Dienstag, 21. Januar 2025

Zum Tage: Realität

 "Alle Dinge haben Realität nur in unserem Geiste."

Heinrich Heine über Fichtes Philosophie

Montag, 20. Januar 2025

Die Macht und die Herrlichkeit (1)

 Ein Versuch, die Welt zu verstehen - Von Raimund Vollmer

 "Das goldene Zeitalter Amerikas beginnt."

Donald Trump, 20. Februar 2025, 18.05 MEZ


Es ist Montag. 20. Januar 2025, Trump-Time. Ein Angriff aus dem Nichts. Ich gegen sie.

Sie sind die neuen Herrscher. Kaiser, König, Edelmann. Meinen sie. Das Netz ist ihr Eigentum mitsamt all seinen Bewohnern. Bürger, Bauer, Bettelmann. Ein globales Feudalsystem. Errichten sie.

Es herrscht Mittelalter im Cyberspace. Ein Rückstoß um 1000 Jahre.

„Die Kirche hat das Christentum nicht mehr vernichten können“, meinte 1920 der deutsche Theologe Wilhelm Walther (1846-1924) über die Zeit damals, als die Kirche alle Herrschaft an sich reißen wollte, der Papst über aller irdischen Macht stand.

Werden wir das auch eines Tages sagen können?

„Die Digitalkonzerne haben das Menschentum nicht vernichten können.“

Fragezeichen.

Digitalkonzerne! Ein Begriff, in den ich meine ganze Verachtung hineinlege. Denn ich bin Journalist. Voller Moral. Mühsam erworben – über ein halbes Jahrhundert als Beobachter der IT-Szene.

Es begann im September 1975. Bei der Computer-Zeitung in Leinfelden bei Stuttgart. Nur einer herrschte damals, hatte die Macht über alles Geschehen. Wir nannten diesen Riesen Big Blue oder auch Mother Blue. Ausdrücke des Respekts. Unsere ganze Verachtung legten wir in den Begriff „Monopolist“.

Für mich war IBM mein Lieblings-Spielzeug. Wie wunderbar konnte ich mich hier profilieren! Alle Aufmerksamkeit auf mich ziehen! Ich gegen sie! Und so ging es los!

Ausrufezeichen.

Ein halbes Jahrhundert später haben IBM und ich eins gemeinsam: Wir sind absolut bedeutungslos. Abgestürzt. Entmachtet. So zog das Duopol Gates & Grove, Microsoft und Wintel, an mir vorbei. Dann war da plötzlich das Quadropol: Google & Apple, Facebook & Amazon. Fasziniert war ich nicht – und wenn, dann nur ganz kurz. 1, 2, 4 – was kommt als nächstes? Acht oder sechzehn? Da hilft nur noch Kaballa! Ich habe es gewagt. Ich lese im Netz.

Zahlenorakel.

Die Acht steht für Gerechtigkeit, Harmonie und weises Handeln. Sie steht aber auch für Kontrollzwang, Selbstgerechtigkeit, Neid und Intoleranz.

Das war einmal.

Die Sechzehn steht für Schwierigkeiten und Lernprozesse, für Lehren und Beraten. Zu ihr gehört aber auch Seelenstärke. „Menschen mit der Zahl 16 sind oft sarkastisch, treten in jedes Fettnäpfchen, sind chaotisch, aber auch mutig“, erfahre ich und denke an diesem 20. Januar an einen Menschen, dessen Name fast schon Programm ist.

Er kam wieder.

Trump.

Um ihn sammeln sich die Digitalkonzerne, die viele Namen haben, die sie gerne auch einmal wexeln. Die großen und die kleinen Player – mit Börsenkapitalisierungen  jenseits von Gut & Böse. Ja, Trump scheint selbst einer zu sein. Er ist der König in diesem Spiel, in dem es nicht um Schach geht, sondern um Macht. Pure Macht. Keine Regel mehr ohne Verfallsdatum!

Und ich, ich stehe auf der anderen Seite des Brettes. Ich habe meine Dystopien um mich versammelt. Ohne Verfallsdatum. Alles ist möglich. Und damit Ihr es wisst: Ich bin nicht größenwahnsinnig. Denn mir genügt ein Remis.

Schach.

Wir stehen an dem point of no return. Sage ich. Nur noch ein Zug – und wir sind verloren. Wir.

„Heute nimmt in Amerika eine Oligarchie Gestalt an, extremer Reichtum, Macht und Einfluss, die buchstäblich unsere gesamte Demokratie bedrohen.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Joe Biden aus seinem Amt, er ist der Präsident der Vereinigten Staaten, der an seiner Altersgrenze scheiterte. Das kann seinem Nachfolger nicht passieren. Der scheitert noch nicht einmal an sich selbst.

Das tut kein Machthaber. Kein Putin. Kein Xi. Nur Politiker scheitern. Scholz. Lindner. Habeck. So ist das in Demokratien.

Demokratien – so wichtig sind sie nun auch wieder nicht. Schutz ist wichtig. Deshalb sind wir im Zweifel nur „formale Demokraten“.  So nannten 1961 in ihrer Studie „Student und Politik“ die Autoren um Jürgen Habermas die größte Gruppe innerhalb der 170 intensiv Interviewten. Es waren 39 Prozent dieser Umfrage, die zwar nicht repräsentativ war, aber doch ein eher unpolitisches Verhalten signalisierte, ein Grundverhalten, das wir uns irgendwie bis heute erhalten haben. Wir wollen unsere Ruhe.

Klar, wir erwarten, wir verlangen Schutz von den neuen Herren, den Digitaloligarchen und ihrem Präsidenten. Und sie, die fremden Herrscher, sind gnädig. Sie gewähren uns diesen Schutz, indem sie uns großherzig unserem Verfall überlassen. Natürlich sind wir empört. Denn das können wir gut. Wir moralisieren uns zu Tode. Nur: die Macht und die Herrlichkeit ist nicht mit uns. Und jetzt?

Schachmatt.

Keiner glaubt mehr an uns. Sogar wir selbst glauben nicht mehr an uns. Glaube ist sowieso außer Mode. Schon lange. In seiner „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ schrieb 1796 Jean Paul (1763-1825): „…das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahllose quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen- und auseinanderfliehen, ohne Einheit und Bestand.“[1]

Es war die Geburtsstunde des Nihilismus – und deren größte Macht sind 200 Jahre nach dem Tode dieses großen deutschen Dichters die Digitalkonzerne. Für diese gottlosen Herrscher ist „das All (...) die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit“. Es ist eine Welt ohne uns. Mit dem 20. Januar 2025 werden wir endgültig zu irgendwelchen Nummern, die durch irgendwelche Algorithmen rinnen, Punkte von Ichs.

Was soll’s? Der Mensch ist nur noch eine Abstraktion im Kalkül der Herrschaften, die sich für uns an sich überhaupt nicht interessieren.  Ja, die Herrschaften garantieren uns höchste Freiheit in ihren Netzen. Es gibt keine Zensur mehr. Aber die war ihnen ohnehin lästig. Denn unsere Meinung zählt nicht. Und was nicht zählt, muss auch nicht kontrolliert werden.

Was soll’s? Seit heute  wissen sei, dass sie allein im Namen der „höchsten Sittlichkeit“ (Hegel) agieren. Dafür steht nicht der Himmel, sondern der Staat, diese andere gestaltlose Ewigkeitsklausel, dieser Staat, der kein Problem damit hat, einen verurteilten Straftäter zum Präsidenten des mächtigsten Landes der Erde inaugurieren zu lassen. Die Digitalkonzerne und der Staat werden eins! Sie verstehen sich gut.

Heute, am 20. Januar 2025 wird uns endlich das 21. Jahrhundert in seiner ganzen Reinheit und Einheit bereitgestellt.

Alles, was vorher war, ist jetzt einer neuen Weltordnung unterworfen. 50 Jahre lang lebten wir in der Transformation von dem einen Jahrhundert ins andere. Hin und her ging es. Zwischen Fortschritt und Rückschritt.

Und?

Nun sind wir angekommen – und wundern uns zuerst einmal, dass es anscheinend doch wieder nur um die alten Themen geht – um Territorien. Um Kulturen. Um Konfessionen. Das wirkt alles andere als fortschrittlich, aber in einem bislang ungeahnten Maße ist es das, was man in der linken Szene so gerne imperialistisch nennt – mit erschreckenden Folgen:

„Denn sobald wir von Ländern, Völkern, Geschichten und Kulturen sprechen, beginnen wir automatisch zu verallgemeinern. Und verlieren dabei aus den Augen, worum es eigentlich geht: den Menschen“, meinte 1995 Joseph Brodsky (1940-1996), russisch-amerikanischer  Dichter und Literaturnobelpreisträger.[2] Der Mensch interessiert nicht. Grönland interessiert. Kanada interessiert. Antarktis interessiert. Ukraine interessiert. Naher Osten interessiert. Taiwan interessiert. Hier geht es um  Landnahme. Um Rohstoffe. Um Stützpunkte. Um all das, was wir als überwunden glaubten.

Interessant.

Und doch ist etwas fundamental anders. Die eigentliche Landnahme findet ganz woanders statt. Im Cyberspace. Der Kampf um die Menschheit. Am besten ohne Menschen. Ahnen tun wir es schon lange. Der Psychoanalytiker Erich Fromm sprach ganz in der Tradition eines Karl Marx von dem entfremdeten Menschen, „einem gut genährten, gut gekleideten und gut unterhaltenen Automatenmenschen, der von Bürokraten gelenkt wird, die ebenso wenig ein Ziel haben wie der Massenmensch.. Die Dinge werden den ersten Platz einnehmen, und der Mensch wird tot sein; er wird von Freiheit und Individualität reden, und er wird nichts sein“.[3]

Man muss nur den Begriff „Dinge“ durch „Daten“ ersetzen.

Vor 50 Jahren war die Frage nach dem Datenschutz, nach der Herrschaft der Computer der Hintergrund für meine Neugier, die mich nach dem Ende meines Volontariats in die IT-Branche führte. Als Redakteur.

Irgendwann habe ich dann als Beobachter gemerkt, dass diese Branche voller genialer, verrückter Typen ist, die einfach Freude hatten an dem, was sie schufen, austüftelten, ausdachten. Sie merkten nicht, dass sie mit alldem nur ihre größten Gegner fütterten: die Bürokraten.

Nun kehren diese Typen zurück. Verrückter denn je. Reicher denn je. Intelligenter denn je. Und sie spielen ein Spiel, das sich gegen das gesamte Establishment richtet. In dieses Spiel, das haben sie 2017 noch nicht gesehen, passt niemand so gut wie dieser Donald Trump. Er wird alle aufscheuchen und mit längst vergessen geglaubten Themen beschäftigen. Autokraten wie Wladimir Putin oder Xi Peng helfen ihm dabei sogar noch. Doch das ist alles nur das vordergründige Spektakel,  bei dem uns der Kampf um eine Weltordnung vorgegaukelt wird, die ihre Relevanz längst verloren hat.

In Wirklichkeit geht es nicht um irdische Territorien, sondern um Sphären, die uns unwirklich vorkommen – um den Cyberspace.

Auch dieses völlig absurde Essay kommt daher. Und Sie können dagegen nur eins tun: es nicht lesen. Ich gegen Sie.

Fortsetzung folgt (oder auch nicht)

[1] Jean Paul, 1796, Siebenkäs, Klassiker der deutschen Weltliteratur, 2006, Seite 385

[2] Die Zeit, 30. März 1995, Adam Michnik: “Dostojewskij kannte nicht die ganze Wahrheit” (Interview)

[3] Erich Fromm, Band 5, Seite 283

Samstag, 18. Januar 2025

Zum Tage: Musik

"Musik richtet sich nicht primär
an die rationale Sphäre des Gehirns."

Michael Gielen (1927-2019), deutsch-österreichischer Komponist und Dirigent

Freitag, 17. Januar 2025

Zum Tage: Charakter-Sache

 „Wer keinen Charakter hat, ist kein Mensch, sondern eine Sache.“

Nicolas Chamfort (1741-1794), französischer Moralist

Donnerstag, 16. Januar 2025

Zum Tage: Warum nicht`?

 „Du siehst Dinge und sagst: ‚Warum?‘.
Aber ich träume nie dagewesene Dinge und sage: ‚Warum nicht?‘“

George Bernhard Shaw (1856-1950), irischer Dramatiker und Literaturnobelpreisträger von 1939

Mittwoch, 15. Januar 2025

1945: Hic Jalta, hic salta, Stalin...

Als es bei der Drei-Mächte-Konferenz auf Jalta zwischen dem 4. und 11. Februar 1945um die Aufteilung Deutschlands ging... 


 
»Was ist des Deutschen Vaterland? Ist's Preußenland, ist's Schwabenland?«

                Ernst–Moritz Arndt, 1813, deutscher Schriftsteller

Die Konferenz der Großmächte

Von Raimund Vollmer

Als unser Jahrtausend sich im 18. Jahrhundert entfaltete, hätte man die Frage, was des Deutschen Vaterlandes sei, mit dem Begriff „Kulturnation“ beantwortet, die sich in der gemeinsamen Sprache über alle Grenzen hinweg äußerte. Man dachte liberal, aber nicht nationalliberal. Niemand wäre Ende des 18. Jahrhunderts auf den Gedanken gekommen, dabei an einen Bundesstaat zu denken – wie er sich dann, ein Jahrhundert später, herausgebildet hat, meint der Bamberger Kommunikationswissenschaftler Rudolf Stöber.[1] Und so etwas wie das Dritte Reich hat sich niemand vorstellen können. Als dann mit dem Ende des 2. Weltkrieges die ganzen Grausamkeiten des Nationalsozialismus sichtbar wurden,  war von dieser Kultur im Ansehen der Welt nichts mehr übrig geblieben. Was den Deutschen blieb, war nur noch die Sprache.

Wie sollte ein solches, völlig zerrüttetes und demoralisiertes Land ein Bollwerk gegen die sich immer drohender aufblähende Sowjetmacht darstellen?

Diese Sorge hatte schon in der Endphase des Krieges den britischen Premierminister Winston Churchill umgetrieben. Deshalb wollte er unbedingt, dass Frankreich als vierte Besatzungsmacht in Deutschland auftreten solle. Dass er mit dieser Überlegung beim damaligen Chef der provisorischen Regierung in Frankreich, beim späteren Präsidenten Charles De Gaulle, auf Wohlgefallen stoßen würde, war klar. Denn dieser hatte – wie wohl auch Churchill – keinen größeren Wunsch, als sein Land zu alter Bedeutung zurückzuführen. Der Historiker Gerhard L. Weinberg meint, dass beide eher Staatsmänner des 19. Jahrhunderts gewesen seien, die vergangenen Imperien nachtrauerten.[2] Als Besatzungsmacht wäre De Gaulle sogar in der Lage, den Erzfeind und Erzrivalen Deutschland ein- für allemal als Ganzes von der politischen Landkarte verschwinden zu lassen.

Genau das waren nach Recherchen des Historikers Walter Lipgens die Gedanken des Franzosen. Das Ruhrgebiet wollte er unter internationale Aufsicht stellen – mit dem Ziel, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Kohle und Stahl vor allem Frankreich zukommen sollten. Der Rhein würde die Grenze zu einem zerstückelten Land sein, das im Westen so amputiert wäre wie im Osten.

Damit stand De Gaulle im Gegensatz zu ganz anderen Überlegungen aus dem französischen „Widerstand“. Die nichtkommunistische „Resistance“ glaubte nicht erst mit dem Einmarsch der Deutschen 1940, dass der Nationalstaat als solcher sich überlebt hatte und zu klein sei, um die wirtschaftlichen Probleme der Zeit zu lösen. Er konnte ja noch nicht einmal dem einzelnen Bürger Sicherheit bieten. So träumte der Widerstand von einer internationalen Gemeinschaft, wie sie sich dann über Montanuion, EWG, EG und EU mitsamt einer gemeinsamen Währung durch die Jahrzehnte mendelte. Aber diese Union ist noch längst nicht dort, wo sie dereinst diese Franzosen sahen. Ja, anfangs war es sogar so, dass die Außenpolitik De Gaulles, der sich mit seiner provisorischen Regierung innerhalb Frankreichs machtpolitisch durchsetzte, diesen „Anpassungsprozess“ verzögerte, wie der Historiker Walter Lipgens nachweist. Was aber wäre gewesen, wenn es De Gaulle nicht gegeben hätte? Wäre Frankreich überhaupt Besatzungsmacht geworden?

Das hing Anfang 1945 allein von den drei Großen ab: Von Winston Churchill, Theodore Roosevelt und Josef Stalin. „De Gaulle hat man kaum zur Kenntnis genommen und zu Beginn gar nicht bei den Konferenzen zugelassen“, bemerkte 1992 der aus Breslau stammende amerikanische Historiker und Publizist Walter Laqueur.[3]

Im Februar 1945 trafen sich jedenfalls die drei mächtigsten Männer der Welt auf der Krim, in Jalta – ohne De Gaulle. „Roosevelt war ein todkranker Mann, er hat nicht an die Zukunft gedacht“, meint Laqueur, „das konnte man von Churchill nicht sagen“. In der Tat – der britische Premierminister hatte längst erkannt, dass er in Europa gegenüber der Sowjetunion ziemlich allein dastand. Laqueur: „Stalin wusste, was er wollte, nämlich die Grenzen des Sowjetimperiums so weit wie möglich nach Westen vorschieben.“ [4]

So überzeugte Churchill den US-Präsidenten davon, dass er De Gaulle dringend brauche, um den Russen Paroli bieten zu können.  Die USA, die ja immerhin mit fünf Millionen Menschen im 2. Weltkrieg engagiert waren, wollten sich ursprünglich nach zwei Jahren aus Europa wieder zurückziehen – und Großbritannien wäre dann ganz allein auf weiter Flur gewesen. Ohne Unterstützung vor Ort.  

Das war es wohl, was Roosevelt dazu bewegte, sich gleichsam unter vier Augen mit dem Kremlführer zu treffen. Stalin war alles andere als begeistert.  Er meinte: „De Gaulle scheint die Lage nicht zu erfassen, noch scheint er zu begreifen, dass Frankreichs Beitrag zu den militärischen Operationen sehr gering ist und dass es außerdem im Jahr 1940 überhaupt nicht gekämpft hat.“[5] Aus welchem Grunde solle er, Stalin, denn Frankreich als Besatzungsmacht akzeptieren? So fragte er Roosevelt. „Aus Freundlichkeit“, antwortete ihm der US–Präsident. Stalin hatte ihm dann zugestimmt mit den Worten, dass „Freundlichkeit“ aber auch das einzige Argument sei, dass er akzeptiere.

So wurde Frankreich in den Kreis der Besatzungsmächte aufgenommen, marschierte ein und gehörte fortan zu den „Alliierten“.

Die USA hatten derweil mit Truman ihren neuen Präsidenten bekommen. Und der neue Mann in Washington hatte ganz andere Pläne. Er wollte zwar, dass nie wieder ein „hypertropher Einheitsstaat“ entstehen dürfe, wie der Historiker Ernst Deuerlein das Nazi–Regime einmal genannt hatte. Aber an einer Zersplitterung war er auch nicht interessiert.[6]

Obwohl Truman außenpolitisch kaum Erfahrung hatte, ahnte er, dass fortan nicht Deutschland das Problem sein werde, sondern die Sowjetunion. Am 12. März 1947  präsentierte er vor dem Kongress die nach ihm benannte Doktrin, der zufolge die Vereinigten Staaten allen Völkern beistehen werden, die einer bewaffneten Unterwerfung ausgesetzt sind. Anlass für diese Doktrin war Griechenland, das drohte in den Ostblock hineingezogen zu werden. 400 Millionen Dollar verlangte Truman zur Unterstützung Griechenlands und der Türkei. Bei alledem dachte der Präsident nicht an ein militärisches Eingreifen, die Doktrin besaß „keine militärische Komponente“, wie es der Journalist Herbert Kremp formulierte.[7]

Diese Maßnahmen, mehr noch aber die gescheiterten Konferenzen im März und April 1947, zu denen die Außenminister der vier Großmächte in Moskau zusammengekommen waren, führten zum Ende des Kriegsbündnisses mit der Sowjetunion. Die Anti-Hitler-Kooperation war geplatzt. Wie aber sollte man auf Dauer gegen Stalin, der gerade noch der Verbündete gewesen war, bestehen?

Jetzt musste die mächtigste aller Waffen ran: Geld, viel Geld. Es sollte fortan alle Probleme lösen, bis es selbst zum Problem wurde. Aber da sind wir bereits im 21. Jahrhundert.

Nachtragender Nachtrag: Adenauer habe – so beharrt der Historiker Henning Köhler – bereits nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten einen „Rheinstaat“ aus Deutschland machen wollen. Aber auch er gibt zu: „Mit Separatismus hat das nichts zu tun.“ Es war – in höchster Not und Hoffnungslosigkeit – der Weisheit letzter Schluss.[8] Noch Jahre später, als die Wiedervereinigung die Namensgebung von Straßen und Plätzen in den ostdeutschen Städten die Gemeinderäte bewegte, weigerte sich zum Beispiel Rostock einem Platz den Namen Konrad Adenauers zu geben.[9]



[1] Die Welt, 26. September 1998, Rudolf Stöber: "Nationalliberalismus? Liberalnationalismus"

[2] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Mai 1995, Klaus Schwabe: "Weltsicht auf den Weltkrieg", danach zitiert

[3] Frankfurter Allgemeinde Magazin, 21. August 1992, Michael Freitag: "Warum muss Europa stärker werden, Professor Laqueur?"

[4] Frankfurter Allgemeinde Magazin, 21. August 1992, Michael Freitag: "Warum muss Europa stärker werden, Professor Laqueur?"

[5] Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 1 1973, Walter Lipgens: "Etappen der Außenpolitik De Gaulles"

[6] Die Zeit, 22. Seotember 1972, Ernst Deuerlein: "Brauchen wir noch den Bundesstaat?"

[7] Die Welt, 8. März 1997, Herbert Kremp: "Aus dem Tal der Depression"

[8] Die Welt, 5. November 1994, Hans-Peter Schwarz: "Unter Augsteins Patronat Frieden mit Adenauer" (Buchbesprechung von Henning Köhler: Adenauer, Berlin 1994, danach zitiert)

[9] Frankfurter Allgemeine Zeiotung, 17. Dezember 1991, Johannes Leithäuser: "Kein Platz in Rostock für den Alten"

Nachschlagzeile: DAS WAHRE BUNDES-JOB-CENTER

„Die Bundesverwaltung soll in Berlin noch schlanker werden.“

FAZ am 12. Februar 1998

 

Zwischen 1989 und 1992 ist die Zahl der Planstellen in der Bundesverwaltung von 300.000 auf 381.000 (ohne Bundeswehr) gestiegen. Bis Ende 1998 sollte die Zahl auf 315.000 gesenkt werden. Ziel war es, die Zahl der Beschäftigten wieder auf das Niveau zurückzuführen, die vor der Wiedervereinigung bestand. Tatsächlich sind es 2023 rund 355.00. Alle Zahlen beziehen sich auf das gesamte Bundesgebiet, nicht nur Berlin

 

Kommentar:  Da hilft nur noch die Digitalisierung – um wieder auf 381.000 zu kommen…

 

Zum Tage: Tagesbefehl an alle Software-Entwickler

 "Wer klare Begriffe hat, kann befehlen.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), deutscher Dichterfürst

 

Dienstag, 14. Januar 2025

Nachschlagzeile: 1998 über den Bundestag

 "Bald weniger Abgeordnete im Bundestag"

Die Welt, 14. Februar 1998 

über den Beschluss des Parlaments die Zahl der Wahlkreise nach 2002 von 328 auf 299 zu reduzieren, was bis heute gültig ist. Dann sollen Wahlkreise nicht mehr jeweils 225.000 Bürgerinnen und Bürger zählen, sondern 250.000. Dahinter stand das Bemühen, die Zahl der Abgeordneten von 672 auf 598 zu reduzieren. Tatsächlich waren es zuletzt 735 Parlamentsvertreter.  

Und nun?

Wählen wir mal!!!

Kommentar: Übrigens sind wir laut Wahlleitung jetzt nicht mehr Wähler und Wählerinnen, sondern "Wählende", was sich wunderbar reimt auf...

Zum Tage: Jakobinertum

1991:  "Das habe ich nun gelernt, dass gerade die Bindung einer politischen Gruppierung an das Prinzip moralischer Reinheit sehr anfällig macht sowohl für Selbstbetrug als auch für bestimmte Formen von Jakobinertum."

Antje Vollmer (1943-2013), deutsche Theologin, Politikerin (Bündnis 90/Grüne)

Montag, 13. Januar 2025

Zum Tage: Kapital

 „Kapital kennt kein Heimatland“

George Bernard Shaw (1856-1950), irischer Dramatiker, erhielt vor 100 Jahren, 1925, den Literaturnobelpreis

Sonntag, 12. Januar 2025

Zum Tage: Gut gesprochen

 „Geschichte handelt fast nur von schlechten Menschen, die später gutgesprochen werden.“

Friedrich Nietzsche (1844-1900), deutscher Philosoph