Eine unzeitgemäße Betrachtung unserer Zeit
Von Raimund Vollmer
Hinter dem Denken in Prozessen steht das weite, alles
überlagernde Feld der instrumentellen Vernunft. Sie „steht stets hoch im Kurs“,
meinte 1974 Gerd Haffmans, damals Cheflektor des Diogenes-Verlags in Zürich,
„die kritische Vernunft zielt auf die Substanz und wird verdrängt“.Endgültig.
Die instrumentelle Vernunft manifestiert sich in der Technik
– bis in unsere Sprache hinein, die sie voll und ganz auf ihre Seite zieht –
selbstverständlich in einem langen und somit kaum spürbaren Prozess, in der
Entwicklung der Sprachbilder. „Staaten wurden zu Maschinen, Menschen zu
Uhrwerken, Gedächtnisse zu Schallplatten“, schrieb 1991 die ‚FAZ‘.
Mehr noch: die Technik reklamiert längst eine ganze Sprache
für sich. Es ist das Englische. Sie nistet sich ein mit zumeist und zutiefst
banalen Ausdrücken in die Natursprachen der Welt. Die Benutzung von Anglismen
gilt überall als chic und modern, passt wunderbar in eine jeden Feinsinn vergewaltigende Werbung.
Dort will ich
freier atmen
dort will ich ein Alphabet erfinden
von tätigen Buchstaben
In Wahrheit sind die meisten Slogans peinlicher Kitsch. So
banal, dass man sie tatsächlich nur noch durch das Englische hervorheben kann.
Es ist lingualisierte Gewalt. Es ist eine Beleidgung. Jeder Engländer würde sich ihrer schämen.
Die kritische Vernunft befindet sich derweil auf dem
Rückzug. Noch residiert sie vor allem in der modernen Kunst, befand der
Philosoph Theodor W. Adorno. In der Welt als Vorstellung, als Entwurf, als
Gegenentwurf. Die Kunst stört – vor allem dann, wenn sie mehr ist als nur
Design und Wohnzimmer-Dekoration. Darin werden Kunst und kritische Vernunft
identisch. Doch Adorno ist seit 1969 tot – und mit ihm starb unsere Vernunft.
Langsam, aber unaufhaltsam.
Vielleicht ist jetzt alles aus. Durch die KI. Die Kunst wird
formal zum puren Design, zur puren, sterilen Optik, zur Virtuellen Realität.
Wir brauchen die kritische Vernunft nicht mehr. ChatGPT
übernimmt. Den widerspenstigen Rest regelt eine unerbittlich daherkommende
Moral, die kein Pardon mehr kennt.
Ein Zeitalter unerträglicher Gleichförmigkeit wartet auf
uns. Aber das – so möchte man boshaft ergänzen – die meisten bekommen das gar
nicht mehr mit.
Der bürokratischen Zeit konnte die kritische Vernunft immer
nur hinterherhecheln – oder sie ignorieren. Beides kostet unglaublich Kraft,
wie wir seit Kafka wissen. Die bürokratische Zeit ist uns stets ein Formular,
ein Memo, ein Paragraph, eine Vorschrift voraus. Egal, ob analog – als Papier –
oder digital – als App.
Buchhändler verschwinden, Buchhaltung bleibt.
Die bürokratische Zeit siegt immer. Im Verein mit der
Technik. Bislang. In Wahrheit hat sie nichts aufzuweisen. Nur den Sieg. Den
täglichen Sieg. Über uns. Mit Haffmans möchte man sagen, das ist „ihre
durchgängige Triebstruktur, die kein anderes Konstruktionsprinzip kennt als
Fressen und Gefressenwerden, mit dem alleinigen Zweck, sich selbst zu reproduzieren.“
Technik
und Bürokratie verhalten sich wie Kannibalen. Sie jagen, kochen und braten sich
selbst. Wir nennen es dann Fortschritt. Aber in Wirklichkeit ist es rasende
Sinnlosigkeit.
(Dies ist Teil einer längeren Auseinandersetzung mit dem, was einen so als Rentner bewegt.)