Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Dienstleistungen sind etwas, was man nicht auf Vorrat
herstellen kann, die – zumal persönlich erbracht – kaum zurückgenommen werden
können oder übertragbar sind, die sich durch ihre Individualität den starren
Mechanismen und Abläufen einer Maschine zu entziehen scheinen. Die Nachfrage
nach Dienstleistungen ist nicht vorhersehbar. So die Erklärung in Lehrbüchern.
Dienstleistungen lösen individuelle Probleme.
Wir argwöhnen, dass das so nicht stimmt. Nehmen wir den
großen Bereich der Logistik. Hier erscheinen nahezu alle Verfahren
automatisierbar – von der Lagerhaltung bis hin zu sich selbststeuernden Drohnen
und Autos. Und mit unserer Vorstellung vom sich selbstfüllenden Kühlschrank
sind wir längst dabei, diese Logistik in unsere Wohnung hineinzulassen. Individuelle
Dienstleistung wird automatisierbar.
Darum geht's den Cybertycoons. Wie kann dies gelingen? Der
Trick ist ganz einfach: Der Mensch, der Verbraucher, wird selbst restlos Teil
des Systems. Er wird sogar zum wichtigsten Teil, indem er gar nicht mehr als
Individuum wahrgenommen wird, sondern als Datensatz. Als Objekt, das mehr und
mehr programmierbar wird. Zugleich soll er alles bezahlen. Er ist der Point of
Pay. Um das zu erreichen, werden hochintelligente Versorgungslinien aufgebaut.
Um den Verbraucher geht der Kampf des 21. Jahrhunderts.
Der Politologe Bernd Guggenberger meinte bereits 1989: „Die
'vollkommene Gesellschaft, die niemals fehlt und irrt, ist nur denkbar, wenn
auf das menschliche Verhalten die nämlichen Prinzipien angewandt werden, die
für die physikalische Welt verbindlich sind. Mit anderen Worten: Die
vollkommene Gesellschaft besäße die Attribute der Maschinenwelt.“ Das wäre nach
seiner Meinung auch das Ende von „Wandel und Fortschritt“. Denn alles läuft
perfekt.
Er zitiert Daniel Bell: „Automation im weitesten Sinn
bedeutet im Effekt das Ende der Messung von Arbeit.“ Der Grund: „Bei der
Automation kann man die Arbeitsleistung eines Menschen nicht messen, man muss
jetzt einfach die Nutzung der Anlage messen.“
Schaut man auf unsere Wirtschaft hin, dann wird man mit großer Verblüffung
feststellen: Exakt das passiert momentan. In der Cloud, in der Mobilität, im
Steuersystem – überall wird unsere Welt umgestellt. Je mehr alles Nutzung ist,
desto mehr muss es auch aufgezeichnet werden – Big Data interessiert sich doch
gar nicht für uns, sondern nur für das, was wir nutzen.
„Die sozialen Rangunterschiede können nur auf den
gemeinsamen Nutzen gegründet werden.“ So heißt es im Ersten Artikel der
französischen Revolutionsverfassung vom 3. September 1791.
Wir sind alle auf das Gemeinwohl verpflichtet.
Dabei tun die neuen Herrschaften genau das, was alle Trusts,
nicht nur die amerikanischen, schon immer getan haben. Sie wollen Märkte nicht
nur besetzen, sondern sie wollen sie monopolisieren. Das geschieht durchaus in
weltweiten Maßstäben. Um diese Ambitionen zu kontrollieren, gibt es seit mehr
als 100 Jahren die Antitrustgesetze. Während Rockefellers Standard Oil und die
Eisenbahnbarone der USA versucht haben, ihre Monopolabsichten mit allen Mitteln
und gegen die Interessen der Verbraucher durchzusetzen, sind Apple, Amazon,
Google, Meta & Co. daran interessiert, den Verbraucher auf ihrer Seite zu
haben. Wir sind ihr Herrschaftsobjekt, ihr Machtpotential, Träger der Macht, ihr
Monopol, ihr Eigentum. Wir sind eingebunden in ihre „digitalen Dienste, die
nahezu obligatorischen Charakter haben“, um den zum Kritiker gewandelten
Pionier Jaron Lanier zu zitieren.
Die deutsche Wirtschaftsgeschichte wurde weniger geprägt
durch Trusts als vielmehr durch Kartelle, nicht durch Einbindung, sondern durch
Abzäunung. Kartelle versuchen, Grenzen zu setzen: Preisgrenzen, Marktgrenzen,
Absatzgrenzen. Oftmals stand – zum Beispiel in der Kaiserzeit – sogar
staatlicher Wille dahinter, der mit diesen Kartellen die Zusammenballung von
Macht fördern wollte. »Und über allen diesen Konzentrationen die größte von
allen: der Staat«, schrieb 1958 der Historiker Golo Mann. So
wurden 1897 viele der Kartelle, die sich im Deutschen Reich vor allem gegen
Importe aus den USA gebildet hatten, durch einen Gerichtsbeschluss legalisiert.
Preise wurden festgesetzt und Produktionsquoten festgelegt.
Die Verschwörungen kannten dabei insgeheim nur einen Gegner: den Verbraucher.
Vor allem aber ging es darum den Wettbewerb zu beschränken.
So kommt es zu Verbindungen und Absprachen zwischen Unternehmen oder Berufen,
wobei die Beteiligten kapitalmäßig nicht unbedingt miteinander vereint sind. Im
Unterschied zu den amerikanischen Trusts..
Deutschland galt als das „klassische Kartell-Land der Welt“,
wie 'Der Spiegel' 1957 schrieb. 1911 gab es rund 600 Kartelle, Mitte der
zwanziger Jahre – als die Wirtschaft boomte – waren es 3000. Osram, Philips,
Siemens und AEG formten zum Beispiel 1924 in der Schweiz unter dem Namen
Phoebus ein Glühlampenkartell, dem sich 1929 noch General Electric zugesellte.
Da wurden die Märkte zugeteilt, die Preise festgesetzt und sogar bestimmt, dass
die Glühbirnen nicht länger als 1000 Stunden halten durften, obwohl technisch
3000 Stunden möglich waren.
Mit der Weltwirtschaftskrise sank die Zahl der Kartelle auf
1600. So war es im Jahr 1934. Vier Jahre später waren es bereits wieder 1900.
Die Nationalsozialisten hatten erkannt, dass Kartelle das probate Mittel waren,
um eine Zwangswirtschaft einzuführen. Aus Deutschland wurde mit dem 2.
Weltkrieg das „Land der Kartelle“, in dem die Zahl gar auf die Rekordmarke von
3000 Kartellen anschwoll.
Die Besatzungsmächte versuchten auf der Basis des Potsdamer Abkommens dem
Treiben ein Ende zu setzen. Aber die Welt der Absprachen hielt dagegen, auch
wenn so manches Kartell aufgedeckt und auf der Basis von Alliierten–Gesetzen
vor Gericht gestellt wurde. Die erwischten Unternehmen „zahlten lautlos ihre
Strafe“ ('Der Spiegel'), um nicht auch noch in die Schlagzeilen zu geraten.
Die Kartelle waren zumeist als Vereine getarnt, ganze
Industrien hatten sogar beim Wirtschaftswunderminster Ludwig Erhard offiziell
um eine Kartell–Erlaubnis angefragt. Schaute man sich diese Bittsteller näher
an, dann kamen sie vor allem aus Industrien und Händlerschaften, die im
nationalen Wettbewerb standen. Den wollte man im Griff haben. Mit der Drohung,
dass sie andernfalls vor dem Zusammenbruch stünden, bettelten sie um eine
Genehmigung. Doch Erhard blieb hart. Zu Recht. Von Zusammenbrüchen war nichts zu
spüren.
Dennoch war es nach dem Krieg alles andere als einfach, ein
Kartellgesetz zu verabschieden. Die Industrie machte mächtig Druck. Es trat
erst 1958 in Kraft. Nach sieben Jahren zäher Verhandlungen war es Erhard
endlich gelungen, das Gesetz gegen den erbitterten Widerstand aus den
Unionsparteien und der Wirtschaftslobby durchzusetzen.
Vergeblich hatte die Wirtschaft versucht, das Kartellgesetz
zu Fall zu bringen. Sie musste sich etwas Neues einfallen lassen. Und so kam
die Zeit der staatlichen Förderungsprogramme, der Subventionen, die zu Beginn
der siebziger Jahre der Wirtschaft und auch den Bürgern ein
Multimilliardengeschäft bescherten, ohne dass die Politik je eine Chance hatte,
die Droge abzusetzen. Waren es 1974 allein in der Bundesrepublik Deutschland
bereits 60 Milliarden Mark,so hatte
sich der Betrag 1985 auf 120 Milliarden Mark verdoppelt. Im
Jahr 2013 – so die Berechnungen des Kieler
Instituts für Wirtschaftsforschung – lagen die Unterstützungsleistungen für
Wirtschaft und Bürger bei rund 150 Milliarden Euro. 2026 werden es 320 Milliarden
Euro sein.
Auch wenn der Bürger durch diverse Programme selbst von
diesen Subventionen zu profitieren vermag, ist es doch in erster Linie ein
Geschäft zwischen Staat und Wirtschaft, die sich gerne der öffentlichen Töpfe
bedient.
Schaut man sich den gegenwärtigen Zustand unserer Wirtschaft und unserer Infratstrukturen an, fraght man sich: Hätte man sich dieses Geld nicht sparen können?
Eine böse Frage, die noch dadurch böser wird, weil sich die Wirtschaftsforscher inzwischen fragen, ob nicht alles - ohne Subventionen - sehr viel besser aussähe? Aber da ja auch die Wirtschaftsinstitute von öffentlichen Geldern abhängig sind, fragt man sich das natürlich nur im angelsächsisch geprägten Ausland. Und selbst da ist es inzwischen eine sehr gefährliche Frage, die am besten offen bleibt. Auch der Schreiber dieser Zeilen stellt sie erst am Ende einer langweiligen Betrachtung...