Der Quellenlage nach muss es 1998 gewesen sein, als ich es wagte, mich von Experten der Künstlichen und sonstigen Intelligenz in die Zukunft führen zu lassen. Als ich heute morgen auf dieses, wahrscheinlich um 2014 herum letztmalig besichtigte Manuskript stieß, war ich doch erstaunt, wie gut diese Fachleute - vor allem die aus dem angelsächsischen Bereich - die Entwicklung vorhergesehen haben. Vielleicht spüren sie ja auch dieses Erstaunen in sich, wenn sie diesen Blick zurück nach vorn studieren. Im Unterschied zu meiner sonstigen Gepflogenheit, habe ich dieses Mal die Quellen vor der Veröffentlichung nicht gelöscht.
Von Raimund Vollmer
Roboter werden ab 2010 so intelligent wie Menschen sein. In der Zwischenzeit marschieren die Androiden in den Dienstleistungssektor ein. Und der Mensch selbst macht sich auf in den Cyberspace, um sein größtes, verbleibenden Rätsel zu lösen: das Gehirn.
»Gibt es Intelligenz auf der Erde?«
Graffiti‑Schrift
Der Katzensprung. Ende 1996 wagten Wissenschaftler in Großbritannien und in den USA ein kleines Experiment. Ein Roboter des Cybernetics‑Bereichs der britischen Reading University programmierte über das Internet einen eisernen Kollegen in der State University in New York. »Wir wollten ein für allemal die Vorstellung beerdigen, dass nur Menschen Roboter programmieren können«, freute sich Cybernetics‑Professor Kevin Warwick, über den Erfolg der transatlantischen Zusammenarbeit zwischen Maschine und Maschine. Und er ist sich ziemlich sicher, dass im Jahr 2050 hochintelligente Roboter die Herrschaft über die Welt erlangen werden. Steht das Ende der Menschheit bevor, kommt nun das Zeitalter der »Maschinenheit«, wie es Warwick nennt? Es ist eine Frage der Intelligenz, also der Computer.[1]
»Die größten Superrechner Ende der achtziger Jahre entsprechen dem 1‑Gramm‑Gehirn einer Maus,« schrieb 1990 Hans Moravec, Chef des Mobile Robot Laboratory an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, in seinem Buch Mind Children. Das war schon ein Riesenfortschritt gegenüber 1987. Da behauptete ein Experte in der Tageszeitung Die Welt, dass der Intelligenzquotient eines Computers »kaum über dem einer Kartoffel« läge.[2] Im Jahr 2002 allerdings werde die Intelligenz bereits der einer Katze entsprechen, befand 1997 die Londoner Finanical Times.[3] Welch ein Fortschritt wäre das: innerhalb von anderthalb Jahrzehnten von der Kartoffel bis zur Katze!
Gehirn auf Rädern. Inzwischen sind Computer in der Lage, wenigstens einen Schachweltmeister zu schlagen. Doch Deep Blue ist weit davon entfernt eine Denkmaschine zu sein, die sogar ausgestattet ist mit einem eigenen Bewusstsein. Was sind die Grenzen eines solchen »bewusstlosen« Gehirns? »Ein Schachprogramm, das 52 Züge voraussieht, müsste etwa 1080 Möglichkeiten analysieren. Das ist mehr als die Zahl aller Atome im Universum«, rechnete 1982 das Wirtschaftsmagazin Fortune aus.[4] Aber vielleicht ist selbst das kein Problem für ein solches Superhirn, das weiter »denkt« als unser Universum.
Zwischen 2010 und 2030 ‑ so orakelt Moravec, Absolvent der berühmten Stanford University in Palo Alto, ‑ werde es Computer geben, die so mächtig seien wie das menschliche Gehirn.[5] Marwick glaubt derweil, dass noch vor dem Ende des nächsten Jahrzehnts die Maschinen nach Zahl und Dichte ihrer Neuronen mit dem menschlichen Gehirn gleichgezogen haben werden.
Revolution. Etwa zu diesem Zeitpunkt wird sich die Silizium‑Technik dem kritischen Punkt nähern, in der sie den Ansprüchen nicht mehr genügt. Dann wird man zu biochemischen Stoffen oder optischen Prinzipien übergehen. Der Physiker Michio Kaku glaubt, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten die Transistordichte bei den Chips an die »Null-Komm-Eins-Grenze« stoßen. Bei 0,1 Micron werden die Transistoren so klein wie die DNA: »Einige Visionäre behaupten, dass das Informationszeitalter der Sieg der Bits über die Atome darstellt. Der Cyberspace verdrängt die reale Welt. Doch es tut mir leid sagen zu müssen, dass die Stunde der Rache in 15 bis 20 Jahren kommen wird. Wir müssen uns auf mehrere Schockwellen gefasst machen. Im Vergleich zu ihnen war die Ölkrise der siebziger Jahre ein Kinderspiel.« Doch solange lässt es sich nach Meinung von Kaku, Autor des Buches »Vision: How Science will Revolutionize 21. Century« noch recht gut leben. Mikroprozessoren werden nicht nur so klein sein wie ein Pfennig, sondern auch soviel kosten, also Bruchteile eines Euro-Cents. Der Aufwand für ihre Herstellung wird aber immenses Kapital binden. Arthur Rock, Risikokapitalist im Silicon Valley, der Intel 1968 das Geld für den Start gab, meint: »Die Kapitalkosten für die Herstellung von Halbleitern verdoppeln sich alle vier Jahre.« Nur noch Konsortien werden sich diese Fabriken im Wert von 20 Milliarden Dollar und mehr leisten können.[6]
Aber der Kapitaleinsatz lohnt sich. Immer tiefer graben sich diese Winzlinge in unser Leben ein. »Wir nähern uns einer Zeit, in der mächtiges und durchdachtes Computing verschmelzen wird mit Möbeln und Papier«, behauptet Michael Hawley, Mitarbeiter am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology. Hier wird bereits an »elektronischem Papier« gearbeitet, mit denen sich Menschen Texte aus dem Internet runterladen können - Bücher mit einem Umfang von 200 bis 300 Seiten. Nach der Lektüre wird das Buch gelöscht - und kann mit neuem Lesestoff aufgetankt werden.[7] Nichts ist der Technik mehr heilig.
Wenn das Weltwirtschaftsprodukt im Jahr 2000 rund 30 Billionen Dollar erreicht, dann wird die Informationstechnik zwar nur einen Anteil von drei Prozent haben, aber sie wird das Geschehen in allen anderen Märkten bestimmen. Ihre Bedeutung wird die des Öls bei weitem übertreffen. Schon jetzt trägt in den USA die Informationstechnik fast zwei Prozentpunkte des Wachstums. In zehn Jahren wird ohne die maschinelle Intelligenz überhaupt kein Wachstum mehr möglich sein. Sie wird immer mehr Teile der Wirtschaft an sich binden.
Es wird dann höchste Zeit, dass die Bio-Computer als Retter aus der Atom-Falle auf den Markt kommen - mit immensen Konsquenzen: »Bio wird durchstarten mitten hinein in eine bittere Kontroverse um Moral und Politik«, sieht der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling das Entstehen einer »Wissens-Revolution«, die 30 Jahre dauern wird. »Das wird eine wilde Entwicklung sein, die vielleicht das Heraufdämmern einer Epoche bedeutet, in der Leute nicht mehr einfach nur menschlich sein werden.«[8] Wie aber werden diese »Leute« aussehen? Die eigentlichen Probleme liegen nicht in der Technik, sondern in der Seele der Maschine. Die neuen Herausforderungen haben zu tun mit so menschlichen Eigenschaften wie Humor oder Anschaulichkeit. Marvin Minsky, der Großvater der künstlichen Intelligenz, hatte bereits 1985 festgestellt, dass hier mindestens 50 größere Problemblöcke zu lösen sein.[9] Doch für Marwick ist dies gar kein Thema, weil seiner Meinung nach die Maschinen solche Eigenschaften ebenso wenig benötigen wie den äußerst schwierig umzusetzenden aufrechten Gang. Es genügt das Gehirn auf Rädern ‑ und schon sind die Maschinen so mobil, dass sie ihr bisheriges Gefängnis, die Werkhallen der Industrie, verlassen und in den Dienstleistungssektor eindringen können.
Zwischen Leben & Tod. Die Japan Industrial Robot Association (JIRA) strich bereits das Industrial aus ihrem Namen.[10] Auf der Insel, wo im Jahr 2005 mit rund 1,2 Millionen dreimal mehr Roboter im Einsatz sein werden als 1993, betreiben bereits die eisernen Gesellen »Dienst am Menschen«.
- Seit Anfang der neunziger Jahre werden in Japan sprachgesteuerte Patienten‑Roboter für die Krankenbetreuung eingesetzt.[11]
- In Tokio wurde bereits der erste »Robo-Shop« eröffnet, der rund um die Uhr geöffnet ist. Hier kann man Artikel des täglichen Bedarf erwerben - bei Robotern.
- In der Aussegnungshalle des Zentralfriedhofs von Yokohama haben 650.000 Mark teure Androiden, die täuschend echt dem Menschen nachgebildet wurden, Priesterfunktionen übernommen. Sie sprechen dort seit 1994 Gebete, schlagen den Gong und singen Hymnen.[12]
- In den Sushi‑Restaurants unterstützen sie die Köche bei ihrer Arbeit und produzieren dort Reisbällchen.[13]
- In San Francisco nahm zu Beginn der achtziger Jahre der erste Roboter einen Dienst als Barmixer an.[14]
- In England übernahmen Anfang der neunziger Jahre in dem Containerhafen Thamesport die Herrschaft über die Verladekräne.[15]
- 1993 half ein Mini‑Roboter deutschen Archäologen dabei, im Zentrum der 4500 Jahre alten Cheops‑Pyramide einen neuen Gang zu entdecken.[16]
Am Fraunhofer Institut in Stuttgart wurde 1995 bereits ein serienreifer Tankroboter vorgestellt. Spätestens dann, wenn der schwierig zu handhabende flüssige Wasserstoff unser Benzin ersetzt, werden die elektronischen Tankwarte den Dienst an der Zapfsäule übernehmen.[17]
- Überall in der Welt helfen sie der Pharma‑Branche in der Forschung, indem sie in Massentests, dem (Screening), neue Substanzen tausendmal schneller entdecken als in den bisherigen Verfahren.[18]
- In den USA sprang am 7. November 1992 erstmals ein an der Universität von Kalifornien entwickelter Android als Chirurg bei einer Hüftgelenkoperation ein.[19] Knapp zwei Jahre später hatte der Robodoc in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt/Main seinen Ersteinsatz.[20] Klammheimlich wagen sie sich in immer mehr Bereiche vor ‑ zwischen Leben & Tod.
Auf solche Service‑Roboter wartet ein riesiger Markt. Nach Schätzungen des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart könnten im Jahr 2010 für elektronische Dienstleister zwischen 17 und 45 Milliarden Mark weltweit ausgegeben werden.[21] Wieviel es tatsächlich werden, hängt von unserer Phantasie ab: die Zahl der Anwendungsfelder. Oder erzeugen zu diesem Zeitpunkt die Roboter bereits ihre eigenen Vorstellungen?
»Mein Gefühl sagt mir, dass unser Intelligenz‑Level abhängig ist von der physischen Begrenzung unseres Kopfes«, meint Marwick. Dieses Problem haben Roboter nicht, deren Gehirn läßt sich beliebig groß gestalten. »In Zukunft gibt es keinen Grund, warum wir nicht Maschinen bauen können, die milliardenfach intelligenter sind als wir.« Und dann wird er nachdenklich. Denn diese Superhirne könnten nicht mehr abgeschaltet werden ‑ so wenig wie heute das Internet. »Wenn wir Roboter in ihren Fähigkeiten nicht zügeln, droht uns eine größere Gefahr als durch die Gentechnik«: die Menschwerdung der Maschine.[22] Das ist eine Frage der Software: so gelang es zwar seit 1945 die Leistung der Computer um den Faktor eine Million zu steigern, aber die Programmier‑Produktivität stieg nur um das Zehnfache. Bei dem Tempo schaffen wir es nie, eine Maschine zu bauen, die intelligenter ist als wir. Irgendwie müssen wir wohl selbst zuerst intelligenter werden. Aber dazu müssten wir über unser Gehirn mehr wissen...
»Die einzige terra incognita, die der Mensch noch besitzt, sind die Galaxien des Gehirns.«
Peter Sloterdijk, deutscher Philosoph
Nachgebohrt. Derweil ist unser gutes, altes Gehirn dabei sich zu entleiben. Es bricht auf in den Cyberspace ‑ das größte Abenteuer der Menschheit seit der Entdeckung des Menschen durch den Menschen.
Das Gehirn war uns schon immer ein Rätsel. Vor 5000 Jahren bohrten unsere Vorfahren Löcher in die Köpfe von Menschen, die diese primitive Operation sogar überlebten. Was immer sie dort suchten, ist uns nicht bekannt. Wir haben nur die Schädelknochen gefunden, aber leider nicht das Gehirn. Aber bohrende Fragen müssen es auf jeden Fall gewesen sein, die unsere Vorfahren geplagt haben. Heute ist unser Gehirn wohl kaum besser als im Altertum, wir wissen aber vermutlich sehr viel mehr ‑ über die grauen Zellen, von denen noch der griechische Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus meinte, dass sie allenfalls zur Kühlung unseres Blutes taugten. Sein Vorfahr und Landsmann Hippokrates, der im sechsten Jahrhundert lebte, war da schon ein Stückchen schlauer gewesen: er sah das Gehirn als das Zentrum unserer Gedanken, Gefühle und Sinne. Aber wie entsteht dieses Zentrum?
Modell der Welt. Lange bevor ein Mensch geboren wird, beginnt bereits sein Gehirn mächtig an zu arbeiten. Elektrische Impulse jagen durch die graue Masse, die sechs Wochen nach der Zeugung fast die Hälfte des Körpergewichts eines Embryos ausmacht. Und diese Stromschläge sind nicht etwa eine Folge des Wachstums, dessen unvermeidliches Grundrauschen, sondern sie bestimmen die Struktur des Gehirns. Es fällt ‑ teilweise genetisch gesteuert, teilweise spekulativ ‑ Entscheidungen über die Nutzung der grauen Masse, modularisiert und modelliert sie. Hören, Sehen, Fühlen, Riechen usw. Wenn das Baby dann auf die Welt kommt, enthält sein Denkzentrum 100 Milliarden Neuronen. Das sind so viele Zellen wie unsere Milchstraße Sterne hat.[23]
Schon der spanische Wissenschaftler Santiago Ramon y Cajal sah hier Ende des vergangenen Jahrhunderts einen Zusammenhang: »Solange das Gehirn ein Geheimnis bleibt, solange bleibt auch das Universum ‑ das Abbild der Gehirnstruktur ‑ ein Geheimnis.«[24] Hundert Jahre später bezeichnet der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk das Gehirn als »die Milchstraße der Intelligenz«. Der in Tübingen lehrende Hirnforscher und Kybernetiker Valentin Braitenberg meint: »Man kann das Gehirn als ein Modell der Welt verstehen.«[25] Mit einem Modell der Welt kommt also der Mensch auf die Welt. Schon bei seiner Geburt verbirgt sich ein ganzer Cognos‑Kosmos hinter der noch weichen Schädeldecke. Billionen von Verbindungen bestehen bereits zwischen den Nervenzellen seines Hirns. Immer mehr kommen nun hinzu. Die Galaxie wächst.[26] In seinen ersten Lebensjahren stellt ein Kind rund 100 Billionen an Konnektionen zwischen den Gehirnzellen her, weitaus mehr als es eigentlich sinnvoll nutzen kann. Es entwirft und verwirft quasi immer mehr Kosmologien, bis es im Alter von etwa zehn Jahren seine eigene, in der Welt einzigartige Grundstruktur herausgebildet hat ‑ sein ureigenes Universum, das zugleich eingebunden ist in eine weitaus größere, äußere Welt.[27] Es zieht immer mehr Wissen & Erfahrungen in sich ein und projiziert zugleich seine Vorstellungen & Ideen in die reale Welt. Es hat dabei keine Chance, diese Realität in ihrem ganzen Umfang zu erfassen. Dieser Mangel an Wissen zwingt ihn dazu, permanent neue Ideen und Annahmen zu kreieren. Er kommuniziert, probiert, falsifiziert. Was er sich nicht erklären kann, worauf er keine Antworten bekommt, das respektiert er zumindest, kultiviert es sogar ‑ zum Beispiel in Form von Religionen. So ist der Vergleich des Gehirns mit dem Universum keineswegs abwegig ‑ und erst recht nicht mit dem Cyberspace, wo sich all das in der Schwerelosigkeit der Informationsströme ebenfalls abspielt. Ein solches Gegenstück zu seinem Gehirn hat der Mensch bislang nie besessen. Vor allem scheint das Internet von seiner inneren Struktur mit seinen Millionen & Milliarden von Hyperlinks dem menschlichen Gehirn zu entsprechen. »Unser bewusstes Denken ‑ so wie wir es niederschreibend festhalten ‑ scheint völlig linear gerichtet zu sein. Aber die wirkliche Suche in unserem Gedächtnis und der Gedankenprozess dahinter vollziehen sich simultan auf sehr vielen Kanälen«, meinte Stanislaw Ulam, Mathematiker und Professor an der Universität von Colorado, der in den dreißiger Jahren mit dem Superhirn John von Neumann eng zusammenarbeitete.[28]
Ziemlich Cool. Warum aber muss jeder Mensch mit einer ganzen Milchstraße im Kopf herumlaufen? Eine überraschende Antwort darauf fand 1986 der polnische Anthropologe Konrad Fialkowsky bei den Vormenschen, die schon mehr Gehirn besaßen, als sie eigentlich benötigten. »Mit ihren überdimensionalen Hirnen schützten sich die frühen afrikanischen Jäger, während sie ausdauernd unter der heißen Savannensonne ihrer Beute hinterher rannten, vor dem Hitzschlag. Ihre extrem wärmeempfindlichen Steuerzentralen konnten dank üppiger Reservekapazität Teilausfälle gut verkraften. Erst sehr viel später entdeckten die Menschen, dass ihre vermehrte Hirnmasse auch zum Erfassen abstrakter und komplizierter Gedanken fähig war.«[29] Das Gehirn schützte also die Menschen vor einer unwirtlichen Wirklichkeit ‑ durch eine überquellende Redundanz. Lag also Aristoteles doch in gewisser Weise richtig, als er das Gehirn nur als eine Kühlanlage verstand? Und ist nicht auch die Geschichte der Computer, der Elektronenhirne, geprägt von dem Wunsch nach Ausfallsicherheit?
Schon das Superhirn Johann von Neumann, der 1944 das Architektur‑Modell aller Computer formulierte, hatte in seinem Aufsatz »Wahrscheinlichkeitslogik und die Konstruktion zuverlässig arbeitender Organismen aus unzuverlässigen Einzelteilen« postuliert: »Das Gesamtsystem ist so zu organisieren, dass es auch dann noch funktioniert, wenn mehrere Einzelteile versagen.« Seitdem wurden ganze Computergenerationen nach diesem einfachen Prinzip gebaut. Sie wurden immer reichhaltiger ‑ immer komplexer. Doch die Krönung erreichte dieser Gedankengang mit der Errichtung des Internets. Als es vor dreißig Jahren konzipiert wurde, war die grundlegende Forderung, ein vernetztes System zu schaffen, das in seinen Teilen zwar zerstörbar war, aber als Ganzes auch einen Atomkrieg überstehen sollte.
Und jetzt stellen wir fest, dass dieses Netz mehr bietet als nur Sicherheit ‑ wir erfinden in ihm die gesamte Welt neu. Mögen die Roboter ruhig so intelligent werden wie wir. Im Internet ‑ so heißt ein alter Joke ‑ ist es egal, ob Du ein Hund bist oder nicht. Noch etwas: wenn Roboter Roboter programmieren können, warum nicht auch Menschen? Ein Computer kann das nämlich schon längst..
»Hunger ist Lust. Hunger ist Lust. Hunger ist Lust«, flackerte der Bildschirm jeden Tag für insgesamt fünf Minuten. Als kaum wahrnehmbare Botschaft für Sekundenbruchteile eingeblendet, programmierte der Computer seinen Benutzer. Und tatsächlich ‑ nach vier Tagen verlor der Amerikaner Michael Anderson den Appetit. Eine Woche später hatte er zehn Pfund abgenommen. Das war 1984. Doch diese Form der automatisierten Suggestion hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Vorgeschichte. 1956 hatte ein Kino in New Jersey erstmal eine sublimanale Botschaft in die Filmvorführung eingeschleust: »Hunger? Iß Popkorn!« Bald darauf wurde dieser geheime Verführer verboten, um dreißig Jahre später im Computer wieder aufzuleben.[30] Sind sie nun wieder verschwunden? Manchmal hat der Autor dieser Zeilen das Gefühl, dass sein Computer diese sublimanale Technik schon lange gegen ihn anwendet: »Ich will ans Netz. Ich will ans Netz. Ich will ans Netz.« (Wahrscheinlich genüge ich ihm nicht mehr, ich habe deshalb beschlossen, mir einen neuen Computer zu kaufen. Das Problem ist nur: wahrscheinlich wurde er von Robotern gebaut...)
[1] Kevin Marwick, 1997: »March of the Machines: Why the New Race of Robots will Rule the world, Century«
[2] Die Welt, 11.4.1987, Dieter Thierbach: »Auch Computer lernen denken«
[3] Financial Times, 11.3.1997, Andrew Baxter: »Minds of the future«
[4] Fortune, 17.5.1982, Tom Alexander: »Teaching computers the art of reason«
[5] Hans Moravec, Hamburg 1990: »Mind Children ‑ Der Wettbewerb zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz«
[6] Financial Times, 3.10.1997, Louise Kehoe: »A block on the old chip«
[7] Time Special Issue, The new age of discovery, Winter 1997/98: »The Third Wave«
[8] Newsweek, 23.3.1998, Jason Forsysthe: »E.Business Ahead«
[9] Fortune, 10.6.1985: »The brains behind artificial intelligence«
[10] Die Zeit, 1.12.1995, Gero von Randow: »Der Butler mit den vielen Bytes«
[11] Die Welt, 3.2.1992, Ulrich Blumenschein:»`Ich will die Suppe essen!'«
[12] Die Welt, 7.8.1994: »Roboter spricht Gebete und schlägt den Gong«
[13] Financial Times, 3.10.1995, BethanHutton: »Break with tradition«
[14] The Economist, 24.3.1984: »It's harder to find a job than to do it«
[15] Financial Times, 20.2.1992, Paul Taylor: »Robots set sail for Thamesport«
[16] Die Welt, 17.4.1993: »Ein Pfad für die Seele«
[17] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.9.1995, Bernd‑Wilfried Kiessler: »Der Tankroboter wartet unter der Erde«
[18] Nikkei Weekly, 13.11.1995: »Screening robot boosts chances of finding viable drugs«
[19] Newsweek, 23.11.1992: »Introducing 'Robodoc'«
[20] Die Welt, 31.8.1994: »Erste Hüftoperation per Roboter«
[21] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.5.1995: »Sie arbeiten, wo es gefährlich und schmutzig ist«
[22] Die Computer Zeitung, 21.9.1995: »Gefahr von Maschinen?«
[23] Time, 10.2.1997, J. Madeleine Nash: »Fertile minds«
[24] Financial Times, 2.3.1997, Andrew Derrington: »The unsolved case of the old grey matter«
[25] Zeitmagazin, 22.6.1990, Peter Haffner: »Gehirngespinste«
[26] The Economist, 24.2.1996: »Thoughts prints in the sand«
[27] Newsweek, 19.2.1996, Sharon Begley: »Your child's brain«
[28] Stanislaw M. Ulam, Boston 1986: »Science, Computers, and People ‑ From the Tree of Mathematics«
[29] Die Zeit, 31.10.1996, Peter Roese: »Phänomen des Super‑Hirns«
[30] Wall Street Journal, 6.12.1984, Michael W. Miller: »The latest frontier of the programmers is all in your mind«
5 Kommentare:
„Milky Way – Stillt den Hunger auf Süßes, verdirbt nicht den Appetit.“
Aus der Werbung
Honig im Kopf – keine Milchstraße
Milky Way - und Du siehst die Welt von oben.
„Wir müssen den Menschen und seine tägliche Milchstraße malen.“
Laut Studien denkt das bewusst agierende Gehirn, anders als oft vermutet, extrem langsam und verarbeitet Informationen mit einer Geschwindigkeit von gerade einmal etwa 10 Bits pro Sekunde.
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