Eine unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer
Mit der mir eigenen Arroganz stelle ich folgende Behauptung auf: Seit Kriegsende hat sich in dem Deutschland, das sich seit der Gründung 1949 den Namen Bundesrepublik vorausschickt, alle zwanzig Jahre eine neue Mitte gebildet.
- Zwischen 1945 und 1965 herrschte die Adenauer-Generation, die sich selbst 1957 mit der absoluten Mehrheit der Stimmen triumphal feierte.
- Zwischen 1965 und 1985 war es die Generation der Babyboomer, die erst alles auf den Kopf stellte, sich dann 1972 mit der höchsten Wahlbeteiligung aller Zeiten systemtragend präsentierte und ihre Demokratie als sozialliberal definierte.
- Zwischen 1985 und 2005 war es die Generation der Grünen, die sich als Minderheit und dann sogar als Teil der Regierung ideologisch an die Spitze aller anderen „Mitten“ stellte, die einsahen, dass sie argumentativ dieser umweltbewussten Generation nichts mehr entgegensetzen konnten.
- Zwischen 2005 und 2025 erlebten wir in und nach den Merkel-Jahren die allmähliche Erosion der Mitte, die möglichweise sich inzwischen gänzlich aufgegeben hat. Links und rechts entstehen Machtblöcke, die unter sich mehr und mehr das aufteilen, was einmal die Mitte bildete.
Was – so möchte ich mit der mir eigenen Ignoranz fragen – wird nun die Zeit zwischen 2025 und 2045 bestimmen? Immerhin habe ich mir diese Frage selbst durch diese Aufteilung serviert.
Natürlich falle ich zurück in die Haltung aller Menschen, die sich ihrer eigenen Bescheidenheit rühmen wollen: Ich weiß es nicht. Also, jedenfalls müsste ich dies antworten, wenn Sie mich fragen würden.
Da mich aber keiner fragt, kann ich ja in aller Ruhe meine Antwort wagen: Jetzt, in einer Zeit, in der sich die Mitte nicht mehr personal (Adenauer), institutionell und strukturell (Demokratie & Technologie) definiert, aber auch nicht mehr bereit ist, sich klimakatastrophal (Grüne) hinzugeben, stehen wir vor einem völlig neuen Phänomen: Bislang setzten sich neue Mitten immer wie eine weitere Schicht über die vorherigen. Die Babyboomer überlagerten die Adenauerzeit, und das Umweltdenken subsumierte die Kraft der sozialliberalen Mitte. So überstanden wir, die "Mitten", alles – auch den Prozess der Wiedervereinigung. Er war ein gemeinsamer Erfolg von Ost und West, ein Erfolg der Mitte. Generell gesprochen.
Wenn aber 83 Prozent der Bevölkerung kein Vertrauen mehr hat in die Regierung (und jede Regierung, so behaupte ich mal mit all meiner mir eigenen Inkompetenz, würde dieses Misstrauen verdienen), dann zielt das in die Mitte unserer Gesellschaft, wenn es denn diese, also die Gesellschaft, überhaupt noch gibt. Wir haben noch nicht einmal mehr Vertrauen in uns selbst.
Wir haben die Mitte durch eine ausufernde Bürokratie ersetzt, die an alles, was einmal persönliches, bürgerliches Engagement war, sich mit ihren expansiven Systemen und Abläufen gesetzt hat und nun mit Entsetzen feststellen muss, dass sie durch nichts und niemanden mehr geführt werden kann. Jede Reform scheitert. Sie verschlingt sich selbst, um eine Formulierung von Hannah Arendt aufzugreifen. Die alten Mitten haben sich noch selbst geführt, durchaus antagonistisch, sehr demokratisch, mit begrenzten Dominanzdauern. Die Bürokratie hat sich seit den neunziger Jahren mehr und mehr ihrer bemächtigt, untergraben und heimlich in einem Maße ausgeweitet, dass sie nicht mehr ersetzt oder durch eine neue Mitte überlagert werden kann. Zu viele Menschen in zu vielen Berufen, Wirtschaftszweigen und ehedem privaten Beziehungsgeflechten sind davon abhängig. Sie haben jede Verantwortung an die Systeme und Verordnungen, informationstechnisch definierten Prozesse abgegeben.
Das macht eine Beliebigkeit des eigenen, persönlichen Denkens frei, die alle inneren Widersprüche an die Seite drängt und uns gefahrlos an die linken und rechten Ränder verführt. Ohne Verantwortung. Im Grunde genommen entwickelt sich tatsächlich eine neue Mitte, es ist die Mitte der Verantwortungslosigkeit.
Ich möchte – man verzeihe mir die Arroganz – nicht dazu gehören. Und irgendwann – ich werde nächstes Jahr 75 – bin ich ja sowieso alle Verantwortung los. Es sei denn, mein mir eigener Kinderglaube, der noch aus der Adenauer-Zeit stammt, bewahrheitet sich…



