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Sonntag, 15. März 2026

Vor dem Rückfall?

 Zum Tode von Jürgen Habermas (1929-2026)

Talk about my gegegegeneration

Von Raimund Vollmer


Ich habe diesen Eintrag am 15. März eingestellt und am 16. März noch einmal überarbeitet.)  

Es war wohl eine Pflegerin, die meiner Familie empfohlen hatte, mir ein Buch ins Krankenhaus zu bringen, zu dem ich eine besondere persönliche, intellektuelle Beziehung habe. Ich war damals nach zweieinhalb Wochen aus einem künstlichen Koma erweckt worden. Es war dann meine älteste Tochter, die mir das Buch „Theorie und Praxis“ von Jürgen Habermas brachte, in das ich bis heute immer wieder hineinschaue – und das längst einen entsprechend zerlesenen und von vielen Unterstreichungen gekennzeichneten Eindruck macht. Das Thema, das mich damals wie jetzt faszinierte, war die Sozialphilosophie. Erworben habe ich dieses Buch am 3. April 1971 – vor 55 Jahren. Es kostete 21 DM, und erschienen war es bei Luchterhand in der 3. Auflage 1967, die erste Auflage stammte von 1963. Gekauft habe ich es damals in der Buchhandlung Kocher in der Wilhelmstraße von Reutlingen - ohne zu ahnen, dass ich zehn Jahre später hier bis zum Ende meines Lebens wohnen werde. (Die Buchhandlung Kocher gibt es nicht mehr.)

        Vielleicht wird es Zeit, dass ich wieder aus einem Koma erwache.  

Ich war damals noch Schüler in Düsseldorf. Das Buch hat mich von Anfang an fasziniert. Und ich wusste nicht warum. So sprach ich in einer großen Pause darüber mit meinem Philosophie-Lehrer: „Ich weiß nicht, was dieser Habermas eigentlich will“, sagte ich. Er schaute mich erstaunt an und antwortete: „Dann haben Sie ihn verstanden.“ Ich war perplex. Ich hatte ihn also verstanden, weil ich ihn nicht verstanden hatte. Verrückt. Aber so ging es mir in der Folge immer wieder – nicht nur bei der Lektüre dieses Buches, sondern auch bei anderen seiner Werke. Allein in meinem Archiv befinden sich 312 Dokumente von ihm und über ihn. Ich habe ihn verehrt und bewundert. 

Vielleicht wird es Zeit, dass ich in den Dokumenten wieder lese (womit ich inzwischen begonnen habe).  

Da fand ich dann auch ein Gespräch mit ihm und anderen in der Wochenzeitung „Die Zeit“, die ich ebenfalls jahrzehntelang geschätzt habe (heute allerdings weniger, weil "Die Zeit" ebenso wie alle Publikationen zu sehr selbstmarketinggetrieben sind und damit zu reinen Geschäftsmodellen verkommen). Der Artikel war von 1993. Und in der Vorstellung der Gesprächspartner wird von Habermas' Büchern neben dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ meine geliebte „Theorie und Praxis“ genannt. 

     Das hat mich gefreut, denn dieses Buch hat mich mein Leben lang begleitet.

In dem Gespräch reflektiert Habermas das Jahr 1977, das Jahr des „deutschen Herbstes“. „Natürlich war die Entführung und Ermordung Schleyers durch linke Terroristen grauenhaft. Aber die Reaktion darauf war erschreckend, es herrschte eine Pogromstimmung in Deutschland.“ Da ist etwas dran. Als damals 25jähriger junger Mann wurde ich bei jeder Gelegenheit kontrolliert. Einmal stand im Hintergrund ein Uniformierter mit einer Maschinenpistole in der Hand. Es war beleidigend. Ich stand unter Generalverdacht wie meine Genartion überhaupt. 

     Das war die Praxis – ohne Theorie. 

Der Staat zeigte mir seine bloße, nur notdürftig legitimierte Macht. Und nicht nur mir zeigte er sie, er zeigte sie meiner Generation, die dies mit Entsetzen wahrnahm. Dieser Generalverdacht war abscheulich. So etwas wollten wir nicht. Der Staat war vor allem dazu da, den Bürger zu beschützen (Thomas Hobbes, den ich erst durch Habermas kennenlernte), nicht uns zu bedrohen - auch wenn er vorgab, uns damit beschützen zu wollen, um dann doch nur Macht auszuüben (Carl Schmitt). Letzteres war mit uns nicht zu machen, weil der Staat dann dazu neigte, übergriffig zu werden. Und das Grundgesetz war ja dazu da, uns vor einem solchen Staat zu schützen. Das Volkszählungsurteil des Bundesverassungsgericht von 1983 wies den Staat in seine Grenzen. 

Einer wie Habermas meinte 1993, zehn Jahre nach dem Urteil, dass „eine Generation herangewachsen ist, die das Klima, die politische Einstellung verändert“. Und diese Hoffnung war so stark, dass er "erstmals" bis 1989 „das Gefühl“ hatte, „dass ein Rückfall in der Bundesrepublik nicht mehr möglich“ sei. Nie wieder Nazis (und nicht nur Faschismus). 

So ging es mir auch - als kleiner Bundesbürger. Je mehr die Menschen meiner Generation in die Verantwortung genommen wurden, desto größer war auch mein Vertrauen in uns – egal, ob der Kanzler Helmut oder Helmut hieß, Schmidt oder Kohl. Mit uns war kein „Staat“ alter Prägung mehr zu machen. 

    So dachte ich.

Dann kam die Wiedervereinigung, das Jahr 1989. Was für ein Glück! Ein kurzer Moment. Denn schon bald war das vereinte Deutschland wieder geteilt. 

Keine vier Jahre nach dem Fall der Mauer sah Habermas „auf der einen Seite die Rückkehr, antisemitischer, rassistischer und fremdenfeindlicher Stereotypen" und auf der anderen Seite, "dass im Westen die Mehrheit der Deutschen unter fünfzig auf eine selbstverständliche Weise liberal ist. Sie mussten sich das nicht mehr einimpfen, sie haben es in den Fingerspitzen.“ 

Das war keine besondere Leistung: dieses Gefühl in den Fingerspitzen.  Dachten wir. Vielleicht haben wir es deshalb auch zu wenig gewürdigt. Es war für uns selbstverständlich, unerschütterlich. Das ist es aber nicht, wie wir heute wissen. 

Wir hatten es deshalb in den Fingerspitzen, weil es unter unseren sehr kritisch beäugten Eltern und Großeltern eben solche Menschen wie Jürgen Habermas gab (mit dem ich nichtsdestotrotz in den letzten Jahren auch stark gehadert habe) oder Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm. Alles Menschen von hoher Bildung, die nicht unbedingt nur der Frankfurter Schule anghehören mussten. Helmut Schelsky war mir nicht minder nah. Auch Arnold Gehlen. Sie mussten einen einfach nur zum Nachdenken bringen wie viele Literaten, ob sie nun Martin Walser, Max Frisch, Bert Brecht, Jean-Paul Sartre oder Friedrich Dürrenmatt hießen. Geliebt habe ich die Schriftsteller des Absurden Theaters. Und natürlich auch solche Solitäre wie Heinrich Böll oder Günter Grass. Oder Peter Handke, Albert Camus. Große Nobel-Namen, großer Eindruck. Und über allen Franz Kafka. Alles Namen, die durch die Schule angeregt wurden, aber in uns Schülern weit darüber hinaus wuchsen. 

Habermas war ein „Sozialdemokrit“, wie er einmal in Assoziation zu SPD einerseits und zu dem griechischen Philosophen Demokrit genannt wurde. Umfassendes Wissen weit über sein Fach der Sozialphilosophie hinaus und eine gewisse intellektuelle Gelassenheit haben mich stets an ihm fasziniert. So richtig verstanden habe ich ihn allerdings nicht, aber ich habe Urvertrauen zu ihm gehabt. Er hat um Erkenntnis gerungen - und allein, dass er das bis ins hohe Alter hinein tat, hat mir Mut gemacht. Heute, im Zeitalter des Showbusiness, bin ich nur noch skeptisch. 

Es gibt nur noch Quoten- und Bestseller-Philosophie.Und Bücher, auf denen nicht von vornherein "Spiegel-Bestseller" steht, haben schon keine Bedeutung mehr. Dabei gibt es so wunderbare Kleinode. Zum Beispiel in den Werken der Modernen Lyrik, deren Autoren und Autorinnen es ablehnen würden als Bestseller vermarktet zu werden. 

Ich glaube, dass wir, die wir nun als Babyboomer im Ruhestand leben, unruhig werden müssen. Mir wurde dies nach der letzten Landtagswahl im Stammheimland sehr bewusst. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben nicht mit dem Herzen gewählt, nur mit dem Verstand, rein strategisch – zutiefst skeptisch und ohne großes Vertrauen, schon gar nicht in irgendwelche Landesvätergestalten. Es ist dabei nicht so sehr die Politik, die mich kolossal irritiert, denn diese ist ja nur eine Nachahmung dessen, was sich sonst unter uns Wählern tut. Meine eigene intuitive Einstellung gegenüber meinen Mitmenschen ist es, die mich innerlich auf Distanz gehen lässt. 

- Ich frage mich, was sie gewählt haben und ob sie das gewählt haben, was einem Rückfall, wie ihn Habermas bezeichnete, den Weg bereiten könnte.

- Ich frage mich: Was hatten die Menschen im Südwesten bei der Wahl in ihren „Fingerspitzen“, als sie ihre beiden Kreuzchen setzten? 

(Ich selbst habe das Gefühl, dass ich bei meiner Wahl fremdbestimmt wurde - und das macht mich innerlich auf vielfache Weise wütend und rebellisch.)

So werde ich folgende Frage nicht mehr los: Haben wir es nicht selbst versaut, weil wir nur noch in der Praxis lebten – ohne Theorie, ohne Theoretiker wie Jürgen Habermas, zu dessen Hauptwerken auch das Buch „Erkenntnis und Interesse“ gehört? Und wie sehr hast du die Denker vernachlässigt, die du als Schüler so verehrt hast? Ich weiß nur, dass ich vor 16 Jahren, als ich aus dem Koma erwachte, ahnte, dass ich mich wieder von diesen Giganten inspirieren lassen muss, egal, ob mein Verstand, meine Intuition und Kreatvität dafür ausreicht oder nicht. In der Kultur liegt der Schutz vor einem Rückfall. Aber für diesen Schutz bist allein du selbst verantwortlich. Ohne Maschinenpistole. 

Was sich momentan abspielt, ist bestimmt noch kein Rückfall, aber es ist mehr als nur ein Vorfall.  

Wir sind zu lange nur unseren egoistischen Interessen gefolgt. 

Ich weiß: Keine neue, aber bestimmt eine sehr bittere Erkenntnis.

Es wird wohl Zeit, dass wir über unsere Generation reden. Inklusive Stottern. 

 
            I'm not trying to cause a big s-s-sensation
            (Ich versuche nicht, eine große S-S-Sensation zu verursachen)

Meine, meine schmutzige Generation My, my dirty generation

 The Who, 1965

 

Donnerstag, 3. Oktober 2024

Aus: "Unsere Zeit" (2017): Reuter & Herrhausen (3)

Woher der Titel der Fernsehserie kam, wird am Schlussbild dieses Kapitel klar. Unter der Überschrift "Herr des Geldes" veröffentliche 1989 Der Spiegel  eine Titelgeschichte über Alfred Herrhausen. An seiner Geschichte sieht man, wie sehr bis dahin Groß-Industrie und Finanzwelt miteinander verbündet waren. Dazu gibt es aus dem Buch "Unsere Zeit" auch noch ein weitaus spektakuläreres Beispiel. Auf jeden Fall wurde danach dieser Zusammenhalt zunehmend brüchig. Heute wirken unsere Konzerne ziemlich orientierungslos.
Vielleicht erscheint demnächst hier aus "Unsere Zeit". Raimund Vollmer










 

Mittwoch, 2. Oktober 2024

Aus: "Unsere Zeit" (2017): Reuter & Herrhausen (2)

Vielleicht waren die beiden, Edzard Reuter und Alfred Herrhausen, die besten Vertreter der Deutschland AG, bevor diese dann schließlich sich auflöste. Amerikanisches Denken, dem Reuter mit der Fusion zum integrierten Technologiekonzern nach dem Muster von General Motors durchaus nacheiferte, war den beiden nicht fremd - und doch suchten sie einen eigenen Weg. Heute wird der amerikanischen Vorstellungswelt von einer Marktgesellschaft zwar gefrönt, aber es ist nur eine Nachahmung, die letztlich keine Orientierung gibt. Irgendwie bleiben wir Provinz - dies gilt umso mehr, je mehr wir versuchen dieses Denken zu überwinden. Raimund Vollmer






Dienstag, 1. Oktober 2024

Aus: "Unsere Zeit" (2017): Reuter & Herrhausen (1)

Heute startet im deutschen Fernsehen (ARD) die Miniserie "Herr des Geldes" über den Deutschbanker Alfred Herrhausen. Aus diesem Anlass habe ich mal in meine Buchkiste gegriffen und in einem Buch gestöbert, das ich vor sieben Jahren mit meinem Freund Udo Strehl, Gründer der USU Software AG, verfasst und herausgegeben habe. Grund war, dass wir einfach mal refelektieren wollten, was in unserer Zeit denn so alles um uns herum geschehen ist. So heißt denn auch das Werk konsequenterweise "Unsere Zeit". Edzard Reuter hat seinen Aufstieg an die Spitze der damaligen Daimler-Benz AG Alfred Herrhausen zu verdanken, der 1989 einem Terroranschlag zum Opfer fiel. Übrigens wäre Herrhausen selbst gerne Chef der Autoschmiede geworden... Raimund Vollmer

(Die Darstellung hier basiert auf meinem Layout, bevor ihr mein Freund und Grafiker Stephan Kieninger den letzten Schliff gab. Fehler gehen also alle auf mein Konto.)

Fortsetzung folgt






Montag, 22. März 2021

Big Data, Corona und Hegels Weltgeist

 Von Raimund Vollmer

 

Ist Big Data der neue Übermensch? Schaufenster in Zürich 2020 Quelle: R.V.


Unsere ganze Existenz hebt sich empor zu Big Data. Wir, die wir doch von uns behaupten eine „Sonderstellung“ in der Welt zu besitzen, nicht unbedingt ein „Geschöpf Gottes“, aber auch kein „arrivierter Affe“, sondern eher ein „Mängelwesen“, wir, wir erheben uns zu einer virtuellen, einer außermenschlichen Existenz, zu Big Data. So möchte man mit Begriffen des deutschen Philosophen Arnold Gehlen (1904-1976) spielen, um zu verstehen, was gerade mit uns passiert, mit uns, den Menschen, und mit uns, den Daten.  

Wir sind überall zuhause. „Zuhause bleiben“ - das ist für uns überall. „In Eis und Schnee nicht weniger als in Wüste und Hitze“, meint der deutsche Philosoph Henning Ottmann (*1944), sich auf Gehlen beziehend.[1] Im Wasser und auf See. Im Weltall und auf dem Mond. Doch nun wird unsere physische Existenz eingekerkert, während unsere Daten überall zuhause sind. 

Das „Mängelwesen“ bleibt daheim. Was zählt, sind die Daten, gehütet von mächtigen Institutionen, „die Normierung und Gesetzlichkeit, Selbstbescheidung und Verantwortlichkeit individuellen wie kollektiven Lebens steuern sollten“, wie die 'Neue Zürcher Zeitung' 1976 anlässlich des Todes von Arnold Gehlen schrieb und sich fragte, ob dessen Vorstellung vom „Staat nicht allzu sehr Hobbes' 'Leviathan' schmeichelt“.[2] Denn dieser Staat soll die Menschen auch vor den zersetzenden, den anarchischen Ideen der Intellektuellen schützen. Der Atem der totalen Vernunft weht über uns, lässt uns nicht mehr auf dumme Gedanken kommen.

Wir sind nicht nur ein von Gott und der Natur verlassenes Wesen. Die Natur sieht in uns längst einen erbitterten Feind und schlägt unbarmherzig zurück. Denn seit Jahrtausenden sind wir damit beschäftigt, die Natur nach unserem Willen umzuformen und auszubeuten. Wir setzen dazu alles ein, was wir haben. Unsere Arbeit, unser Denken, unseren Erfindungsgeist. Und doch sehen wir uns am Ende   in einer „biologisch hoffnungslosen“ Lage (Gehlen). Denn wir sind bis in die Pandemie hinein nichts anderes als „Roboter der Kunst des Überlebens“.[3] Wir gehorchen den Institutionen, die wir uns zu unserem Schutz geschaffen haben - weniger zum Schutz vor der Natur als vielmehr als Schutz vor uns selbst. Eine perfekte Welt. Durchgestylt und organisiert bis ins Letzte.  Nur dann, wenn wir den Fortschritt an uns selbst anwenden wollen, bei der Organisation des Impfens, scheinen wir an unsere Grenzen zu kommen.

Erreichen wir damit - so fragte sich Gehlen in seinen späten Lebensjahren - nicht vielleicht „das Ende der Geschichte“? So der Name eines Essays, Jahrzehnte bevor Francis Fukuyama aus dieser Überschrift einen Beststeller machte. Leben wir nicht schon längst in einer „Posthistoire“, in einer Zeit, die gar nichts mehr mit uns zu tun hat? Waren wir nicht bereits als Gefangene eines unendlichen „Regelkreises von Verwaltung und Industrie“ ('NZZ') dem totalen Stillstand ausgesetzt? 


Kleine Pause von Corona - Ein Schulhof im September 2020 Quelle: RV

 

Gab uns Corona nicht ganz einfach den letzten Rest? Zuhause bleiben. Einsicht zeigen. Vernünftig sein. Der Shutdown des Menschen - ist dies nicht genau das, was wir gerade erleben?

Wir, die Mängelwesen, auf Abstand gehalten. Wir, die Mängelwesen, kontaktgesperrt. Wir sind zuhause und zurückgeblieben.  Wir machen den Weg frei für eine Welt, in der alles in perfekter Harmonie aufeinander abgestimmt werden kann. Ohne uns. Widerspruchsfrei. Widerspruchslos. Alle unsere Daten, unsere eigenen, bald völlig durchgetesteten Daten, haben woanders ihr Zuhause. In der Cloud. Sie gehören faktisch nicht mehr uns. Niemand verbietet das Sammeln und Speichern. Man tut nur so. In Wirklichkeit - so diagnostizierte schon 1999 das britische Wirtschaftsmagazin 'The Economist' - werden nur die Gesetze erlassen und angewandt, „um die zu belangen, die diese Daten missbrauchen.“ Das war zu einer Zeit, als Google nur Insidern ein Begriff war. Weiter schrieb das liberale Britenblatt: „Die Menschen müssen sich darauf einstellen, dass sie einfach keine Privatsphäre mehr haben. Dies wird den größten sozialen Wandel der Moderne konstituieren.“[4] Und wir machen fröhlich mit, geben jeden Tag mehrfach unser informationelles Selbstbestimmungsrecht preis. Wir sind einverstanden. Cookies für jedermann, bis dass die Speicher platzen.

Doch ein bisschen Privatsphäre lasst man uns vorerst: Zuhause bleiben. Für die Fütterung ist gesorgt. 

Ein beklemmendes Szenario. Wir leben in einem Zoo, in dem wir uns nach Herzenslust kreativ betätigen dürfen - solange wir zuhause bleiben und unseren Garten pflegen. Schon der Umwelt und unseren Nachkommen zuliebe. „Ökologisch“ wäre damit „mehr gewonnen, als tausend Umweltgipfel vom Schlage Rio de Janeiro es je vermöchten“, hatte, 25 Jahre bevor die Pandemie uns in den Garten verbannte und die EU am 28. November 2019 den „Umwelt- und Klimanotstand ausrief, der Grünen-Klimapolitiker Reinhard Loske in der 'Zeit' geschrieben. 

Man reist nicht mehr ohne Mundschutz

 

Unsere Verbannung in die Bedeutungslosigkeit hat sich schon lange, sehr lange vorher angedeutet. Nun wird sie endgültig vollstreckt, so vollkommen und mit so viel Vorlauf implementiert, dass wir unsere Gefangennahme gar nicht mehr spüren. Das ist nicht unser aller Wille, kein „volonté de tous“, um mit Rousseau zu sprechen. Es ist ein „volonté générale“, ein allgemeiner Wille, ein Gemeinwille, systemimmanent. Wir stehen unter Hausarrest. Aber unsere Daten sind frei, vogelfrei. Jeder kann sie verraten.

Hegels „Weltgeist“

-         übernimmt, während wir zuhause in unserem Garten die Umwelt retten.

-         schreibt die Geschichte, während wir Nachrichten schauen. 

-         inszeniert das Welttheater, während wir uns Netflix serienweise reinziehen.

Und der „Weltgeist“ macht das alles sehr souverän. Er hält uns auf Abstand. In unserem Home-Office. Okay, noch ist es nur ein Test. Aber wir werden ihn bestehen, vor allem wir Deutschen. Wie alles. Kein Trump wird uns daran hindern können. Hier gilt: Germany first.

„Im Zentrum steht die modellgestützte Seuchenchoreographie, bei der nationale Neuinfektionen, regionale Behandlungskapazitäten und altersbedingte Immunisierungsraten in ein stabiles Fließgleichgewicht gebracht werden sollen“, schreibt John Schellnhuber (*1950), Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, am 16. April 2020 in der 'FAZ'.[5] Alles nur eine Frage des Gleichgewichts, eine Frage der Formel und damit prädestiniert für einen Algorithmus des Regierens. Am Ende muss die Covid-Kurve stimmen. Sie dominiert alles. Sie ist der sich selbst programmierende Weltgeist. Und er sagt uns: Es ist ja alles nicht so schlimm. Denn „Freiheits- und Gewerbebeschränkungen verlieren definitiv einen Teil ihres Schreckens, wenn man per Facebook oder Zoom Kontakt, Ausbildung und Beruf weiter pflegen kann“, heißt es bei Schellnhuber. Wir wissen: die Pandemie kann „durch strategische Intervention mit mächtigen Instrumenten beherrscht werden“. Das grenzt an Wunder, entspringt aber tatsächlich nur „kühl kalkulierenden Strategien, die sich an Datensätzen und Modellrechnungen orientieren“. Heile Welt gibt‘s nur daheim.

Nicht wir orientieren uns, sondern die Strategien. Und dann kommt es noch dicker. Schnellnhuber: „In einem beispiellosen Massenkurs wird gerade die Öffentlichkeit mit der zentralen Kurvenschar der Infektionsentwicklung vertraut gemacht.“ Die Fütterung der Raubtiere hat begonnen. 

Wir bleiben zoohause. Abstand halten.