Der Quellenlage nach muss es 1998 gewesen sein, als ich es wagte, mich von Experten der Künstlichen und sonstigen Intelligenz in die Zukunft führen zu lassen. Als ich heute morgen auf dieses, wahrscheinlich um 2014 herum letztmalig besichtigte Manuskript stieß, war ich doch erstaunt, wie gut diese Fachleute - vor allem die aus dem angelsächsischen Bereich - die Entwicklung vorhergesehen haben. Vielleicht spüren sie ja auch dieses Erstaunen in sich, wenn sie diesen Blick zurück nach vorn studieren. Im Unterschied zu meiner sonstigen Gepflogenheit, habe ich dieses Mal die Quellen vor der Veröffentlichung nicht gelöscht.
Von Raimund Vollmer
Roboter
werden ab 2010 so intelligent wie Menschen sein. In der Zwischenzeit
marschieren die Androiden in den Dienstleistungssektor ein. Und der Mensch
selbst macht sich auf in den Cyberspace, um sein größtes, verbleibenden
Rätsel zu lösen: das Gehirn.
»Gibt
es Intelligenz auf der Erde?«
Graffiti‑Schrift
Der
Katzensprung. Ende 1996 wagten Wissenschaftler in Großbritannien und in
den USA ein kleines Experiment. Ein Roboter des Cybernetics‑Bereichs
der britischen Reading University programmierte über das Internet
einen eisernen Kollegen in der State University in New York. »Wir
wollten ein für allemal die Vorstellung beerdigen, dass nur Menschen
Roboter programmieren können«, freute sich Cybernetics‑Professor Kevin
Warwick, über den Erfolg der transatlantischen Zusammenarbeit zwischen
Maschine und Maschine. Und er ist sich ziemlich sicher, dass im Jahr 2050
hochintelligente Roboter die Herrschaft über die Welt erlangen werden. Steht
das Ende der Menschheit bevor, kommt nun das Zeitalter der »Maschinenheit«,
wie es Warwick nennt? Es ist eine Frage der Intelligenz, also der Computer.
»Die
größten Superrechner Ende der achtziger Jahre entsprechen dem 1‑Gramm‑Gehirn
einer Maus,« schrieb 1990 Hans Moravec, Chef des Mobile Robot
Laboratory an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, in
seinem Buch Mind Children. Das war schon ein Riesenfortschritt
gegenüber 1987. Da behauptete ein Experte in der Tageszeitung Die Welt,
dass der Intelligenzquotient eines Computers »kaum über dem einer Kartoffel«
läge. Im Jahr 2002 allerdings
werde die Intelligenz bereits der einer Katze entsprechen, befand 1997 die
Londoner Finanical Times. Welch ein Fortschritt wäre
das: innerhalb von anderthalb Jahrzehnten von der Kartoffel bis zur Katze!
Gehirn
auf Rädern. Inzwischen sind Computer in der Lage, wenigstens einen Schachweltmeister
zu schlagen. Doch Deep Blue ist weit davon entfernt eine Denkmaschine
zu sein, die sogar ausgestattet ist mit einem eigenen Bewusstsein. Was sind
die Grenzen eines solchen »bewusstlosen« Gehirns? »Ein Schachprogramm, das 52
Züge voraussieht, müsste etwa 1080 Möglichkeiten analysieren. Das
ist mehr als die Zahl aller Atome im Universum«, rechnete 1982 das
Wirtschaftsmagazin Fortune aus. Aber vielleicht ist selbst
das kein Problem für ein solches Superhirn, das weiter »denkt« als unser
Universum.
Zwischen
2010 und 2030 ‑ so orakelt Moravec, Absolvent der berühmten Stanford
University in Palo Alto, ‑ werde es Computer geben, die so mächtig
seien wie das menschliche Gehirn. Marwick glaubt
derweil, dass noch vor dem Ende des nächsten Jahrzehnts die Maschinen nach
Zahl und Dichte ihrer Neuronen mit dem menschlichen Gehirn gleichgezogen haben
werden.
Revolution.
Etwa zu diesem Zeitpunkt wird sich die Silizium‑Technik dem kritischen
Punkt nähern, in der sie den Ansprüchen nicht mehr genügt. Dann wird man zu
biochemischen Stoffen oder optischen Prinzipien übergehen. Der
Physiker Michio Kaku glaubt, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten
die Transistordichte bei den Chips an die »Null-Komm-Eins-Grenze« stoßen. Bei
0,1 Micron werden die Transistoren so klein wie die DNA: »Einige Visionäre behaupten, dass das
Informationszeitalter der Sieg der Bits über die Atome darstellt. Der
Cyberspace verdrängt die reale Welt. Doch es tut mir leid sagen zu müssen, dass
die Stunde der Rache in 15 bis 20 Jahren kommen wird. Wir müssen uns auf
mehrere Schockwellen gefasst machen. Im Vergleich zu ihnen war die Ölkrise der
siebziger Jahre ein Kinderspiel.« Doch solange lässt es sich nach Meinung von Kaku,
Autor des Buches »Vision: How Science
will Revolutionize 21. Century« noch
recht gut leben. Mikroprozessoren werden nicht nur so klein sein wie ein
Pfennig, sondern auch soviel kosten, also Bruchteile eines Euro-Cents. Der
Aufwand für ihre Herstellung wird aber immenses Kapital binden. Arthur Rock,
Risikokapitalist im Silicon Valley, der
Intel 1968 das Geld für den Start
gab, meint: »Die Kapitalkosten für die Herstellung von Halbleitern verdoppeln
sich alle vier Jahre.« Nur noch Konsortien werden sich diese Fabriken im Wert
von 20 Milliarden Dollar und mehr leisten können.
Aber
der Kapitaleinsatz lohnt sich. Immer tiefer graben sich diese Winzlinge in unser Leben ein. »Wir nähern uns
einer Zeit, in der mächtiges und durchdachtes Computing verschmelzen wird mit
Möbeln und Papier«, behauptet Michael
Hawley, Mitarbeiter am Media Lab des
Massachusetts Institute of Technology. Hier wird bereits an
»elektronischem Papier« gearbeitet, mit denen sich Menschen Texte aus dem Internet
runterladen können - Bücher mit einem Umfang von 200 bis 300 Seiten.
Nach der Lektüre wird das Buch gelöscht - und kann mit neuem Lesestoff
aufgetankt werden.
Nichts ist der Technik mehr heilig.
Wenn
das Weltwirtschaftsprodukt im Jahr 2000 rund 30 Billionen Dollar erreicht,
dann wird die Informationstechnik zwar nur einen Anteil von drei Prozent
haben, aber sie wird das Geschehen in allen anderen Märkten bestimmen. Ihre
Bedeutung wird die des Öls bei weitem übertreffen. Schon jetzt trägt in den
USA die Informationstechnik fast zwei Prozentpunkte des Wachstums. In zehn
Jahren wird ohne die maschinelle Intelligenz überhaupt kein Wachstum mehr möglich
sein. Sie wird immer mehr Teile der Wirtschaft an sich binden.
Es
wird dann höchste Zeit, dass die Bio-Computer als Retter aus der Atom-Falle auf
den Markt kommen - mit immensen Konsquenzen: »Bio wird durchstarten mitten
hinein in eine bittere Kontroverse um Moral und Politik«, sieht der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling das Entstehen einer »Wissens-Revolution«, die
30 Jahre dauern wird. »Das wird eine wilde Entwicklung sein, die vielleicht
das Heraufdämmern einer Epoche bedeutet, in der Leute nicht mehr einfach nur
menschlich sein werden.« Wie aber werden diese
»Leute« aussehen? Die eigentlichen Probleme liegen nicht in der Technik, sondern
in der Seele der Maschine. Die neuen Herausforderungen haben zu tun mit so
menschlichen Eigenschaften wie Humor oder Anschaulichkeit. Marvin
Minsky, der Großvater der künstlichen Intelligenz, hatte bereits 1985
festgestellt, dass hier mindestens 50 größere Problemblöcke zu lösen sein. Doch für Marwick
ist dies gar kein Thema, weil seiner Meinung nach die Maschinen solche
Eigenschaften ebenso wenig benötigen wie den äußerst schwierig umzusetzenden
aufrechten Gang. Es genügt das Gehirn auf Rädern ‑ und schon sind die
Maschinen so mobil, dass sie ihr bisheriges Gefängnis, die Werkhallen der Industrie,
verlassen und in den Dienstleistungssektor eindringen können.
Zwischen
Leben & Tod. Die Japan Industrial Robot Association (JIRA)
strich bereits das Industrial aus ihrem Namen. Auf der Insel, wo im Jahr
2005 mit rund 1,2 Millionen dreimal mehr Roboter im Einsatz sein werden als
1993, betreiben bereits die eisernen Gesellen »Dienst am Menschen«.
- Seit
Anfang der neunziger Jahre werden in Japan sprachgesteuerte Patienten‑Roboter
für die Krankenbetreuung eingesetzt.
- In
Tokio wurde bereits der erste »Robo-Shop« eröffnet, der rund um die Uhr
geöffnet ist. Hier kann man Artikel des täglichen Bedarf erwerben - bei
Robotern.
- In
der Aussegnungshalle des Zentralfriedhofs von Yokohama haben 650.000 Mark
teure Androiden, die täuschend echt dem Menschen nachgebildet wurden, Priesterfunktionen
übernommen. Sie sprechen dort seit 1994 Gebete, schlagen den Gong und singen
Hymnen.
- In
den Sushi‑Restaurants unterstützen sie die Köche bei ihrer Arbeit und
produzieren dort Reisbällchen.
- In
San Francisco nahm zu Beginn der achtziger Jahre der erste Roboter einen Dienst
als Barmixer an.
- In
England übernahmen Anfang der neunziger Jahre in dem Containerhafen Thamesport
die Herrschaft über die Verladekräne.
- 1993
half ein Mini‑Roboter deutschen Archäologen dabei, im Zentrum der 4500 Jahre
alten Cheops‑Pyramide einen neuen Gang zu entdecken.
Am
Fraunhofer Institut in Stuttgart wurde 1995 bereits ein serienreifer Tankroboter
vorgestellt. Spätestens dann, wenn der schwierig zu handhabende flüssige Wasserstoff
unser Benzin ersetzt, werden die elektronischen Tankwarte den Dienst an der
Zapfsäule übernehmen.
-
Überall in der Welt helfen sie der Pharma‑Branche in der Forschung, indem sie
in Massentests, dem (Screening), neue Substanzen tausendmal schneller
entdecken als in den bisherigen Verfahren.
- In
den USA sprang am 7. November 1992 erstmals ein an der Universität von Kalifornien
entwickelter Android als Chirurg bei einer Hüftgelenkoperation ein. Knapp zwei Jahre später
hatte der Robodoc in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in
Frankfurt/Main seinen Ersteinsatz. Klammheimlich wagen sie
sich in immer mehr Bereiche vor ‑ zwischen Leben & Tod.
Auf
solche Service‑Roboter wartet ein riesiger Markt. Nach Schätzungen des Fraunhofer
Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart
könnten im Jahr 2010 für elektronische Dienstleister zwischen 17 und 45
Milliarden Mark weltweit ausgegeben werden. Wieviel es tatsächlich
werden, hängt von unserer Phantasie ab: die Zahl der Anwendungsfelder. Oder
erzeugen zu diesem Zeitpunkt die Roboter
bereits ihre eigenen Vorstellungen?
»Mein
Gefühl sagt mir, dass unser Intelligenz‑Level abhängig ist von der physischen
Begrenzung unseres Kopfes«, meint Marwick. Dieses Problem haben Roboter
nicht, deren Gehirn läßt sich beliebig groß gestalten. »In Zukunft gibt es
keinen Grund, warum wir nicht Maschinen bauen können, die milliardenfach intelligenter
sind als wir.« Und dann wird er nachdenklich. Denn diese Superhirne könnten
nicht mehr abgeschaltet werden ‑ so wenig wie heute das Internet. »Wenn
wir Roboter in ihren Fähigkeiten nicht zügeln, droht uns eine größere Gefahr
als durch die Gentechnik«: die Menschwerdung der Maschine. Das ist eine Frage der
Software: so gelang es zwar seit 1945 die Leistung der Computer um den Faktor
eine Million zu steigern, aber die Programmier‑Produktivität stieg nur um das
Zehnfache. Bei dem Tempo schaffen wir es nie, eine Maschine zu bauen, die
intelligenter ist als wir. Irgendwie müssen wir wohl selbst zuerst
intelligenter werden. Aber dazu müssten wir über unser Gehirn mehr wissen...
»Die
einzige terra incognita, die der Mensch noch besitzt, sind die Galaxien des
Gehirns.«
Peter Sloterdijk, deutscher Philosoph
Nachgebohrt.
Derweil ist unser gutes, altes Gehirn dabei sich zu entleiben. Es bricht auf
in den Cyberspace ‑ das größte Abenteuer der Menschheit seit der
Entdeckung des Menschen durch den Menschen.
Das
Gehirn war uns schon immer ein Rätsel. Vor 5000 Jahren bohrten unsere
Vorfahren Löcher in die Köpfe von Menschen, die diese primitive Operation
sogar überlebten. Was immer sie dort suchten, ist uns nicht bekannt. Wir
haben nur die Schädelknochen gefunden, aber leider nicht das Gehirn. Aber
bohrende Fragen müssen es auf jeden Fall gewesen sein, die unsere Vorfahren
geplagt haben. Heute ist unser Gehirn wohl kaum besser als im Altertum, wir
wissen aber vermutlich sehr viel mehr ‑ über die grauen Zellen, von denen noch
der griechische Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor
Christus meinte, dass sie allenfalls zur Kühlung unseres Blutes taugten. Sein
Vorfahr und Landsmann Hippokrates, der im sechsten Jahrhundert lebte,
war da schon ein Stückchen schlauer gewesen: er sah das Gehirn als das Zentrum
unserer Gedanken, Gefühle und Sinne. Aber wie entsteht dieses Zentrum?
Modell
der Welt. Lange bevor ein Mensch geboren wird, beginnt bereits sein Gehirn
mächtig an zu arbeiten. Elektrische Impulse jagen durch die graue Masse, die
sechs Wochen nach der Zeugung fast die Hälfte des Körpergewichts eines
Embryos ausmacht. Und diese Stromschläge sind nicht etwa eine Folge des
Wachstums, dessen unvermeidliches Grundrauschen, sondern sie bestimmen die
Struktur des Gehirns. Es fällt ‑ teilweise genetisch gesteuert, teilweise spekulativ
‑ Entscheidungen über die Nutzung der grauen Masse, modularisiert und
modelliert sie. Hören, Sehen, Fühlen, Riechen usw. Wenn das Baby dann auf die
Welt kommt, enthält sein Denkzentrum 100 Milliarden Neuronen. Das sind so
viele Zellen wie unsere Milchstraße Sterne hat.
Schon
der spanische Wissenschaftler Santiago Ramon y Cajal sah hier Ende
des vergangenen Jahrhunderts einen Zusammenhang: »Solange das Gehirn ein
Geheimnis bleibt, solange bleibt auch das Universum ‑ das Abbild der Gehirnstruktur
‑ ein Geheimnis.« Hundert Jahre später
bezeichnet der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk das Gehirn als
»die Milchstraße der Intelligenz«. Der in Tübingen lehrende Hirnforscher und
Kybernetiker Valentin Braitenberg meint: »Man kann das Gehirn als ein
Modell der Welt verstehen.« Mit einem Modell der Welt
kommt also der Mensch auf die Welt. Schon bei seiner Geburt verbirgt sich ein
ganzer Cognos‑Kosmos hinter der noch weichen Schädeldecke. Billionen von
Verbindungen bestehen bereits zwischen den Nervenzellen seines Hirns. Immer
mehr kommen nun hinzu. Die Galaxie wächst. In seinen ersten Lebensjahren
stellt ein Kind rund 100 Billionen an Konnektionen zwischen den Gehirnzellen
her, weitaus mehr als es eigentlich sinnvoll nutzen kann. Es entwirft und
verwirft quasi immer mehr Kosmologien, bis es im Alter von etwa zehn Jahren
seine eigene, in der Welt einzigartige Grundstruktur herausgebildet hat ‑
sein ureigenes Universum, das zugleich eingebunden ist in eine weitaus
größere, äußere Welt. Es zieht immer mehr
Wissen & Erfahrungen in sich ein und projiziert zugleich seine
Vorstellungen & Ideen in die reale Welt. Es hat dabei keine Chance, diese
Realität in ihrem ganzen Umfang zu erfassen. Dieser Mangel an Wissen zwingt
ihn dazu, permanent neue Ideen und Annahmen zu kreieren. Er kommuniziert,
probiert, falsifiziert. Was er sich nicht erklären kann, worauf er keine
Antworten bekommt, das respektiert er zumindest, kultiviert es sogar ‑ zum Beispiel
in Form von Religionen. So ist der Vergleich des Gehirns mit dem Universum
keineswegs abwegig ‑ und erst recht nicht mit dem Cyberspace, wo sich
all das in der Schwerelosigkeit der Informationsströme ebenfalls abspielt. Ein
solches Gegenstück zu seinem Gehirn hat der Mensch bislang nie besessen. Vor
allem scheint das Internet von seiner inneren Struktur mit seinen
Millionen & Milliarden von Hyperlinks dem menschlichen Gehirn zu
entsprechen. »Unser bewusstes Denken ‑ so wie wir es niederschreibend festhalten
‑ scheint völlig linear gerichtet zu sein. Aber die wirkliche Suche in unserem
Gedächtnis und der Gedankenprozess dahinter vollziehen sich simultan auf
sehr vielen Kanälen«, meinte Stanislaw Ulam, Mathematiker und Professor
an der Universität von Colorado, der in den dreißiger Jahren mit dem Superhirn
John von Neumann eng zusammenarbeitete.
Ziemlich
Cool. Warum aber muss jeder Mensch mit einer ganzen Milchstraße im Kopf
herumlaufen? Eine überraschende Antwort darauf fand 1986 der polnische
Anthropologe Konrad Fialkowsky bei den Vormenschen, die schon mehr
Gehirn besaßen, als sie eigentlich benötigten. »Mit ihren überdimensionalen
Hirnen schützten sich die frühen afrikanischen Jäger, während sie ausdauernd
unter der heißen Savannensonne ihrer Beute hinterher rannten, vor dem
Hitzschlag. Ihre extrem wärmeempfindlichen Steuerzentralen konnten dank
üppiger Reservekapazität Teilausfälle gut verkraften. Erst sehr viel später
entdeckten die Menschen, dass ihre vermehrte Hirnmasse auch zum Erfassen
abstrakter und komplizierter Gedanken fähig war.« Das Gehirn schützte also
die Menschen vor einer unwirtlichen Wirklichkeit ‑ durch eine überquellende
Redundanz. Lag also Aristoteles doch in gewisser Weise richtig, als er
das Gehirn nur als eine Kühlanlage verstand? Und ist nicht auch die
Geschichte der Computer, der Elektronenhirne, geprägt von dem Wunsch nach Ausfallsicherheit?
Schon
das Superhirn Johann von Neumann, der 1944 das Architektur‑Modell
aller Computer formulierte, hatte in seinem Aufsatz »Wahrscheinlichkeitslogik
und die Konstruktion zuverlässig arbeitender Organismen aus unzuverlässigen
Einzelteilen« postuliert: »Das Gesamtsystem ist so zu organisieren, dass es auch
dann noch funktioniert, wenn mehrere Einzelteile versagen.« Seitdem wurden
ganze Computergenerationen nach diesem einfachen Prinzip gebaut. Sie wurden
immer reichhaltiger ‑ immer komplexer. Doch die Krönung erreichte dieser
Gedankengang mit der Errichtung des Internets. Als es vor dreißig
Jahren konzipiert wurde, war die grundlegende Forderung, ein vernetztes
System zu schaffen, das in seinen Teilen zwar zerstörbar war, aber als Ganzes
auch einen Atomkrieg überstehen sollte.
Und
jetzt stellen wir fest, dass dieses Netz mehr bietet als nur Sicherheit ‑ wir
erfinden in ihm die gesamte Welt neu. Mögen die Roboter ruhig so intelligent
werden wie wir. Im Internet ‑ so heißt ein alter Joke ‑ ist es
egal, ob Du ein Hund bist oder nicht. Noch etwas: wenn Roboter Roboter
programmieren können, warum nicht auch Menschen? Ein Computer kann das nämlich
schon längst..
»Hunger
ist Lust. Hunger ist Lust. Hunger ist Lust«, flackerte der Bildschirm jeden Tag
für insgesamt fünf Minuten. Als kaum wahrnehmbare Botschaft für
Sekundenbruchteile eingeblendet, programmierte der Computer seinen Benutzer.
Und tatsächlich ‑ nach vier Tagen verlor der Amerikaner Michael Anderson
den Appetit. Eine Woche später hatte er zehn Pfund abgenommen. Das war 1984.
Doch diese Form der automatisierten Suggestion hatte zu diesem Zeitpunkt
bereits eine lange Vorgeschichte. 1956 hatte ein Kino in New Jersey erstmal
eine sublimanale Botschaft in die Filmvorführung eingeschleust: »Hunger? Iß
Popkorn!« Bald darauf wurde dieser geheime Verführer verboten, um dreißig
Jahre später im Computer wieder aufzuleben. Sind sie nun wieder
verschwunden? Manchmal hat der Autor dieser Zeilen das Gefühl, dass sein
Computer diese sublimanale Technik schon lange gegen ihn anwendet: »Ich will
ans Netz. Ich will ans Netz. Ich will ans Netz.« (Wahrscheinlich genüge ich
ihm nicht mehr, ich habe deshalb beschlossen, mir einen neuen Computer zu
kaufen. Das Problem ist nur: wahrscheinlich wurde er von Robotern gebaut...)