Freitag, 27. März 2026

Der Vernunft wird der Prozess gemacht!!!

 Eine unzeitgemäße Betrachtung unserer Zeit

Von Raimund Vollmer 

1958: "Große dampfende Wolken ziehen in der Dunkelheit da oben vorüber; dadurch kommt mir zum Bewusstsein, dass der Planet, auf dem Wir leben, wirklich existiert."

Jack Kerouac (1922-1969), amerikanischer Autor der Beat Generation

Hinter dem Denken in Prozessen steht das weite, alles überlagernde Feld der instrumentellen Vernunft. Sie „steht stets hoch im Kurs“, meinte 1974 Gerd Haffmans, damals Cheflektor des Diogenes-Verlags in Zürich, „die kritische Vernunft zielt auf die Substanz und wird verdrängt“.Endgültig.

Die instrumentelle Vernunft manifestiert sich in der Technik – bis in unsere Sprache hinein, die sie voll und ganz auf ihre Seite zieht – selbstverständlich in einem langen und somit kaum spürbaren Prozess, in der Entwicklung der Sprachbilder. „Staaten wurden zu Maschinen, Menschen zu Uhrwerken, Gedächtnisse zu Schallplatten“, schrieb 1991 die ‚FAZ‘.

Mehr noch: die Technik reklamiert längst eine ganze Sprache für sich. Es ist das Englische. Sie nistet sich ein mit zumeist und zutiefst banalen Ausdrücken in die Natursprachen der Welt. Die Benutzung von Anglismen gilt überall als chic und modern, passt wunderbar in eine jeden Feinsinn vergewaltigende Werbung.

Dort will ich
freier atmen
dort will ich ein Alphabet erfinden
von tätigen Buchstaben

Hilde Domin (1909-2006), deutsche Lyrikerin in ihrem Gedicht ‚Flucht‘

In Wahrheit sind die meisten Slogans peinlicher Kitsch. So banal, dass man sie tatsächlich nur noch durch das Englische hervorheben kann. Es ist lingualisierte Gewalt. Es ist eine Beleidgung. Jeder Engländer würde sich ihrer schämen.

Die kritische Vernunft befindet sich derweil auf dem Rückzug. Noch residiert sie vor allem in der modernen Kunst, befand der Philosoph Theodor W. Adorno. In der Welt als Vorstellung, als Entwurf, als Gegenentwurf. Die Kunst stört – vor allem dann, wenn sie mehr ist als nur Design und Wohnzimmer-Dekoration. Darin werden Kunst und kritische Vernunft identisch. Doch Adorno ist seit 1969 tot – und mit ihm starb unsere Vernunft. Langsam, aber unaufhaltsam.

Vielleicht ist jetzt alles aus. Durch die KI. Die Kunst wird formal zum puren Design, zur puren, sterilen Optik, zur Virtuellen Realität.

Wir brauchen die kritische Vernunft nicht mehr. ChatGPT übernimmt. Den widerspenstigen Rest regelt eine unerbittlich daherkommende Moral, die kein Pardon mehr kennt.

Ein Zeitalter unerträglicher Gleichförmigkeit wartet auf uns. Aber das – so möchte man boshaft ergänzen – die meisten bekommen das gar nicht mehr mit.

Der bürokratischen Zeit konnte die kritische Vernunft immer nur hinterherhecheln – oder sie ignorieren. Beides kostet unglaublich Kraft, wie wir seit Kafka wissen. Die bürokratische Zeit ist uns stets ein Formular, ein Memo, ein Paragraph, eine Vorschrift voraus. Egal, ob analog – als Papier – oder digital – als App.

Buchhändler verschwinden, Buchhaltung bleibt.

Die bürokratische Zeit siegt immer. Im Verein mit der Technik. Bislang. In Wahrheit hat sie nichts aufzuweisen. Nur den Sieg. Den täglichen Sieg. Über uns. Mit Haffmans möchte man sagen, das ist „ihre durchgängige Triebstruktur, die kein anderes Konstruktionsprinzip kennt als Fressen und Gefressenwerden, mit dem alleinigen Zweck, sich selbst zu reproduzieren.“

Technik und Bürokratie verhalten sich wie Kannibalen. Sie jagen, kochen und braten sich selbst. Wir nennen es dann Fortschritt. Aber in Wirklichkeit ist es rasende Sinnlosigkeit.  

(Dies ist Teil einer längeren Auseinandersetzung mit dem, was einen so als Rentner bewegt.)  

 



2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Warum so pessimistisch, lieber Herr Vollmer. Wir werden auch die bürokratischen Hürden und die digitalen Fallen Überwinden. Wir sind doch kreativ oder? Und kratzbürstig 😉

Jack Kerouac hat gesagt…

Da wurde mir klar, dass entweder ich verrückt war oder die Welt. Und ich tippte auf die Welt. Und natürlich hatte ich recht.