der Anfang. Eine neue, eine übergeordnete Wirklichkeit entsteht. Sie wirkt virtuell. Sie ist das totale Als-Ob. Und doch hat sie längst die Wirklichkeit, so wie wir sie zu kennen und zu erkennen meinen, übermannt. Sie avanciert zur einzigen Wirklichkeit.
Es ist eine Wirklichkeit, die über Leichen geht. Den uns haushoch „geistig überlegenen Wesen auf der Erde“, von denen dereinst der Großvater der Künstlichen Intelligenz, der Amerikaner Marvin Minsky, schwärmte, sind wir völlig egal.[1] Denn diese Wesen haben gar kein Bewusstsein, brauchen keine Seele, bekommen auch keine. Sie stehen ja über allem, was ist.
Und wir, wir Lebenden, wir Beseelten und Bewussten, sehen, dass die Welt, die wir der Natur über Jahrhunderte hinweg abgeknapst und nach unserem Willen geformt und verformt haben, dem Ende zutreibt. Wir führen wieder sinnlose Kriege – bei vollem Bewusstsein, aber mit falscher Seele. Ohnmächtig gegen uns selbst.
Der Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) wollte noch den Naturzustand, in dem jeder des anderen Wolf war, durch einen Gesellschaftsvertrag beenden. Der Staat sollte uns vor uns selbst schützen, indem wir uns seinem Willen unterwarfen und auf unser Naturrecht, auf das Gewaltmonopol, verzichteten. Eine grandiose Idee, die uns bis heute fasziniert, vor allem die Historiker und Juristen. In dieser Welt, in der sich die staatlichen Systeme mit filigranen Gebilden der Argumentation eingerichtet haben, passiert seit jeher genug, um sich nicht obendrein mit dem befassen zu müssen, was sich seit bald einem Jahrhundert am Horizont abzeichnet und diese Gedankengebäude zu sprengen droht. Man hat irgendwie den Eindruck, als läge unsere intellektuelle Kraft, vor allem die der staatlichen Institutionen, hinter der neuen Wirklichkeit weit zurück. Sie spekulieren ins Blaue hinein, erheben Klagen und Strafen, Verbote und Gebote - und ändern doch nichts. Sie sind ahnungslos.
So herrscht letzten Endes über die Vierte Macht totale Ungewissheit. Den Begriff gibt es ja noch nicht einmal. Gut, ein Film aus dem Jahr 2012 hat diesen Titel, aber dort sind mit der Vierten Macht die klassischen Medien gemeint, die sich auch gerne selbst als vierte Gewalt neben Legislative, Exekutive und Judikative einstufen – eher virtuell als institutionell. Aber unsere klassischen Medien sind nicht zu verwechseln mit der Social Media, die zwar die prominenteste Erscheinungsweise der Vierten Macht darstellt, aber eigentlich nur ein Als-Ob liefern. Ein weiterer Kanal, der uns zur Verfügung steht und den wir, die Journalisten, uns mit unseren Lesern teilen, die sich uns gleichgestellt sehen. Wir, die wir uns Journalisten nennen und meinen, alles - weniger investigativ als vielmehr suggestiv - im Griff zu haben, wollen Instrumente wie die KI zur Steigerung unserer Arbeit nutzen, um uns insgeheim wieder über unsere Leser zu erheben. Als der gute Geist.
In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Die KI beherrscht uns. Das ZDF und dessen Starmoderatorin Dunja Hayali (*1974) können justament ein Lied davon singen. Doch ihre Reaktionen zeigen, dass sie der Situation eigentlich nicht gewachsen sind. Alte Reflexe. Abberufungen, Entschuldigungen. Mehr nicht.
Dabei sollten sie sehen, dass die Vierte Macht längst die Redaktionsstuben beherrscht. Sie benutzt uns. Ihre Fakes sind doch längst unsere Nachricht und steigern das Gefühl der Ungewissheiten bei uns selbst und unseren Lesern und Zuschauern. Wem sollen wir noch vertrauen? Wir, die Journalisten, die alles filtern sollen und wollen, sind auf Dauer der Vierten Macht genauso ausgeliefert wie wir, die Kleinbürger, die wir das alles durchschauen sollen und wollen. Wir sind überfordert und um damit fertig zu werden, benutzen wir die Werkzeuge, die genau diese Überforderung erzeugen.
„Bombardiert mit Stimuli, Botschaften und Tests, sind die Massen nur noch eine undurchdringliche, blinde Schicht, ähnlich wie die Gasbildungen auf den Sternen, die man nur dank der Analyse ihres Lichtspektrums kennt“, schrieb 1999 der französische Philosoph Jean Baudrillard im „Freibeuter“ (Februar Heft) und meinte, dass eine Repräsentation der „schweigenden Mehrheit“ nicht mehr möglich sei.[2] Daran haben auch ein Vierteljahrhundert später die wuchtigen Social Media nichts geändert. Sie ähneln allenfalls den Sternen, die wir nur durch ihr Lichtspektrum kennen. Ihre Blasenbildungen sind undurchdringlich.
Denn wir stecken selbst tief in einer solchen Blase. Wir sind blind.
So blind wie die Werbewirtschaft, die den Siegeszug der Vierten Macht bisher weitgehend finanziert hat. Dabei weiß sie gar nicht, was sie da finanziert. Solange die Geschäfte laufen, erzeugt dies auch keinen Druck. Eigentlich hat sich das Soziale längst in Abermilliarden von Benutzerkonten aufgelöst. Wir bilden eine „molekularisierte Masse“, um einen Begriff Baudrillards aufzunehmen.
Wir haben uns selbst kaltgestellt. Wir werden gefühllos und damit endgültig Untertanen der Vierten Macht.
Diese Macht gründet vor allem auf uns als Konsumenten als dem Träger dieser möglicherweise finalen Form des Kapitalismus. Es ist eine sehr gefährliche Form, vielleicht die gefährlichste überhaupt. Sie basiert nicht auf der Dominanz des Unternehmers wie der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, auch nicht auf der Herrschaft des Managements und der Bürokratie wie der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, sondern auf der des Nutzers, auf uns Nackedeis, uns Habenichts. Es ist nicht nur unsere eigene Sterilität, die uns so gefügig macht, sondern die menschenverachtende Gleichgültigkeit der Vierten Macht uns gegenüber.
Wir sind ihr scheißegal.
Fortsetzung folgt.
"Volksinitiative, Begehren und Entscheid
- aber keine bloßen Befragungen"
Vorschläge der SPD für plebiszitäre Elemente im Grundgesetz
FAZ, 21. Februar 2001