1993: »Die Intelligenz der Masse
hat ihren Sättigungsgrad erreicht.«
Botho Strauß (*1944), deutscher Dramatiker und Schriftsteller, in seinem Essay "Anschwellender Bockgesang"
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Ausschnitte aus einem Graffiti an einer zubetonierten Ufer-Mauer der Echaz in Reutlingen Fotos: RV
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Aus allen Wolken
Von Raimund Vollmer
Die Giganten der Cloud agieren in einer Wirtschaft, in der
die Befehle nicht mehr von den Kommandohöhen eines alles kontrollierenden
Managements kommen, sondern unsichtbar aus der Software, aus dem Netz. Es ist
eine Wirtschaft, in der nicht das Management im Vordergrund steht, sondern das
Managen. Die Tätigkeit ist es, nicht der Täter. In dieser Welt ist alles
Software, alles Befehl. Alles muss funktionieren. Und zwar geräuschlos.
Die Amerikaner hatten dafür mal den eleganten Begriff „silent
business“ geprägt, doch dann setzten sie auf das vorlaute, affektive Adjektiv „smart“.
Vielleicht ist er gar nicht so ganz falsch, wenn man bedenkt, gegen wen dieses „smart
business“ ursprünglich gerichtet war: gegen die Bürokratie.

Eng verbunden mit der Ausbreitung von Staat und Wirtschaft
im 20. Jahrhundert war der unaufhaltsame Aufstieg der Bürokratie in den
vergangenen 150 Jahren. „Organisation ist alles, und alles ist Organisation“,
so lautete das Credo, dem niemand widersprechen durfte. Es war eine grandiose
Erfolgsstory, dessen Grundlagen aber andere schufen: „Als die ersten Organisationen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden,
folgten sie dem Modell des Militärs. Die preußische Armee war für die Welt von
1870 ebenso ein Organisationswunder, wie es Henry Fords Fließband 1920 war“, erinnerte uns 1992 Peter F.
Drucker in einem Beitrag des 'Harvard Business Review' an die Ursprünge.Wo
Organisation alles ist, da ist die Bürokratie nicht fern – sehr zum Leidwesen
des Managements, das noch in den 50er Jahren glaubte, sich mit Hilfe der
Computer der von Menschen bestimmten Bürokratie entledigen zu können.

Deshalb sah die Bürokratie in dem Computer zuerst den
größten Feind, doch schließlich wurde sie dessen größter Freund. Gemeinsam
schufen und verwalteten sie gewaltige Systeme der Verteilung und der
Umverteilung. Die Bürokratie spiegelte sich in dem Computer und umgekehrt.
Gemeinsam brachten sie das, was die Wirtschaftslehre den tertiären Sektor
nennt, zu ungeahnter Größe. Nun erleben wir den Sturz der Bürokratie, sagen die
Auguren, so wie wir zuvor den Bedeutungsverlust von Landwirtschaft und
Industrie erlebten:
Primär: Ackerbau
und Viehzucht – 10.000 Jahre lang die größte Erfindung. Doch dann kam die
Industrie und entmachtete die Landwirtschaft. Fortan bestimmte die Maschine
alles. Das war der erste Fall.
Sekundär:
Dampfkraft und Maschine – 100 Jahre lang waren sie die stärkste Verbindung.
Doch dann kam die Bürokratie und setzte ihre Schreibtische vorne dran. Fortan
war alles Organisation. Das war der zweite Fall.
Tertiär:
Organisation und Computer – 50 Jahre lang die mächtigste Symbiose. Doch dann kam
das Smartphone und ist nun auf dem Weh, all unsere Sinne zu besetzen. Überall
herrscht das Netz. Und allmählich erkennen wir, dass dies der dritte Fall sein
könnte.
Quartär: Denn
über allem erhebt sich ein vierter Sektor, eine quartäre Wirtschaft. Ihre
Sphäre ist die Cloud. Ihr Ziel ist die totale Kontrolle über alles und jeden. Über
die Landwirtschaft, über die Industrie und über die Dienstleistungen. Es ist
eine Kontrolle ohne Verantwortung. Sie basiert auf der totalen Hinrichtung des Individuums.
Es hängt am Galgen und richtet seinen toten Blick hinauf zu den Wolken.
Dieser quartäre Sektor wird momentan beherrscht von den Tech-Giganten,
von Amazon und Apple, von Facebook und Google – und unscheinbar in allem,
Microsoft, dem stillen Riese. Und zwischen allen agieren als Chipschmieden
nicht mehr Intel, Motorola oder Texas Instruments, sondern Nvidia & Co.
Die Cloud „Gaia“ – die politisch stimulierte, europäische
Gegeninitiative – möchte da gerne mitmischen. Doch kommt sie viel zu spät – und
dann wieder mit einem Anspruch, der alle Chancen hat, wieder an sich selbst zu scheitern,
wie dies bei so vielen europäischen IT-Initiativen geschehen ist. Wir werden
sehen. Vor allem wir, die Deutschen, die der Initiator gewesen waren.
Es ist wie immer seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Wir
laufen hinterher. Gar nicht einmal technisch, sondern eher intellektuell. Am
Ende meinen wir aufgeholt, vielleicht sogar überholt zu haben, um dann
festzustellen, dass der Kampfplatz inzwischen ganz woanders ist.
Mit jedem Übergang von einem Sektor zu dem nächsten
verschwanden und wandelten sich Millionen von Arbeitsplätzen, auch in
Deutschland.
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Nur drei Prozent der Bevölkerung leben heute von
der Landwirtschaft, dem primären Sektor. Um 1850 waren es noch 90 Prozent. Und
1975, als dieses Jahrhundert nach Peter F. Druckers Zeitrechnung begann, waren
es noch 6,8 Prozent. Die Beschäftigung hat sich also in der Zwischenzeit mehr
als halbiert.
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Etwa 25 Prozent arbeiten aktuell in der
Industrie, dem sekundären Sektor. Um 1900 waren es in Deutschland rund 65
Prozent aller Arbeitsplätze. Und 1975 waren es immerhin noch 45,1 Prozent.
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Und der größte Joblieferant sind seit den
siebziger Jahren die Dienstleistungen. Dieser tertiäre Sektor reklamiert 74
Prozent der Beschäftigten für sich. 1975 musste er sich noch mit 48 Prozent
begnügen.
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Werbung für einen Bergsteiger Foto: RV
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Dahinter standen also jedes Mal massive
Verschiebungen in Staat und Wirtschaft – nicht nur in den letzten 250 Jahren,
sondern auch in den vergangenen 40 Jahren. In den USA und in Großbritannien
waren die Veränderungen sogar dramatisch. Noch zu Beginn der neunziger Jahre
lag in den USA der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt bei 21 Prozent.
Keine zwanzig Jahre später war er auf Werte unter 13 Prozent gesunken. „Große
Teile der britischen Wirtschaft haben sich einfach abgemeldet“, meinte 2009
Michael Rothgang vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung,
in der FAZ.
Die Briten haben den Industriesektor schlichtweg verschwinden lassen – und
damit auch dessen Wissen abgetötet.
Der bessere Weg schien der zu sein,
wenn im Rahmen dieser gewaltigen Transformationen das Wissen von einem Sektor zum anderen
wanderte und dort seine Wirkung entfaltet.
- So
hat die Landwirtschaft bis heute ihre immensen Produktivitätsgewinne der
Industrialisierung zu verdanken. Diese griff mit ihren Erfindungen und
Neuerungen tief in die Urproduktion ein.
Der Bauernhof wurde zu einer
Fabrik.
- So
profitierte die Industrie von den Errungenschaften des tertiären Sektors, der
die Absatzmärkte organisierte, das Patentwesen schuf, Normen setzte, das
Geldwesen ordnete, Rechtssicherheit schuf und überhaupt die Regeln in
Wirtschaft und Staat festlegte.
Die Fabrik wurde zum
Büro.
Jeder Wandel schuf über sich seine eigene Welt, seine
generische, künstliche Wirklichkeitsschicht, die zuerst von Menschen erobert
und dann von Maschinen übernommen wurde. Ja, man hat den Eindruck, dass der
Mensch stets geradezu störte in einer Welt, von der wir seit Isaac Newton
erwarten, dass sie wie ein Uhrwerk zu funktionieren hat, also am besten ohne
uns.
Nur der tertiäre Sektor schien über die letzten 100 Jahre hinweg
irgendwie hartnäckig am Störfaktor Mensch festzuhalten. Mitte der siebziger
Jahre tauchte in einer Studie des amerikanischen Wirtschaftsministeriums der
Begriff des „Information Workers“ auf. 46 Prozent der arbeitenden Bevölkerung
würden inzwischen diesem Berufsstand angehören. Mehr noch: die Hälfte des
Nationalproduktes würde bereits darauf basieren. Ein Fünftel der Exporte in den
USA seien keine „Güter“, sondern „Services“. Das Ministerium prognostizierte,
dass 70 Prozent der Einkommen aus Arbeit durch „Informationsaktivitäten“
generiert werden würden. Was allerdings „Information“ genau sei, darüber ließ
sich die Studie nicht weiter aus.
Trotz all der Investitionen in Informationssysteme schien
sich der Faktor Mensch im tertiären Sektor fest etabliert zu haben. Er wurde
nicht aus dem Büro vertrieben. Im Gegenteil: es wurden immer mehr.
Bis heute haben wir gar nicht so recht registriert, dass
sich längst dieser vierte, dieser quartäre Sektor gebildet hat. Der amerikanische
Zukunftsforscher Herman Kahn hatte ihn bereits 1972 in seinem Buch „Angriff auf
die Zukunft“ zaghaft als „Dienstleistungen an Dienstleistung“ beschrieben. Es seien „Dienstleistungen um
ihrer selbst willen“. Kahn rechnete dazu „Freizeitbeschäftigungen, die Künste
usw.; vor allem bestimmte Formen des Verwaltungsdienstes.“
Das war, wie gesagt, 1972. Zwölf Jahre später, 1984, griff der deutsche
Wirtschaftswissenschaftler Manfred Timmermann diesen Begriff auf und meinte: „Die
Vorstellungen eines quartären Sektors mit Knowhow-Produktion und
wissenschaftlicher Forschung sind überwiegend noch Gegenstand futurologischer
Betrachtungen.“
Inzwischen spüren wir deutlich, dass diese „quartären
Aktivitäten“ die Kontrolle über die anderen Sektoren übernehmen, so wie diese
das vor ihr getan haben. Eine Agrargesellschaft ist etwas anderes als eine Industriegesellschaft
oder eine Dienstleistungsgesellschaft. Nun befinden wir uns auf dem Weg in die
Netzwerkgesellschaft, in die Cyber-Society, in die digitale Gesellschaft. Deren
Kennzeichen ist das Streben nach totaler Kontrolle – ohne Verantwortung.
Das ist letzten Endes die Welt der Maschinen, der Systeme
Den treffenden Namen dafür haben wir noch nicht gefunden.
Dieser quartäre Sektor greift in alle anderen Sektoren hinein und krempelt
sie um:
- In
der Landwirtschaft besorgen satellitengesteuerte Landmaschinen die Felder, und
Computer berechnen die richtige Aussaat und Düngung für jeden Acker. Verantwortung dafür aber übernehmen sie nicht,
die liegt nach wie vor bei den Landwirten, die wiederum von den Saatgutkonzernen
abhängig werden. Nicht erst seit den neunziger Jahren sind diese Ideen bekannt.
Bereits 1967 entwickelte das amerikanische Landwirtschaftsministerium eine
entsprechende Vision für das Jahr 2000.
- Im
produzierenden Gewerbe nistete sich das Thema „Industrie 4.0“ in alle Aspekte
der Vernetzung und Automatisierung. Auch hier geht es ausschließlich um
Kontrolle, nicht um Verantwortung. Spätestens seit den achtziger Jahren sind
diese Ideen bekannt. Damals wurden sie unter dem Namen Computer Integrated
Manufacturung (CIM) zusammengefasst. Ein Megathema in der Industrie.
- Im
weitgespannten Dienstleistungssektor revolutionierte sich zum Beispiel das
gesamte Versand- und Verlagswesen mitsamt allen Medien und Mechanismen. Allein
die immensen Verschiebungen in den Werbeetats vom Print zum Web, das Aufkommen
neuer Formate, bringen die Geschäftsprozesse der etablierten Medien völlig
durcheinander. Längst hat man das Gefühl, dass ausgerechnet in dem Versuch, die
Kontrolle zurückzugewinnen, alles außer Kontrolle gerät Kontrolle ist zwar das Ziel aller Sozialen
Medien, Verantwortung aber nicht. Auch diese Transformation ist spätestens seit
der Jahrtausendwende zu beobachten.
Trotz dieses schon sehr langen Vorlaufs ist dies erst der
Anfang der „vierten industriellen Revolution“, wie diese Epoche von
Wissenschaftlern wie dem Saarbrücker Professor Wolfgang Wahlster als Ausdruck höchster
Hilflosigkeit genannt wird. Dabei
hat sie mit Industrie nur noch wenig zu tun. Alle Bereiche unserer Wirtschaft
und unseres Sozial- und Kulturlebens werden davon erfasst. Schneller als wir
denken – und vielleicht auch schneller, als die Cyber–Giganten lenken.
Wenn man ganz genau hinschaut, dann sind Firmen wie Amazon,
Google, Facebook, Apple und all die anderen netzgewordenen Service-Maschinen
dabei, eine neue Wirklichkeitsschicht in unsere Wirtschaft einzuziehen. Sie
automatisieren gnadenlos Dienstleistungen. Sie machen das so geschickt, dass
wir gar nicht merken, was sich da eigentlich abspielt. Stattdessen werden wir durch
Themen wie Künstliche Intelligenz und Datenschutz kolossal abgelenkt.
Dabei geht es nicht nur darum. Es geht nicht nur um
Urheberrechte. Es geht nicht nur um Sascha Lobos „digitale Kränkung des
Menschen“ durch die staatlichen und privatwirtschaftlichen „Spähapparate“.
Sich zu sehr damit zu beschäftigen, ist sogar gefährlich, weil wir uns damit
selbst in die Enge treiben, auch in die Enge eines Denkens, das uns kein
Stückchen weiterbringt.
Wir müssen über uns selbst nachdenken, nicht über die
anderen, die Bösen, die Gierigen, die Mächtigen. Ihren omnipotenten Plänen und
Begierden dürfen wir nicht zum Opfer fallen. Weder als Mensch, noch als
Gesellschaft. Weder als Wirtschaft, noch als Staat.
„Wir müssten zurückkriechen“, meint der Alt-Informatiker
Jaron Lanier in einem Interview mit der 'FAZ'. „Es wird eine Generation geben,
die einstmals die verlorene Generation genannt werden wird.“
Eine ziemlich bestürzende Aussage. Aber muss es wirklich so weit kommen?
Da lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, eine Exkursion
in Zeiten, als es noch kein Internet gab, als der Kampf um die Zukunft sich
entfaltete, Kriege entfesselte und schlussendlich in unvorstellbaren
Katastrophen endete...
Wir müssen erkennen, dass wir in einer Epoche der
permanenten Zerstörung leben. Euphemistisch nennen wir diese Zerstörung, die uns
als kreativ verkauft wurde, Transformation. Es ist eine Transformation, die
stets die Zerstörung als unausgesprochenes Ziel hatte. Das geht bis in die als Drohung
längst allgegenwärtige Klimakatastrophe
hinein, ein Begriff, der allein vor diesem Hintergrund Gültigkeit hat.
Wir müssen nun dieses Zeitalter der Zerstörung zerstören,
das mit der Aufklärung begonnen hat und sich mit dem Bau der Atombombe selbst
ein mögliches, welterschütterndes, alles vernichtende Ende setzte. Wir müssen lernen,
über unsere Epoche hinaus zu denken, um sie betreten zu können.
Eigentlich haben wir das auch schon. Nur gibt es Kräfte, die
mit aller Macht verhindern wollen, dass wir dies erkennen. Diese Kräfte sind
verdammt gut darin. Sie nutzen schamlos unsere Angst vor dem Neuen aus, indem
sie uns permanent etwas Altes als Neues verkaufen. Im Grunde genommen treten
wir auf der Stelle, die uns im Hier & Jetzt gefangen hält.
„Die Zivilisation muss sich gegen das Traumbild einer Welt
verteidigen, die frei sein könnte“, meinte vor bald siebzig Jahren der Philosoph
Herbert Marcuse in seinem Büchlein „Triebstruktur und Gesellschaft“. Wir verteidigen
uns gegen etwas, was es nur als Trugbild gibt! Das ist hart. Die Zivilisation
will gar nicht frei sein.
Deshalb sprach Marcuse von einer „technologischen Aufhebung
des Individuums“, die sich im „Abstieg der sozialen Funktion der Familie“
widerspiegelt. Statt der Generationenkonflikte, bei denen die Jüngeren gegen
die Älteren mit eigenen „Impulsen und Ideen“ auftraten und sich als sehr
persönliche Erlebnisse behaupteten, stünde nun alles unter der anonymen „Herrschaft
ökonomischer, politischer und kultureller Monopole“, hinter den alles
Persönliche verschwindet: „vor den Bewegungen und eigenen Gesetzen des
Apparates scheint jedermann, selbst wenn er an der Spitze steht, machtlos zu
sein“.
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Irgendwo unterwegs Foto: RV
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Alles wird zur Verwaltung.
Marcuse: „Die Verantwortung für die Organisation seines
Lebens liegt beim Ganzen, beim 'System', bei der Gesamtsumme der Institutionen,
die seine Bedürfnisse bestimmen, befriedigen und lenken.“
Was uns so abhängig macht, ist die Tatsache, dass alles so gut funktioniert –
und sich immer weiter optimiert.
Aber der Preis ist enorm hoch. Er beruht auf der Zerstörung
des Individuums. Nicht das Individuum wird als Ganzes, als – wie der Begriff Individuum
besagt, als Ungeteiltes genommen, sondern das „System“, das sich aus Abertrilliarden
von Daten ständig neu zusammensetzt. Es sind Daten, die wir freiwillig abgeliefert
haben – bis man uns als Lieferanten auch nicht mehr braucht. Wirt werden in
dieses System einfach nur hineinkopiert – vollkommen sinnentleert. ASls ein
technischer Trick. Wir existieren nur noch als Nachahmung unserer selbst.
Das System wird autark. Aber ohne uns hat es sich längst
schon selbst zerstört. Es ist vollkommen sinnlos. Nur weiß es das nicht. Und
das ist es, was es so gefährlich macht.
„Erkenne dich selbst!“ – „Gnothi seauton!“ – Nosce te ipsum!“
Dieser alte, griechische Götterspruch ist das, was seit zweieinhalbtausend Jahren
unerschütterlich dagegen steht. Es ist das, was die Schönheit der Welt
ausmacht.