„Eine der niedrigsten
Tendenzen des Menschen ist:
irgendwo dazu gehören zu wollen.“
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| Vor dem Springer-Hochhaus in Berlin Bild: R.V. |
Die Moralmaschine
der Medien
ACHTUNG: DIESER TEXT
IST SUGGESTIV!!!
Was ich hier und jetzt schreibe, was ich hier und jetzt
sage, was ich hier und jetzt veröffentliche, ist meine Meinung und nichts als
meine Meinung. Hier und jetzt.
So wahr mir Gott helfe.
Glauben Sie mir!
Es geht uns, den Journalisten, in unserem Aktivismus für die
Demokratie nicht mehr um die Gesellschaft, sondern um etwas viel, viel
Wichtigeres. Es geht uns um die Zivilgesellschaft. Das ist etwas ganz anderes
als nur Gesellschaft. Diese ist amorph, unreflektiert, chaotisch. Die andere,
die Zivilgesellschaft, ist gesittet, sie ist gesteuert, sie ist Ordnung.
Die eine Gesellschaft galt als offen, will aber heute
ausgrenzen. Sie wirkt despotisch. Die andere galt als zersplittert, will aber
heute alles integrieren. Sie wirkt demokratisch. Die eine Gesellschaft ist
rechts, sie ist ungeklärt. Die andere ist links, sie ist aufgeklärt.
Die Zivilgesellschaft ist die Zukunft. Sie ist vernünftig.
Sie ist wirklich. Seit 250 Jahren. Die andere gab es schon immer, als höhere,
nun ist sie die niedere.
In der Tradition der Zivilgesellschaft stehen wir, die
Journalisten. Wir sind wirklich. Wir sind vernünftig.
Über diese Zivilgesellschaft zu wachen und sie notfalls vor
dem Mob, also der niederen Gesellschaft, zu schützen, ist höchste Verpflichtung
aller moralisch hochstehenden Journalisten, wie sie dem DJV angehören, dem
Deutschen Journalisten-Verband.
Das ist mein .unbedingtes Suggestiv. Das ist der vornehme Anspruch,
dem wir, die Mitglieder, zu huldigen haben.
Wir sind Journalismus. Tag und Nacht.
Berliner Zeitung - Am 21. MaI 1945 gegründet, als erste Tageszeitung nach dem Krieg. Bild: R.V.
***
Wir sind als Mitglied im DJV selbst Teil dieser
Zivilgesellschaft, dieser Ordnung – und können deshalb auch guten Gewissens
staatliche Unterstützung erwarten und verlangen. Das tun wir auch. Verhalten,
vorsichtig, argumentativ. Vielleicht aber sind wir auch schon längst Teil einer
dritten Gruppe, einer Gesellschaft, die sich über alles und jeden erhebt, einer
allerhöheren Gesellschaft. Vielleicht sind wir sogar diejenigen, die diese neue
Gesellschaft gründen – eine Gesellschaft mit maximalen moralischen Ansprüchen –
so hoch, dass wir alles Recht haben über alles und jeden zu richten. Denn wir
stehen für Demokratie.
Wir sind keine Widerständler zwischen dem einen und dem
anderen, wir sind keine Mitmacher bei dem einen oder anderen. Wir sind keine
Mutmacher für das eine oder andere.
Wir sind wir oder gar nicht.
Wir sind über allem. Wir sind die Verteidiger der
Demokratie. Wie eine Monstranz tragen wir sie vor uns her, schauen weder links
noch rechts, nur stur geradeaus. Wir gehen an der Spitze. Wir sind Spitze. Der
große Liberale Lord Ralf Dahrendorf (1929-2009) hatte sich ein Jahr vor seinem
Tod in der Tageszeitung „Die Welt“ so
etwas wie uns gewünscht: „Fast möchte man eine Bewegung zur Verteidigung der
Politik schaffen.“
Sie wurde geschaffen. Wir sind es.
Überparteilich. Unabhängig. Das ist seit jeher unser Markenzeichen.
Unsere guten Zeitungen nennen sich so. Seit 1971 sogar die „Bild-Zeitung“, das
einstige Groschenblatt, das es nur am Kiosk gab – mit einer aktuellen
Reichweite von fast sieben Millionen Menschen. 700.000 Menschen nutzen dabei
das digitale Bezahlangebot.
„Bild“ ist unser Vorbild. Nein „Bild“ war unser Vorbild.
Ehedem – ob wir wollten oder nicht. Auf dem Ladentisch beim Bäcker oder Metzger
lag „Bild“ immer oben auf. Und wer am Kiosk sagte „die Zeitung“, der bekam
„Bild“.
Bis heute, seit 1952, fällt „Bild“ jeden Alltag erbarmungslos
sein Urteil über das, was in der Welt geschieht. Längst sogar sonntags. Niemand
entkommt dem Boulevard. „Bild greift hinein ins volle Menschenleben, packt
alles Interessante, beharrt auf seinem Standpunkt, fügt einen Spritzer Pikantes
dazu und macht immer für einen Tag satt“, lobte 1967 der deutsche
Schriftsteller Hans Reimann (1889-1969) das Blatt, gegen das kein anderes
bestand.
Das war zu einem Zeitpunkt, als „Bild“ in der Bundesrepublik
als die Marke mit dem höchsten Bekanntheitsgrad identifiziert wurde. Die
Auflage betrug fast fünf Millionen und erreichte damit elf Millionen Leser.
Auch wenn heute diese großlettrige Publikation mit etwa einer Million
gedruckten Exemplaren im Vergleich zu der Zeit vor sechzig Jahren nur noch ein
Schatten ihrer selbst ist, so ist „Bild“ immer noch die auflagenstärkste
Zeitung in Deutschland. Trotz des Schwundes, der Transformation ins botenlos
Digitale.
Dieses Boulevard-Blatt ist ein Relikt. Es gehört einer
vergangenen Zeit an, als die Welt noch zweigeteilt wahrgenommen wurde –
geopolitisch in Ost und West, parteipolitisch in Schwarz und Rot,
wirtschaftspolitisch in Kapital und Arbeit, konfessionell in katholisch und
evangelisch, gesellschaftspolitisch in Spießer und Gammler, ideologisch in
Strauß und Dutschke. „Bild“ agierte an den Grenzen unserer Gedanken und
Emotionen. Aktivistisch.
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| 1972: Springer-Verlag Bild: Eliot |
So war es eigentlich auch nicht verwunderlich, dass der
Gründer Axel Springer sein Verlagshaus unmittelbar an der Berliner Mauer
errichten ließ. An der Grenze zwischen Gut & Böse. Demonstrativ.
Man muss es zugeben: Es gab kein demokratischeres Blatt als die
„Bild-Zeitung“. Sie stellte sich jeden Tag der freien Wahl. Am Kiosk. Über Wohl
& Wehe des Blattes entschied jeden Tag der Leser am Ladentisch. „Bild“
folgte der Meinung der Massen, „Bild“ prägte zugleich die Meinung der Massen.
„Bild“ war ein ebenso artifizielles Konstrukt wie die Gesellschaft, für die
ihre Journalisten und Journalistinnen titelten.
Die bundesdeutsche Wirklichkeit war bis ins kleinste Dorf durchdrungen
von dem Glauben an das Wirtschaftswunder, an die Vorherrschaft der Industrie,
vor allem von dem unerschütterlichen Glauben an die Automobilindustrie. „Bild“
war wie dafür geschaffen. Ja, das Blatt war ein Produkt dieser Zeit. „Bild“
prägte das Bild der Nachkriegs-Gesellschaft, in der es auf dem Print-Sektor im
Kampf um die Meinungshoheit nur einen echten Konkurrenten gab: „Der Spiegel“.
„Bild“ war Gefühl. „Spiegel“ war Gehirn.
„Entwickelte Industriegesellschaften sind historisch gänzlich
beispiellose, künstliche Gebilde“, schrieb 1991 der deutsche Soziologe Burkart
Lutz (1925-2013) in der Wochenzeitung „Die Zeit“.
Und „Bild“ war das Medium dieses „Gebildes“, das mit dem Übergang ins 21.
Jahrhundert ein Publikum sucht, das als (anonyme) Masse mehr und mehr
verschwindet – und als identifizierbare Digitalmasse sich sehr launisch zeigt. Dem
„Spiegel“ geht es kaum anders.
Die alten Märkte sind flüchtig. Was schwindet, ist das
Gemeinschaftsgefühl.
***
Vergeblich versuchten wir, die Journalisten, die edlen,
tugendhaften und braven Verteidiger der Demokratie, in all den Jahrzehnten auf
Distanz zu gehen zu „Bild“ und seinem Verlag, dem Springer-Konzern. Insgeheim
hofften wir, vor allem „Bild“ endlich und für alle Zeit in den Senkel stellen
zu können. Selbst Günter Wallraff scheiterte.
Unser neuester Ansatzpunkt: die Demokratie. Sie ist das
höchste Heiligtum der Zivilgesellschaft. Und Springer lästert darüber.
In seinen Medien wurde neuerdings die
staatliche Demokratieförderung angegriffen, „in einer Zeit (…), in der ganze
Regionen im Osten der rechtsextremen AfD verfallen“, schrieb im April-Heft der vom
DJV herausgegebenen Mitgliederzeitschrift „journalistin“ der Journalist Michael
Kraske (*1972).
Und weil ihm Springer nicht genügt, rechnet er auch gleich ab mit der CDU/CSU.
Ebenso investigativ wie suggestiv.
Es ist ein Angriff auf unser
edelstes Geschäftsmodell: die Zivilgesellschaft. Ebenso alt wie die
Industriegesellschaft, ebenso künstlich, aber hochmoralisch und bis ins
„Wording“ hinein progressiv. Und nicht aggressiv – wie „Bild“.
Ohne Zweifel. Mit der Industriegesellschaft, die durch und
durch kommerziell denkt, hat die altruistisch gepolte Zivilgesellschaft wenig
gemein. Sie ist die Zukunft. Und die muss geschützt werden. Unbedingt!
Während der neue, beim Bundeskanzler Friedrich Merz
angesiedelte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer der Meinung ist, dass sich der
Staat bei der Förderung publizistischer Projekte Enthaltsamkeit auferlegen
sollte, ist der DJV entschieden anderer Meinung. „Deutschlands
Journalistengewerkschaft“ – so meldete der Verband am 23. Mai 2025 – möchte die
finanzielle „Förderung des kritischen und unabhängigen Journalismus“
vorantreiben. Es wären dann klassische, zivilgesellschaftliche Projekte, die
dabei herauskämen. Denn es geht um die „Herausforderung der Demokratie durch
Extremisten“.
Der Bundesvorsitzende des DJV, Mika Beuster, widerspricht
deshalb dem Minister und setzt noch eins drauf: „Hier allein auf
marktwirtschaftliche Modelle zu vertrauen, ist der falsche Weg, denn das
klassische Geschäftsmodell der Verleger ist durch die marktbeherrschende
Stellung der Big Tech-Monopole derzeit massiv unter Druck.“
Die Zivilgesellschaft ist die Rettung.
***
Denn seit 1972, als die Wahlbeteiligung bei 91 Prozent lag,
befindet sich die Industriegesellschaft in Auflösung. Nun geben wir ihr den
Rest. Ihre Werte wanken. Ehe & Familie. Kirche & Religion. Demokratie &
Parteien. Links & Rechts. Mann & Frau. Fake & News. Böse ist gut,
und gut ist böse.
Und. Und. Und. Alles durcheinander. Nichts lässt sich mehr
eindeutig bestimmen.
Kurzum: Es ist an der Zeit, dass wir, Journalistin und
Journalist, neu entscheiden. Wir sagen, was Sache ist. Gebt uns dafür Geld.
Spenden willkommen. Wir nehmen auch Staatsknete.
Wir, die guten Journalisten gehören zu jener „unheimlichen
Maschinerie der Urteilsbildung“, wie dereinst die deutsche Dichterin Hilde
Domin (1909-2006) über die schreibende Zunft befand. Wir sind eine
Moralmaschine.
Da geht es „rattatattata“. Die Urteile werden im Sekundentakt gefällt. Im
„Bild“-Stil. In Drei-Wort-Sätzen. Fakten. Fakten. Fakten. Takten. Takten.
Takten. Stakkato.
Wir setzen die Maßstäbe. Und weil wir das klipp und klar tun,
sind wir selbst über alle Zweifel erhaben.
Flash-Film: Epiktet
„Nicht
die Dinge verwirren die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge.“
Per Faktencheck, der überall automatisch zupackt, wo
irgendetwas nicht in Ordnung ist. Wir bringen die Dinge wieder in Ordnung. Vor
allem unsere Demokratie. Tag für Tag. Zeile für Zeile. Bild für Bild. X für X. Fakt
für Fakt.
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| Ständige Vertretung in Berlin: Freier Platz der Meinungen Bild: R.V. |
Für Betulichkeit haben wir keine Zeit mehr. Die Demokratie
ist in Gefahr. Weltweit. Sogar in den USA, wie uns im ZDF der Fernsehjournalist
Klaus Kleber jüngst aus dem Silicon Valley über den „Staatsstreich der
Tech-Milliardäre“ berichtet.
Das ist schlimm, sehr schlimm.
Das ist aber auch gut, sehr gut. Wir können in solchen
Sendungen, öffentlich-rechtlich finanziert, zeigen, was uns droht. Denn die
Tech-Milliardäre kennen keine Grenzen. Deswegen ist es am besten, wenn wir alle
öffentlich-rechtlich werden. Dann ist das Finanzierungsproblem gelöst. Davon
träumen wir. Insgeheim.
***
Wir sind die Feuerwehr. Wir sind die Guten.
Dass das so ist, ist allerdings kein Factum, sondern – wie
gesagt – Meinung, einfach nur meine Meinung, meine Wahrnehmung. Ich übertreibe
maßlos. Das tue ich schon deswegen, weil ich mich heute zum letzten Mal mit meiner
eigenen Meinung äußern werde. Denn meine Meinung ist endgültig der
Moralmaschine unterworfen. Sie berichtet nicht nur, sondern sie richtet auch. Zwischen
den Zeilen und in den Zeilen. In Wort und Rat. Schonungslos. Erbarmungslos. Gnadenlos.
Über Gut & Böse.
Im Namen der Anständigen, im Namen der Zivilgesellschaft.
Hier befinden wir uns in Übereinstimmung mit uns selbst.
Hier geht es stur weiter im Text. Meinung an sich wird nicht
mehr benötigt. Dieses Feld überlassen wir der Social Media, diesem Miststück
zwischen alter Industriegesellschaft und Zivilgesellschaft, wo jeder meint,
nach Herzenslust und ohne Risiko mitmischen zu können.
Keine Sorge: Wir passen auf. Wir löschen. Wir lassen
löschen.
Wir sind die Feuerwehr. Wir sind die Guten.
Feuerwehrleute stehen mit einer Zustimmung von 94 Prozent im
Ansehen an der Spitze der Berufe in Deutschland. Journalisten schaffen da nur
32 Prozent und gehören zu den Schlusslichtern.
Ungerecht.
***
1970:
„Alle Versuche, die Moral anstatt in Hinblick auf ein Jenseits auf irdische
Klugheit zu begründen…beruhen auf harmonistischen Illusionen. Es gibt keine
logisch bezwingende Begründung, warum ich nicht hassen soll, wenn ich mir
dadurch im Leben keinen Nachteil zuziehe.“
Die Zivilgesellschaft ist unser ganz großes Ding. Sie ist
das Ziel der ganz großen Transformation. Sie ist überhaupt ganz, ganz groß und
ganz, ganz wichtig. Sie schützt uns, weil wir sie schützen. Sie nützt uns, weil
wir sie nützen. Journalismus und Zivilgesellschaft – das ist ein perfektes
Paar. Harmonie pur. Da gibt es keine zwei Meinungen. Das ist so. Ganz bestimmt.
Denkste!
***
„Mir ist zwar das gute deutsche Wort Bürgergesellschaft
lieber, aber die ‚civil society‘ ist jedenfalls notwendige Bedingung einer
freien Gesellschaft“, schrieb 2008 Ralf Lord Dahrendorf (1929-2009), dieser
große, deutsche Soziologe britischen Adels. „Das heißt, dass es auf die
Initiative der Bürger im nicht staatlichen Bereich ankommt, wenn man eine
Gesellschaft will, die die Atemluft der Freiheit stärkt.“
Der große Lord ist sehr naiv. Denn die Freiheit ringt längst
um ihren Atem.
Diese Bürgergesellschaft ist zudem nicht das, was wir unter
Zivilgesellschaft zu verstehen haben. Achwas, eigentlich möchten wir uns gar
nicht damit aufhalten zu erklären, was Zivilgesellschaft bedeutet. Am liebsten
möchten wir diesen Begriff in der Schwebe halten. Als Luftschloss.
Der Kollege Kraske (wenn ich mir denn anmaßen darf, ihn so
zu nennen) definiert sein Verständnis von Zivilgesellschaft jedenfalls eher indirekt
– er meint nur den politischen Bereich, dort, wo NGOs „zwar parteipolitisch,
aber keineswegs politisch neutral agieren“. Schreibt er. Weiß er. Meint er.
Damit es eindeutig ist, sei es wiederholt: Keine
Parteipolitik! Aber deswegen politisch keineswegs neutral. NGOs sind engagiert
bei der Sache, ein Lieblingswort. So sei es die vornehmste Aufgabe dieser NGOs „sich
gesellschaftspolitisch zu engagieren“, sagt Kraske. Kurzum: Edel sei der Mensch!
So edel, dass jeder ein Schuft ist, wer Grünes, Rotes oder Gelbes dabei denkt.
Schwarz bleibt vorerst außen vor. Blau ist ohnehin verpönt.
Kurzum: Die NGOs, diese Non-Governmental Organizations, vertreten das Gute in der Welt. Sie sind die
Säulen der Zivilgesellschaft. Auf diese Säulen bauen wir. Unser Geschäftsmodell.
Was aber verstehen wir denn tatsächlich unter dem Begriff der Zivilgesellschaft?
***
Zehn Jahre nach Dahrendorfs Definition knöpfte sich der
Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter (*1956) in der F.A.Z. den Begriff
vor und bestimmte, was wir darunter zu verstehen meinen: „Zivilgesellschaft –
das war (und ist vielleicht noch) ein Lieblings-Topos der um die ‚politische
Kultur‘ besorgten linksliberalen Bürger.
Sie leuchtet ihnen wie eine Friedensfackel, denn sie signalisiert
Gewaltlosigkeit, Toleranz, Mündigkeit, Altruismus, Solidarismus; und ihre
Voraussetzungen nehmen mit besserer Bildung der Bürger durch den damit
einhergehenden Zuwachs an Kompetenz, Urteils- und Kritikfähigkeit in der
Wissensgesellschaft ständig zu.“
Michael Kraskes Meinung von der Zivilgesellschaft scheint, ohne
dass er es sagt, genau dieser Vorstellung zu entsprechen. Er definiert den
Begriff mehr in der Distanz zu einem bösen Oppositionssystem, das den
„gesellschaftlichen Pluralismus“ untergräbt und den „demokratiefeindlichen
Tendenzen“ zuneigt. Für dieses Oppositionssystem steht einerseits die AfD,
andererseits „Springer und CDU/CSU Seite an Seite“. Sie sind offensichtlich nicht Teil seiner
Vorstellung von Zivilgesellschaft. Nein, sie gehören eher in die Vorstellung
von einer Industriegesellschaft, der sie ohnehin entstammen.
Die Zivilgesellschaft, die er
insbesondere meint, ist jene, „die unverzichtbare Demokratiearbeit leistet“,
wie es im Vorspann des Kraske-Textes heißt. Bald war mir klar: Diese
Zivilgesellschaft ist das ganz Große Ding. Gerade für uns Journalisten. Auf was
lassen wir uns da ein?
***
Der Politologe Franz Walter schreibt: „Nun umfasst die
Zivilgesellschaft zunächst allein Initiativen und Selbstorganisationen von
Bürgern, gewissermaßen die gesellschaftliche Fläche, die sich zwischen die
Individuen und die staatlichen Institutionen legt.“ Okay. Zwischen Staat und
Bürger. Da ist der Platz der Zivilgesellschaft. Aber dann kommt’s: Vor diesem
Hintergrund sei auch die Pegida „unzweifelhaft ein zivilgesellschaftlicher
Zusammenschluss“, formuliert zu meinem grenzenlosen Erstaunen der frühere
Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Ein Affront.
Für Menschen wie Kraske oder auch Dahrendorf wäre dies ein
Unding, das sich im Übrigen zum Glück selbst erledigt hat. Am 20. Oktober 2024
fand die letzte Pegida-Demonstration in Dresden statt.
Herrscht seitdem mehr „Atemluft der Freiheit“ (Dahrendorf)
in der Zivilgesellschaft? Ersetzt sie tatsächlich die alte
Industriegesellschaft, die ohnehin alles andere als zivil war, geprägt vom
Kalten Krieg, von Aufrüstung und Klassenkampf? Oder ist es gar so, dass sich
diese Zivilgesellschaft eher auf die Ideen einer Bürgergesellschaft besinnt,
ganz im Sinne des großen Lords?
Schon 1990 meinte der britische Historiker Timothy Garton
Ash (*1955), immerhin Träger des Karls-Preises, in seinem Buch „Ein Jahrhundert
wird abgewählt“, dass es im Zuge der Revolutionen von 1989 an der Zeit wäre,
die „Zivilgesellschaft“ an die Stelle der alten, noch von militärischem
Gedankengut gespeisten Gesellschaft zu setzen. Was man nun sähe, wäre gleichsam die Rückkehr zu alten Ideen
und Begriffen wie Bürger und Bürgerrechte, zu denen wir zurückkehren sollten –
gleichsam zu den Errungenschaften der Französischen Revolution. Toll. Der
Bürger ist wieder Bürger und nicht bloß Einwohner. Die Freiheit ist wieder
Freiheit und nicht Freizeit. Der Frieden wird wieder Frieden und der Krieg nie
wieder Krieg.
Während Ash und Dahrendorf auf konservative Werte
vertrauten, war der Politikwissenschaftler Lothar Rühl (*1927) vor 35 Jahren
sehr viel skeptischer. Er sah einen radikalen Wandel: „Nicht nur die Identität
des bisherigen sozialistischen Europas, sondern auch die Westeuropas steht in
Frage, obwohl die westliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung ihre
Überlegenheit bewiesen hat,“ warnte er im Nachgang des Mauerfalls. Diese Überlegenheit schienen wir auch noch
lange Zeit behaupten zu können – offenbar sehr zum Verdruss eines Wladimir
Putin, der sich vor 25 Jahren anschickte, dieses Bild zu ändern. Mit seiner
militärischen Sonderoperation wurde unsere Überlegenheit als hohl entlarvt. Die
westliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sieht sich gegenüber der
Aggression aus Russland sehr relativiert.
Nun schauen wir ziemlich hilflos aus der Wäsche. Dabei droht
uns nicht nur von außen Ungemach, auch im Inneren brodelt es.
***
Da steht vor allem der „Tabubruch, der die politische Kultur
dieses Landes verändert hat“, eröffnet Kraske seine Story, die übrigens unter
der Überschrift steht „Alte Feindbilder – neue, autokratische Freunde“. Er
meint mit dem Tabubruch natürlich die Abstimmung Ende Januar 2025 über die
Migrationspolitik im Deutschen Bundestag, bei der die CDU für ihren Antrag die
Zustimmung der AfD bekam. Das erschütterte die Zivilgesellschaft, also
zumindest den Teil, der „unverzichtbare Demokratiearbeit“ leistet. Gerade diese
Zivilgesellschaft werde dämonisiert – durch Springers „Bild und Welt“.
Schon stehen sich zwei Lager gegenüber: Auf der einen Seite
gehen „Hunderttausende gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD auf die Straße“,
schreibt Kraske“. Auf der anderen Seite starten die „Springer-Medien Bild und Welt“ mit einer „Kampagne gegen zivilgesellschaftliche
Organisationen, die den Protest mittragen.“ Das sind dann vornehmlich NGOs wie
zum Beispiel die „Omas gegen Rechts“. Dabei geht es um Geld, das die NGOs vom
Staat bekommen, um Demokratieprojekte zu ermöglichen. Da herrscht Einklang
zwischen dem Staat und diesen Organisationen. Aber die Springer-Medien meinen,
dass die staatlichen Mittel als „Demo-Geld“ missbraucht werden. Und schon
wächst daraus eine Verschwörungstheorie, gegen die sich wunderbar empören
lässt.
Damit positionieren sich Journalisten gegen Journalisten.
So stehen den im „Netzwerk Recherche“ organisierten 1300
„Journalist*innen unterschiedlicher Überzeugungen“ (Kraske) die etwa „2400
Journalistinnen und Journalisten“ (Die Welt) im Springer-Konzern gegenüber:
-
Die einen gehören zu einer Aktiengesellschaft,
-
die anderen zu einer Zivilgesellschaft.
Eine durchaus spannende Konstellation, die sehr zum
Nachdenken anregen könnte: Zwischen Gemeinnützigkeit auf der einen Seite und
Eigennützigkeit auf der anderen.
Wenn Kraske der Springer-Presse vorwirft, dass es ihr um Aufmerksamkeit
„um fast jeden Preis“ geht, dann greift er unmittelbar deren Geschäftsmodell an:
- Der Egoist Springer lebt von den frei
herumvagabundierenden Lesern und Werbekunden.
- Die altruistische Zivilgesellschaft lebt von Spenden und
Mitgliederbeiträgen. Vor allem aber möchten sie durch staatliche Gelder
finanziert werden.
Kurzum: die Presse, die weiß, wo ihre Sympathien liegen,
möchte gerne von allen Seiten unterstützt werden.
(Übrigens ist die Konstellation irgendwie auch kurios: Da
sind auf der einen Seite die gesellschaftspolitisch engagierten „Omas gegen rechts“,
die sich primär durch Mitgliedsbeiträge finanzieren, nicht einmal ein Verein
sind, aber auch für ihre Projekte Staatsgelder beantragen, und auf der anderen
Seite ist die „überalterte Leserschaft“ der Springer-Zeitungen, wie in dem
Kraske-Text der „Medienwissenschaftler Volker Lilienthal“ zitiert wird. Das
sind vornehmlich Rentner, die ihren täglichen Obolus am Kiosk entrichten.)
Der Leser, soweit er nicht aktivistisch organisiert ist, der
Privatmensch also, spielt im Denken von Michael Kraske keine Rolle. Warum auch?
Man sieht sich ja fast schon in einem hoheitlichen Auftrag unterwegs. Das ist offenbar
auch der Ansatz des DJV, meines Verbandes, meiner Gewerkschaft,
Da bleibt allerdings eine Frage offen: Woher nimmt die
Zivilgesellschaft eigentlich als Zwischenreich ihre Legitimation? Aus demokratischen
Wahlen wohl kaum. Woraus dann?
***
An der Antwort bastele ich gerade. Natürlich ohne eigene
Meinung. Rein journalistisch.
TEIL II: Demokratie als Pandemie-Ersatz
TEIL I: Wir stehen darüber