Das Unbehagen an
einem Begriff:
Holocaust
Eine unzeitgemäße Nachbetrachtung von Raimund Vollmer
Der Begriff „Holocaust“ sei völlig unangebracht, gleichsam
ein Euphemismus, schrieb 1996 der deutsche Journalist Peter Dittmar in der
Tageszeitung „Die Welt“, denn dieses Fremdwort verzichte bewusst auf „alle Konnotationen
der Wirklichkeit, die sich bei ‚Judenmord‘, ‚Judenvernichtung‘, .Völkermord‘, ‚Ausrottung
der Juden‘ nicht vermeiden lassen. ‚Holocaust‘ bleibt sehr abstrakt und löst
sich damit vom ursprünglichen, sehr konkreten Wirklichkeitsbezug.“
Im Grunde genommen führe dieses Begriff zu einer „Bagatellisierung
des Schreckens“, meint Dittmar. Es sei zudem ein Begriff, der erst Ende der
siebziger Jahre bei uns aufgekommen sei, als der WDR unter diesem Namen die amerikanische
Fernsehserie dazu ausstrahlte. Ich erinnere mich, dass ich damals zum ersten Mal das Wort zur Kenntnis nahm. Ich
konnte damit anfangs – und eigentlich auch bis heute – nichts anfangen. Das
Fremdwort war mir fremd. Er war ursprünglich nur im angelsächsischen Raum
gebräuchlich.
Seine erste Erwähnung geht dort auf das Jahr 1938 zurück,
als es in einer Fußnote einer in New York herausgegebenen Schrift des
österreichischen Psychiaters Abraham Brill (1874-1948) über Sigmund Freud
heißt: „Ach! Gerade als diese Seiten zur Druckerei gegeben werden, erschüttert
uns die schreckliche Nachricht, dass der Nazi-Holocaust plötzlich Wien erfasst
und damit Professor Freud mit seiner Familie zu tatsächlichen Opfern in den Händer
der größten Geißel der Zivilisation gemacht hat.“ Brill, jüdischer Abstammung, war
mit 15 Jahren in die USA ausgewandert, allein und ohne einen Pfennig in der
Tasche – er, gleihsam ein Selfmademan der Psychoanalyse, korrespondierte mit
Freud bis zu dessen Tod 1939.