Damals waren die Ticker noch in Gebrauch. So wurde auch zu Pressekonferenzen eingeladen - zum Beispiel von der PR-Agenur Regis Mckenna, die bei der Vermarktung von Firmen aus dem Silicon Valley eine zentrale Rolle spielte. Einer der Kunden war Apple, ein anderer Intel. Am 14, Oktober 1980 erhielten wir beim Computer Magazin diese Einladung. Nichts besonderes - ich erinnere mich nur, dass ich damals ein Inetrview mit Andy Grove führen durfte - und hatte den Eindruck, dass er nicht sonderlich angetan war von mir. Inzwischen bin ich darüber hinweggekommen.
Die PR-Aktion war 1980 (hier eine Titelseite aus Business Week) erforderlich, weil es Intel damals an Geld mangelte und IBM sich in der Folge an dem Chiphersteller beteiligte...
Quelle: Archiv Raimund Vollmer
Sonntag, 5. Januar 2020
Samstag, 4. Januar 2020
Die Gründung der Deutschland AG
Die Macht der Kartelle Von Raimund Vollmer (1995)
»Das lernt sich in diesem Gewerbe recht, dass man so klug sein kann wie die Klugen dieser Welt, und doch jederzeit in die nächste Minute geht wie ein Kind ins Dunkle.«Otto von Bismarck, 1864 über Politik
»Das Erwerbsleben des ganzen großen Deutschen Reiches scheint sich in eine riesige Aktiengesellschaft verwandeln zu wollen.«Gustaf von Mevissen, Bankier und Präsident der Eisenbahngesellschaft über die Gründerjahre
Noch 1992 schrieb Lester Thurow, Dekan der Sloan School für Management am Massachusetts Institute of Technology: »Deutschland, die dominierende europäische Wirtschaftsmacht, ist ein Verfechter der sozialen Marktwirtschaft. Der Bund und die Länderregierungen besitzen in Deutschland mehr Anteile an Industrien Fluglinien, Autohersteller, Stahl, Chemie, Stromerzeugung, Transportwesen als irgendein anderes nichtkommunistisches Land auf dem gesamten Globus.«
Mark & Bismarck. Und dieses Modell hat eine große Tradition. Seine Ursprünge reichen zurück in das Ende des 18. Jahrhunderts. Damals war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ein Gebilde, das aus 314 souveränen Territorien und Städten bestand. Hinzu kamen 1475 freie Reichsritterschaften. Er war in sich zersplittert und politisch höchst fragil. »Jeder Teilstaat hatte das verbriefte Recht, sich mit ausländischen Mächten gegen einen anderen deutschen Staat zu verbünden«, schreibt Wolfgang Zank 1991 in der Wochenzeitung Die Zeit. »Der politischen Zersplitterung entsprach die wirtschaftliche. Die deutschen Münzsysteme, Maßeinheiten und Rechtssysteme bildeten ein unüberschaubares Mosaik, und etwa 1800 Zollschranken behinderten in Mitteleuropa den Handel.« Und so war es kein Wunder, daß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem »Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers« darauf drängten, »die wirtschaftliche Zersplitterung zu beseitigen. Die Märkte waren noch klein und voneinander abgeschottet, aber industrielle Produktion wurde erst bei größeren Stückzahlen rentabel. Je mehr die industrielle Revolution voranschritt, desto mächtiger und einflußrei-cher wurde die Bourgeoisie, die allein schon aus wirtschaftlichen Gründen ein einiges Deutschland anstrebte.« Es kam 1834 zum Deutschen Zollverein, dem 1842 bereits 28 der 39 Staaten des Deutschen Bundes angehörten. Und ein Jahr später, 1835, startet die erste deutsche Eisenbahn zu ihrer Jungfernfahrt von Nürnberg nach Fürth. Ende der sechziger Jahre setzte dann im Nord-deutschen Bund eine liberale Gesetzgebung unter Kanzleramtschef Rudolf von Dellbrück ein, der die Zollpolitik weitertrieb, das Wirtschaftsrecht vereinheitlichte, das Postwesen reformierte und das Maß und Gewichtssystem vereinfachte. Das Dezimalsystem wurde eingeführt, sämtliche gesetzlichen Zinsbeschränkungen wurden abgeschafft und »vor allem die Gewerbe und Koalitionsfreiheit durchgesetzt«, erinnert 1990 Wolfram Weimer in der Frank-furter Allgemeine Zeitung an diese Phase. So wurde wirtschaftlich vorbereitet, was politisch noch nachvollzogen werden mußte: die Einigung des Landes.
Dieses Ziel erfüllte sich mit der Gründung des Deutschen Reiches am Mittwoch, 18. Januar 1871, als im Spiegelsaal von Versailles der König von Preußen Wilhelm I. feierlich zum Kaiser proklamiert wurde. Anwesend war dabei der Hochadel und das Militär, aber wie Zank erinnert »kein Fabrikant oder Eisenbahningenieur war geladen, obwohl sie es waren, die das Reich zuvor materiell verbunden hatten. Schulmeister und Dichter hatten Deutsch-land kulturell zusammengefügt, aber nicht einer von ihnen war in Versailles dabei.«
Dabei war aber Graf Otto von Bismarck, der als »Reichsgründer Gegenstand einer geradezu kultischen Verehrung« (Zank) wurde. Der Graf, der alsbald zum Fürsten aufstieg, wusste selbst nur zu genau, daß er es allein nicht gewesen war, der die Einigung vollbracht hatte. Es waren die wirtschaftlichen Kräfte ge-wesen, die die Grundlagen der Deutschland AG gelegt hatten. Sie hatten sich zuvor um Einheitlichkeit bei Maßen und Gewichten, beim Handels und Straf-recht bemüht und eine Gewerbeordnung durchgesetzt, die mit dem überkommenen Zunftdenken aufräumte.
So war die Reichsgründung nicht nur eine Vereinigung der Länder, sondern auch der Währungen. Der im Norden Deutschlands übliche Taler und der im Süden gebräuchliche Gulden wurden in einem historischen Kompromiß zur Mark vereinigt.
Nach dem Sieg von 1871 über Frankreich, das fünf Milliarden Franken oder umgerechnet vier Milliarden Goldmark an Kriegsentschädigung zahlen mußte, schwamm das Deutsche Reich in Geld. Zwischen 1850 und 1875 stieg der Geldumlauf in Preußen von 18 Millionen auf 290 Millionen Taler. Es wurde aber auch eine gewaltige Spekulationswelle losgetreten. Jeder wagte an den Märkten sein Glück, »als ob die Grenzen der menschlichen Dummheit sich ins Unermeßliche erweitert hätten«, wie Heinrich von Treitschke bemerkte.
Es herrschten Gründerjahre. Die Grundstückspreise vervielfachten sich teil-weise um den Faktor 30. Die Gier war grenzenlos. Sie vereinte Bürgertum und Aristokratie. Die Zahl der Aktiengesellschaften schnellte allein 1872 von 207 auf 479 Firmen hoch. Ihr Kapital verdoppelte sich nahezu von 759 Millionen auf 1,478 Milliarden. Zwischen 1871 und 1873 wurden exakt 726 Aktiengesellschaften neu gegründet, 170 davon allein im Montanbereich an Rhein und Ruhr.
Es herrschte ein beispielloser Boom, und die Auftragsbücher waren voll wie nie zuvor. War bis 1870 in Preußen noch keine einzige Bank als Aktiengesellschaft zugelassen, so wurden nach der Novelle des Aktienrechts allein 107 Banken als AGs auf preußischem Boden gegründet. Heutige Namen von Weltgeltung wie die Deutsche Bank (1870), die Commerz und Discontobank (ebenfalls 1870) und die Dresdner Bank (1872) hatten in dieser Zeit ihren Ursprung.
Eine Vervierfachung der Aktienkurse an der Börse war keine Seltenheit. Berlin war innerhalb kürzester Zeit zur Hauptstadt des Kapitals in Europa geworden vor London und Paris. Deutschland schickte sich an, Großbritannien, dem »Initiator der industriellen Revolution«, als »mächtigstes Land der Welt« (Thurow) einzuholen. Und Schriftsteller wie Theodor Fontane, der die stürmische Veränderung der Stadt miterlebt hatte staunte 1872 im Rückblick auf die letzten 50 Jahre, daß er das »Gefühl habe, auf einem anderen Planeten gelebt zu haben.« Immer hektischer wurde das Leben in der Stadt, die 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches geworden war: »Ein industrieller Schwindel hatte die gesamte Gesellschaft erfaßt: die Gründung auf Aktien schossen wie Pilze aus der Erde. Die Ansprüche der Niedrigen und Enterbten steigerten sich mit dem Golddurst der Reichen und begüterten.«
Doch dann kam es am 28. Oktober 1873 an den Börsen zum »Gründer Krach« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Jetzt zeigte sich vor allem, wie verwoben die Weltwirtschaft inzwischen war und wieviele Menschen sich an dieser gigantischen Spekulation beteiligt hatten. Das Zusammenspiel von Weltmarkt und Individuum, das sich in den Boomjahren in schwin-delerregende Höhen hochgeschaukelt hatte, brach zusammen.
Freitag, 3. Januar 2020
Blick zurück nach vorn: Bankenlandschaft 1995
Die neue Bankenkrise (revisited)
Von Raimund Vollmer (1995)
In ihren traditionellen Kerngeschäften verändern sich die
Märkte der Banken und der Rüstungsindustrie radikal ‑ durch die Elektronisierung, durch schrumpfende Margen. Nicht
dass die Welt weniger Geld oder weniger Sicherheit braucht, ist der Grund,
sondern dass sie beides anders organisiert haben möchte. Die alten Waffen
verlieren an Wirkung. Bei den Banken sind es Kredite & Filialnetze, bei den
Rüstungsbetrieben Schiffe, Panzer & Flugzeuge. Was beide Branchen zudem
gemeinsam haben: die Veränderungen finden vor allem in den nationalen Märkten
statt. Besonders deutlich wurde dies in den USA. Und fängt dort so etwas
einmal an, erfasst die Welle die ganze Welt. Hinter alledem vollzieht sich ein
Jahrhundertwandel.
»Man kann 1995
nennen wie man will, aber eins war es auf jeden Fall: das Jahr der Bank‑Merger«, bringt es das amerikanische
Wirtschaftsmagazin Fortune auf den
Punkt. Rund 400 Institute wurden in den USA aufgekauft oder verschmolzen.
Insgesamt flossen dabei 69 Milliarden Dollar. [1]Das ist fast dreimal mehr
als 1991, dem bisherigen Rekordjahr bei Bankenübernahmen. Damals waren 24
Milliarden Dollar geflossen. [2]
Der Grund für
diesen Ansturm: die Giganten des Geldes müssen ihre eigenen lokalen Märkte,
ihr Filialnetz und ihre Datenverarbeitung, in Ordnung bringen, um sich auf
den globalen Wettbewerb besser einstellen zu können. 1,7 Millionen
Menschen waren noch 1991 in der amerikanischen Bankenwelt beschäftigt ‑ mehr
als in der Stahl‑ und Automobilindustrie zusammen. Trotz enormer
Investitionen in die Informationstechnik war die Welt des Kapitals vor allem
eins: arbeitsintensiv. Das waren die Spätfolgen einer ehedem stark regulierten
Branche. Doch die Deregulierung griff immer stärker. Wettbewerber traten auf,
die die Personalhürde nehmen wollten ‑ und damit die Preise in die Zange nehmen.
Ein Trend, der indes nicht minder für andere Länder gilt. In Japan ebenso wie
in der Europäischen Union. So sucht jeder seine Strategie oder gibt vor, eine
zu haben.
Schrumpfende Branche? Längst seien zum
Beispiel die Spannen bei der syndizierten Kreditfinanzierung von Unternehmen
auf ein Niveau abgesunken, dass sie den Banken »die Kehle abschneiden«,
schrieb im Herbst 1995 die Londoner Financial
Times.[3]
Das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek sieht bereits die »Krise in den Banken«. Es ist eine
schrumpfende Branche, die gegen ihre drohende Irrelevanz ankämpft«.[4] Ganz so schlimm war es
nicht: die Banken legten recht gute Geschäftsergebnisse vor. Im internationalen
Geschäft erreichte die Kreditfinanzierung ein Rekordvolumen von 450
Milliarden Dollar. 1994 waren es nur 289 Milliarden Dollar.[5] Kein Wunder: schon lange
nicht mehr war Geld so billig. Aber genau das macht den Banken das Leben so
schwer.
Die Schlägerei. Das britische Wirtschaftsmagazin
The Economist erläutert den Mechanismus
des traditionellen Kreditgeschäfts: »Tatsache ist, dass die Margen im Kerngeschäft
der Bankenwirtschaft ‑ dem Recycling
von Spareinlagen in Form von Krediten ‑ immer dünner werden, je mehr
Nichtbanken‑Wettbewerber sich an der Schlägerei beteiligen und die Crème der Wirtschaftsunternehmen den
Banken an den Kapitalmärkten untreu werden.«[6] Betrug in den USA der
Anteil der Bankkredite an den Schulden der Wirtschaft ehedem 50 Prozent, so
verringerte er sich inzwischen auf 30 Prozent. Machten die Firmenkundschaft
einst 75 Prozent des Geschäftsvolumens der Banken aus, so schrumpfte der
Anteil auf unter 60 Prozent. [7]
In ihrem
traditionellen Geschäft bleibt den Bankern
nur eine Strategie übrig: sie müssen ihre Präsenz »rationalisieren, rationalisieren
und rationalisieren«, meint Walter
Shipley, Chairman der Chemical Bank, die im August 1995 mit
der Chase Manhattan Bank fusionierte.
Die elf Milliarden Dollar teure Verschmelzung war dabei ganz wesentlich mitbestimmt
von dem Wunsch, gemeinsam die alte Informationstechnologie zu meistern.
Denn in diesen kostspieligen und kostenträchtigen Investitionen der
Vergangenheit sind auch die alten Denkgewohnheiten und Strukturen verborgen,
von denen sich die Banken endgültig verabschieden müssen. Und so wird als ein
wesentliches Motiv für die amerikanischen Bankenfusionen in der Bewältigung
der Altlasten gesehen.
Gleichzeitig
aber ist damit bei der Chase‑Chemical
die Ambition verbunden, durch Erneuerung der Anwendungen die 25 Millionen
Kunden besser, innovativer und kostengünstiger bedienen zu können. Die
beiden miteinander verschmolzenen Banken benötigen dringend eine homogene,
geschäftsprozeßorientierte Anwendungsumgebung, die das Online‑Banking in all seinen Spielarten auf effizienteste und effektivste
Weise unterstützt. Shipley prophezeit:
»Die traditionellen Wege des Bankings
werden obsolet, je mehr die Technologie uns neue Angebotswege für unsere
Produkte liefert.«[8]
Noch 1986 ‑ so ergab eine Untersuchung von Coopers
Lybrand bei 250 Führungskräften im amerikanischen Finanzsektor ‑ sah nur
ein Drittel der Manager in der Informations‑Technologie die Chance, einen
strategischen Wettbewerbsvorteil zu erlangen.[9] Jetzt verschwindet die
alte Bankenwelt ‑ mitsamt ihrer alten, nur taktisch eingesetzten Technologie.
Abbruchstimmung.
[1] Fortune, 15.1.1996: »A case study:
how not to merge a bank«
[2] The Economist, 2.9.1995: »Finding
the right chemistry«
[3] Financial Times, 13. 10.1995, John
Plender: »Banks shape up to a cold climate«
[4] Newsweek, 11.9.1995, Michael Hirsh:
»A rush for exits«
[5] Financial Times, 16.1.1996, Richard
Lapper: »Back from the abyss to challenge the summit«
[6] The Economist, 2.9.1995 (Kommentar):
»Big, boring and dangerous«
[7] Time, 13.3.1995, Robert Ball:
»Banking ‑ the business that will never be the same«
[8] Financial Times, 17.10.194, John
Gapper: »Rationalise and keep risks to minimum«
[9] Business Week, 4.8.1986:
»Executives who just can't cope with data technology«
Donnerstag, 2. Januar 2020
Engpass Programmierer
1970: »In Europa fehlen
zur Zeit 150.000 Programmierer.«
Mittwoch, 1. Januar 2020
Eine Reise ohne Anfang
Geschichten und andere Fundsachen aus meinem Archiv. Wann ich genau damit angefangen habe, dieses Archiv aufzubauen, weiß ich nicht mehr. Aber es muss so um das Jahr 1970 gewesen sein, als ich anfing, Zeitungsartikel auszuschneiden (ohne Datum, wie alle Anfänger) und zu sammeln. Mit den Jahren entstand daraus ein Archiv, das mich mitunter zur Verzweiflung brachte, auf das ich andererseits auch mächtig stolz war (und immer noch bin). Obwohl ich deswegen sehr häufig belächelt werde. Macht nix. Ich bin dabei, es aufzuräumen und zu digitalisieren. So möchte ich in diesem Jahr daraus ein Tagebuch machen, bei dem ich nicht weiß, was darin vorkommen wird.
Auf jeden Fall möchte ich Euch mit diesem Tagebuch durch das Neue Jahr begleiten, dass es immer nur gute Überraschungen für uns bereithält.
Beginnen wir mit einer Ankündigung, die zugleich eine Fortsetzung war. Vor 50 Jahren wurde das System IBM /370 angekündigt, das die Geschichte der Mainframes erfolgreich fortsetzte:
Auf jeden Fall möchte ich Euch mit diesem Tagebuch durch das Neue Jahr begleiten, dass es immer nur gute Überraschungen für uns bereithält.
Beginnen wir mit einer Ankündigung, die zugleich eine Fortsetzung war. Vor 50 Jahren wurde das System IBM /370 angekündigt, das die Geschichte der Mainframes erfolgreich fortsetzte:
Mittwoch, 20. November 2019
Vertrauen oder Kontrolle? Nach dem Mord an Fritz von Weizsäcker
Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
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| Aus einer Ausstellung, die der Autor dieser Zeilen im Jahr 2000 gemacht hat. |
"In welcher Welt leben wir?" fragt sich der
FDP-Vorsitzende Christian Lindner nach der gestrigen Ermordung seines
Parteifreundes Fritz von Weizsäcker, Sohn unseres früheren Bundespräsidenten. "Wir
gehen völlig falsche Wege, aber ich werde aus dem Jenseits nicht schadenfroh
sein", hatte vor vielen, vielen Jahren der Schriftsteller Wolfgang Koeppen
(1906-1996) diagnostiziert. Und die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung'
veröffentlicht heute die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage, die auf einen
dramatischen Verfall des Vertrauens in die Politik und in die staatlichen
Institutionen hinweist.
Derweil sehen wir, wie Zeitungsverlage wie auch der
Reutlinger General Anzeiger jüngst in einer seiner Print-Ausgaben mit einem mächtigen
Vorblatt vor der Titelseite für Demokratie wirbt und dabei seine Edelfedern mit
Zitaten hervortreten lässt. Es ist eine Kampagne gegen sogenannte Hater in den
Sozialen Medien und für den sogenannten Qualitätsjournalismus.
Wir sind ohne Orientierung? Das ist letztlich die Botschaft
hinter alledem. Und das nicht erst seit heute. Wir verstehen unsere Welt nicht
mehr. Wir kennen nicht mehr, was richtig und falsch ist. Und wollen irgendwie
zurück in eine Zeit, von der wir meinen, dass dort die Demokratie noch
Demokratie war - zum Beispiel mit einer klaren Gewaltentrennung. Der Staat war
Exekutive. Die Politik war Legislative. Die Justiz war Recht - und die Medien waren
die Vierte Gewalt, die sich mit natürlicher Autorität in alles einmischte. Mit
ihren Fragen, aber auch ohne zu fragen.
Das ist alles durcheinander geraten. Als neue Gewalt ist das
Misstrauen getreten, das jeder von uns in sich trägt. Wir glauben einander
nicht mehr. Jederzeit kann irgendjemand ein Messer zücken, selbst in ehrsamsten
Kreisen aus reiner Willkür morden, Ärzte, die unumstrittenste Autorität in
unserer Gesellschaft, werden tagtäglich angegriffen, Politiker und Beamte sind
ihres Lebens nicht mehr sicher, aus Hassreden werden Übeltaten, unsere
Gesellschaft verwahrlost. Und das in einer Zeit, in der uns die IT-Industrie
erzählen will, dass sie mit der Digitalisierung alle Probleme lösen will. "Lösung"
ist seit mindestens 50 Jahren das Zauberwort der Informationstechnologien. Der
technische Fortschritt scheitert am Menschen. Es wird Zeit, dass wir Menschen
uns endlich wieder um uns Menschen kümmern. Dann werden auch unsere Systeme
wieder gesund - allen voran die Demokratie. Sie wird nicht nur zersetzt von den
Hatern und Mördern, sie wird auch nicht zersetzt von Facebook und Google, sie
wird zersetzt von dem Mangel an Verantwortung im Alltag.
Was uns Menschen unterscheidet von all dem, was sich unter
dem Deckmantel der Künstlichen Intelligenz werbewirksam und PR-trächtig über
alle Medien (auch denen, die sich den "Prints" zurechnen) ausbreitet,
ist genau dieses Gefühl von Verantwortung. Künstliche Intelligenz basiert ganz
bewusst auf einer Täuschung, auf der Vortäuschung von Bewusstsein. KI aber
kennt Kontrolle, das ist sogar deren Existenzgrundlage, aber sie kennt nicht
Verantwortung, weil diese ein Bewusstsein voraussetzt.
Dieser technische Fortschritt, den zu beobachten ich seit
1975 als Journalist das Privileg hatte, muss in seine Schranken zurückgewiesen
werden. Er hilft uns nicht bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage:
"In welcher Welt leben wir?" Er hilft uns nicht bei der Suche nach
den richtigen Wegen. Google hat darauf keine Antwort. Und der technische
Fortschritt hilft auch nicht den dramatischen Verfall des Vertrauens in die
Politik zu stoppen.
Es wird Zeit, dass wir uns um uns selbst kümmern. Von Mensch
zu Mensch. Ebenso kritisch wie empathisch. Das wird ein sehr schwieriger
Prozess, weil wir dabei vor allem selbstkritisch sein müssen.
Der technische Fortschritt hat in den letzten dreißig Jahren
vor allem den Narzissmus gestützt, die unbeschränkte Eigenliebe, der Nächste,
den wir doch lieben sollen wie uns selbst, ist aus unserem Leben verschwunden,
er erscheint nur noch als Spiegelbild auf unserem Smartphone. Alles ist
imaginär.
"Gebt dem Computer, was des Computers ist, und dem
Menschen, was der Menschen ist." Norbert Wiener, der erste Kybernetiker,
ein Mann, der bestimmt nicht im Verdacht steht, die Technik zu verteufeln, hat
dies vor rund 60 Jahren gesagt, ganz am Anfang einer Entwicklung, deren
Auswirkungen wir nicht mehr verstehen.
Wir müssen diese Trennung, die vielleicht wichtigste
Gewaltentrennung seit 1789, seit der Französischen Revolution, seit der
Erklärung der Menschenrechte, vollziehen. Kontrolle ist die Welt der Technik,
Vertrauen ist die Welt der Menschen.
Wir können uns auf keine Kontrolle verlassen, schon gar
nicht auf die technische. Das erkennen selbst die, die daraus ein
Riesengeschäft gemacht haben und Unmengen an Geldern verbrauchen. Wir brauchen
wieder Vertrauen, das natürlich auch nicht gegen alles schützt. Der Mord an
Fritz von Weizsäcker, der während einer Privatveranstaltung in vertrauten
Räumen ermordet wurde, belegt dies. Aber ohne Vertrauen sind wir verloren - in
einer Welt der totalen Kontrolle, die alle Gewalten auf sich vereint.
Erbarmungslos. Grausam. Unerbittlich.
Die Plakate erstellte 2000 Detlev Bertram, das Material lieferte der Autor
Die Plakate erstellte 2000 Detlev Bertram, das Material lieferte der Autor
Dienstag, 19. November 2019
Mittwoch, 23. Oktober 2019
Fundsache: Bankgebühren 1988 und andere Preise
1988: "Einst wurden die Deutschen mit dem Versprechen kostenloser Transaktionen in die Girokonten gelockt. Jetzt hat die Deutsche Bank die noch verblieben neun Freibuchungen pro Quartal gestrichen."Die Tageszeitung Die Welt am 27. August 1988
Lesen wir daraus folgenden Allgemeintrend: Mit der Digitalisierung wird alles teurer? ich fürchte, wir werden noch staunen. Wir werden total abhängig. Und niemand wird uns schützen.
Als ich dieser Tage meine alte CS6-Flash-Professional-Software öffnete, um damit eine Schriftanimation für ein mit Premiere geschnittene Zeitzeugen-Dokumentation zu erstellen, sagte mir das Programm, dass es die Funktion "auf Ebenen verteilen" nicht mehr "könne". Okay, dachte ich, kein Problem. Auf meinem Rechner läuft ja auch noch CS-5. Aber da war diese Funktion auch tot. Wie aus heiterem Himmel. Was war der Grund? Gestern tat's doch noch alles?
Tja, dachte ich. Deine Flash-Nutzung hat nichts, aber auch gar nichts mit der Anfälligkeit dieses Programms (das Steve-Jobs-Verdikt) zu tun. Deine Flash-Kreationen verschwinden im Video als Video. Warum wird das nicht mehr unterstützt? Soll ich nur noch auf vorgefertigte Elemente zurückgreifen? Muss ich jetzt alles neu lernen? Warum der ganze Mist? Werde ich jetzt systematisch in die "alternativlose" Adobe-Cloud gezwungen? Mein Misstrauen steigt ins Unermessliche.
Die Cloud ist die neue Bankgebühr - ohne Sicherheit. Aber die haben wir bei den Banken auch nicht mehr...
Raimund Vollmer
Donnerstag, 17. Oktober 2019
Facebook vor der Aufspaltung?
Seit längerem wird bereits darüber diskutiert: Make Facebook "small again". Schon im März hatten sich Trump und Zuckerberg getroffen, um über eine mögliche Aufspaltung der Datenkrake zu fachsimpeln. In der US-Politik gibt es viele Stimmern, die zu einer Zerschlagung der Internetriesen wie Facebook aufrufen. Nun gesellt sich auch eine Stimme aus der IT-Branche dazu: Salesforce-Benioff. Er würde Facebook zerschlagen.
IBM schrumpft sich weiter weg
Business as usual bei International Business Machines. Machines? What??
Im 3. Quartal schrumpften Umsatz und Gewinn weiter wie gewohnt. Hoffnungsträger sind die neuen Mainframes der Generation z15, nur kamen sie für dieses Quartal einfach zu spät. Oder wie es Finanz-Chef Jim Kavanaugh bei der Präsentation des spröden Bilanz-Zahlenwerks formulierte: "Our Systems revenue was down 14 percent, primarily reflecting the back end of our z14 mainframe product cycle. We continue to invest to bring new innovation to our platforms, and we announced our next generation of IBM Z, which started to ship the last week of the quarter. Our new z15 has a strong value proposition, and we had a solid start to the cycle, in-line with our expectations." Die Hoffnung stirbt zuletzt – mit der z20...
Im 3. Quartal schrumpften Umsatz und Gewinn weiter wie gewohnt. Hoffnungsträger sind die neuen Mainframes der Generation z15, nur kamen sie für dieses Quartal einfach zu spät. Oder wie es Finanz-Chef Jim Kavanaugh bei der Präsentation des spröden Bilanz-Zahlenwerks formulierte: "Our Systems revenue was down 14 percent, primarily reflecting the back end of our z14 mainframe product cycle. We continue to invest to bring new innovation to our platforms, and we announced our next generation of IBM Z, which started to ship the last week of the quarter. Our new z15 has a strong value proposition, and we had a solid start to the cycle, in-line with our expectations." Die Hoffnung stirbt zuletzt – mit der z20...
Freitag, 11. Oktober 2019
SAP kehrt zur Doppelspitze zurück
Dienstag, 1. Oktober 2019
EuGH verbietet voreingestellte Cookies
Weitreichende Auswirkungen für alle Internetnutzer und zahlreiche Webseitenbetreiber hat ein heutiges Urteil des Europäischen Gerichtshofes. Der EuGH hat entschieden, dass Internetnutzer dem Setzen von Cookies aktiv zustimmen müssen.
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