Goethe und der Maschinenmensch
Von Raimund Vollmer
Es war in jener revolutionären Epoche, in der die Menschen
sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien suchten und der Aufklärung zum Triumph
verhelfen wollten, als ein junger Mann namens Johann Wolfgang Goethe (1749–1832)
ansetzte, das bedeutendste Werk deutscher Sprache zu erschaffen: den „Faust“. „Von
vorne herein klar“, war ihm schon 1772 all das, was er an Stoff einbringen wollte,
nur nicht die Reihenfolge, bemerkt der Meister selbst sechs Jahrzehnte später,
am 17. März 1832 in einem Brief an Wilhelm von Humboldt, den preußischen
Gelehrten und Staatsmann. „Der junge Goethe ist sich selbst voraus“, urteilt
der Sprachwissenschaftler Albrecht Weber in seinem Buch „Wege zu Goethes Faust“.
Und so wie er seinem Werk voraus war, sollte dieses Werk seiner Zeit weit
voraus sein – einer Zeit, die er selbst schon als sehr umtriebig empfand. Es
sei „merkwürdig zu sehen, wie in unserer Zeit nichts, auch nur für einen
Augenblick, an seiner Stelle bleiben kann und alles sich, wo nicht verbessert
doch immer verändert“, schrieb er staunend 1797 in einem Brief. Das Zeitalter
der permanenten Transformation hatte begonnen, eine „Zeit, die nichts reif
werden lässt“, ahnt er, weiß er, was auf uns zukommt.Er
sieht tief in unsere Zukunft hinein – in eine Zukunft, der wir im Grunde
genommen seit 250 Jahren hinterher laufen. So sehr wir auch rennen, wir können
diese Zukunft weder einholen noch ihr vorauseilen. „Goethe ist unser
Zeitgenosse“, schreibt die Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ aus Seite 1 ihrer Ausgabe
vom 19. August 1999.
2006: »Google Dir einen Goethe runter«
Wir setzen nur noch die Träume unserer Ahnen um, als hätten
sie uns programmiert.
Wir, die wir doppelt und dreimal so lang leben wie die
Menschen vor 250 Jahre, wir, deren Neugeborene die Chance haben, 150 Jahre zu
leben, wir, die wir alle Zeit der Welt haben und nur noch halb so lang arbeiten
wie die Menschen vor der industriellen Revolution, wir haben keine Zeit zum
Träumen mehr, keine Zeit, um Werke zu schaffen, die über unsere eigene
Lebenszeit hinaus gehen und wirken. Wir bauen keine Kathedralen des Geistes und
des Glaubens mehr. Wir geben Gas. Wir wollen Spaß. Das Quartal ist unser
Zeithorizont. Da packen wir alles hinein. Von früh bis spät. Rund um die Uhr.
Rund um den Globus. Unsere Kosten, unsere Gewinne, unser Wachstum, unsere
Steuern. Und wir schieben das alles hin und her, wie wir es gerade brauchen.
Auf Knopfdruck bewegen wir Millionen, Milliarden, Billionen. Tag für Tag. In
Nanosekunden.
Alles ist heute dem unmittelbaren Nutzen und der schnellen
Verwertung unterworfen. Das ist der Oberbefehl einer Wirtschaftsordnung, die
eigentlich selbst schon längst für unnütz erklärt worden ist. Der italienische
Philosoph Georgia Agamben (*1942) folgert: „Deshalb führt die Ökonomie entweder
nirgendwohin oder, wie die Geschichte der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts
und die derzeit herrschende Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstums
zeigen, zur Zerstörung des Lebens, dessen sie sich angenommen hat.“
–
1797: „... und mit Geisteskraft tu' ich Wunder auch.“
Der französische Publizist Jean–Jacques Servan–Schreiber
(1924–2006) meinte 1970 weitaus optimistischer: „Es hat Jahrtausende gedauert,
den Menschen von den Unbillen der Natur zu befreien; den Menschen von der
Wirtschaft zu befreien; das wird die Aufgabe einer Generation sein, der
unsrigen.“
Ganz einfach „Menschen zu sein“, hatte sich Goethe am 12. März 1828 im Gespräch
mit Eckermann für das 20. Jahrhundert gewünscht. Vielleicht schaffen wir es im
21. Jahrhundert.
Sonderlich angestrengt haben wir uns dabei bislang nicht.
Die Wirtschaft dominiert alles – eine Erkenntnis, die ein Denker wie Karl Marx
(1818–1883) voll akzeptierte und bis heute unbestritten zu sein scheint.
Die Abhängigkeit von der Ökonomie ist sogar eher gestiegen. Nach wie vor gilt
also der Satz des 1922 ermordeten deutschen Außenministers Walther Rathenau: „Die
Wirtschaft ist unser Schicksal.“ Die Zeit, die es braucht, um sich aus diesem
Schicksal zu befreien, wird auf jeden Fall länger dauern als eine Generation,
länger als zwei oder gar drei Generationen. Vielleicht gelingt die Erlösung
noch in diesem Jahrhundert, vielleicht auch niemals.
Mitten in der Finanzkrise 2009 erinnerte der damalige
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (1942-2023) an den Superökonomen Joseph
Schumpeter. Dieser habe gesagt: „Der
Kapitalismus sei auf ein gelingendes soziales Leben angewiesen, das er nicht
nebenbei aus dem Ärmel schütteln könne“. Schumpeter habe vor der „Zersetzung
der schützenden Schichten und Institutionen“ durch den Kapitalismus gewarnt. „Die
Rationalisierung des gesamten Lebens führe zu einer Art unausgesprochener
Kostenrechnung auch im Privatleben und ziehe dadurch zwei verhängnisvolle
Entwicklungen nach sich: den Aufstieg des Konsumenten und den Abstieg der
Familie.“
Die Folgen wären – wie wir bis heute spüren – fatal. Wir werden zu Objekten
einer total durchkalkulierten und algorithmisierten Wirtschaft, die uns als
Subjekt gar nicht mehr wahrnimmt. Wir gehen auf in Big Social Data.
»Hätte Goethe einen Facebook-Account?«
„Eine ziemlich lange Rumpelstrecke“ läge vor uns, meinte
2008 der Zukunftsdenker Meinhard Miegel, um sofort hinzuzufügen: „Die dann
folgende historische Phase könnte jedoch spannender, lohnender und
menschenwürdiger werden als diejenige, die die Menschheit in den
zurückliegenden 150 Jahren durchlebt hat. Voraussetzung hierfür ist aber, dass
wir unsere Sicht– und Verhaltensweisen ändern. Wir müssen uns von unseren
derzeitigen ökonomischen Prägungen lösen und anderen Dingen mehr Raum geben.
Die vielen Facetten unserer Kultur müssen wieder in ein ausgeglicheneres
Verhältnis zueinander gebracht werden.“
Auf jeden Fall müssen wir Geduld haben und die Entwicklung über lange Zeiträume
beobachten. Wie Goethe.
Oder wie der große britische Nationalökonom John Maynard
Keynes (1883–1946), der – so wurde es in seinem Todesjahr festgehalten – einmal
meinte: „Der Tag ist nicht mehr fern, an
dem das ökonomische Problem auf die hinteren Ränge verbannt werden wird, dort,
wohin es gehört. Dann werden Herz und Kopf sich wieder mit unseren wirklichen
Problemen befassen können – den Fragen nach dem Leben und den menschlichen
Beziehungen, nach der Schöpfung, nach unserem Verhalten und nach der Religion.«
Wird also mehr und mehr wahr, was
Keynes vorausahnte? Hinter uns stünde dann eine vollautomatische
Wirtschaftswelt, die auch ohne uns auskäme, ohne unser Eingreifen. Es wäre ein
Welt, die voll und ganz auf dem technologischen Wandel basiert, der letztlich
im großen Finale nur dazu dient – uns zu dienen, damit wir endlich frei sein
können. Das ist die große, endgültige Utopie, die seit der Industriellen
Revolution immer wieder in unterschiedlichster Form beschrieben wird. Sie
verheißt den Himmel auf Erden, die letzte Hoffnung. Vielleicht sogar mit dem
Ausblick auf ewiges Leben. Auf Erden.
Ist es das wirklich das, was wir uns
wünschen?
Halleluja, sag i.
Bis es soweit wäre, werden wir den technologischen
Fortschritt immer wieder als „erdbebenartigen Wandel“ erleben und empfinden. Er
erscheint uns schon jetzt so gewaltig, dass wir ihn in seiner Bedeutung gar
nicht mehr erfassen. Die Wahrheiten, nach denen Forschung und Wissenschaft
streben, seien längst „zu kurzlebig geworden, als dass sie diesen Namen noch
verdienten“, meinte 1996 Lorraine Daston, renommierte amerikanische Wissenschaftshistorikerin
am Max-Planck-Institut in Berlin.
„Das erste Geschäft der Wissenschaft ist nicht die Wahrheit, sondern die
Widerlegung von Irrtümern“, konstatierte 1992 der Historiker und
Englandforscher Kurt Kluxen.
»Wäre Goethe heute Sozialdemokrat?«
Wird es in einer Welt ohne Wahrheiten und voller Irrtümer
wenigstens noch die Dichtung geben? „Goethe“ – so schreibt 1988 der
Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski (*1945) – „will in seiner Person
noch einmal zusammenhalten und verbinden, was die mächtigen Tendenzen des
Zeitalters auseinanderreißen: analytischen Verstand und schöpferische
Phantasie, abstrakten Begriff und sinnliche Anschauung, künstliches Experiment
und gelebte Erfahrung, mathematisches Kalkül und Intuition.“
Und irgendwie findet sich das alles wieder in seinem „Faust“. 1806 schrieb
Goethe über den überall spürbaren Aufschwung von Wissenschaft und Technik: „Nirgends
wollte man zugeben, dass Wissenschaft und Poesie vereinbar seien. Man vergaß,
dass sich Wissenschaft aus Poesie entwickelt habe, man bedachte nicht, dass
nach einem Umschwung der Zeiten beide sich wieder freundlich, zu beiderseitigem
Vorteil, auf höherer Stelle, gar wohl wieder begegnen könnten.“
Der Autor von „Dichtung und Wahrheit“, dieser Johann
Wolfgang von Goethe, nahm sich zumindest jede Menge Zeit für sein Hauptwerk. Als
sei „sein ganzes Leben eine einzige Vorbereitung auf dieses Werk“ gewesen,
würdigt ihn der „Economist“, der in seinem wöchentlichen Angebot wie wohl kein
anderes Wirtschaftsmagazin ständig changiert zwischen analytischen Verstand und
schöpferischer Phantasie.Goethe
würde das Blatt abonnieren, so, wie der Meister einer der ersten Leser des
Buches „The Wealth of Nations“ von Adam Smith war. Goethe war an allem
interessiert.
60 Jahre brauchte der Dichter, bis er die zweiteilige
Tragödie des Fausts vollendet hatte – von der er wohl selbst nicht wusste, was
sie vor allem in ihrem zweiten Teil wirklich war. War es „ein Mysterienspiel,
Kultur–Digest, vielleicht auch nur ein Jux, den sich Goethe mit dem Abendland
machen wollte“, wie es 1966 der linksliberale Journalist Erich Kuby im Magazin
'Der Spiegel' meinte?War es gar „die Bibel der Deutschen“, wie es Heinrich Heine formulierte?
Für den Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann war es auf jeden Fall „unser
größtes Gedicht“.
– 2014: »In Genie hat Goethe achtzehn Punkte«
Der erste Teil war 1829, drei Jahre vor seinem Tod in
Braunschweig uraufgeführt worden. Der zweite Teil, der nach seinem Willen erst
posthum veröffentlicht werden durfte,
kam 1852–1854 auf die Bühne – und das auch nur abschnittsweise.
In diesem Theaterstück lässt Goethe eine Zeit an sich
vorüberziehen, in der der Westen begann, alles
neu zu erfinden – bis hin zu einer ganz anderen Wirtschaftsordnung. „Was
das Denken unserer Zeit bestimmt, ist damals entstanden“, befand 2004 der
deutsche Theaterregisseur Claus Peymann, als die 'Frankfurter Allgemeine' ihre
Leser an die Uraufführung erinnerte. So reißt auch die Regisseurin Christina
Paulhofer ihren Goethe vom Sockel und stellt ihn despektierlich in unsere Zeit:
„Johann-Wolfgang, wir lieben Dich und wollen Dich als Türsteher und Bodyguard
unserer Faust-II-Party“.
Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zu der 2013 veröffentlichten
Filmkomödie „Fack ju Göhte“.
Der Germanist Gerhard Kaiser schreibt: „Im gleichen
Zeitraum, in dem Goethe die Faust–Konzeption entwickelte und verwirklichte,
wurde die Dampfmaschine von James Watt funktionstüchtig – ein Symboldatum für
den beginnenden Großverbrauch der Kohle, versteinerter Urwälder, die sich in
geschichtlicher Zeit nicht regenerieren. Der Verschleiß der Ressourcen beginnt.“
Faust ist ein „Fortschritts–Phantast“, vor allem im zweiten Teil dieses Dramas
scheint der Dichter alles vorwegzunehmen, was bislang an Umwälzungen in diesen „ersten“
250 Jahren des dritten Jahrtausends auf uns zukam. (Der Autor dieser Zeilen vertritt
die These, dass das dritte Jahrtausend bereits um 1750 herum entstand.) Vier
Jahre vor der Lehmann–Pleite und der Finanzkrise erinnert der Regisseur
Matthias Günther an die unglaublichen seherischen Fähigkeiten des Dichters: „Wertpapiere,
die sich mitunter autonom von der übrigen Wirtschaft entwickeln (Kaiserliche
Pfalz), Gentechnologie und Stammzellenforschung (Laboratorium), der
Bildungstourismus (Walpurgisnacht)...“
1970:
»Pessimisten sehen bereits die Zeit kommen, in der alle Menschen mehr oder
weniger an einem riesigen System hängen, das ihre Lebensfunktionen erst
ermöglicht.«
„I do what I do, what I do, what I do, what I do“, lässt die
amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein (1974-1946) ihren Dr. Faustus in
ihrem Theaterstück erklingen, in dem der große Gelehrte sogar das Licht
erfindet. „Dr. Faustus lights the light“, heißt das Stück, das als Libretto
geplant, aber bis 2016 nie als Oper aufgeführt wurde. Es endet als
Nonsense-Spektakel. Was soll man denn heute auch noch dem „Faust“ hinzufügen?
Hier ist alles gesagt.
Goethes Ahnungen weisen weit über die zu seinen Lebzeiten
anbrechende und die Dominanz der Agrarwirtschaft ablösende Industrialisierung
hinaus. Der primäre und der sekundäre Sektor füllen sich. Der Dichter dachte
sich offenbar bis in unsere Zeit hinein, wenn Gerhard Kaiser 1994 den „Faust“
so interpretiert:: „Gen– und Atomingenieure, Informatiker und Umwelttechniker
verheißen die tertiäre Superkultur, die ökologisch mit dem sekundären System
aufräumt, das die alte Erde überzogen hat.“ Aber wir streben ja längst schon
weiter – in ein quartäres System, in dem alles der Null und der Eins
unterworfen ist, alles funktioniert – ohne uns. Als Version 4.0 wurde es abgedroschen
und schon wieder vergessen. In Wirklichkeit war es ein mageres Stück billigen
Fortschritts, das der Zukunft hoffnungslos hinterherlief. Und der KI wird es
nicht anders gehen. Wie schon so in den letzten 250 Jahren verwechseln wir Fortschritt
mit Zukunft.
21. Oktober 1765: »Meldet mir, was für ein Leben Ihr lebt!«
Johann–Wolfgang Goethe, deutscher Dichter, an seinen Freund Johann
Jakob Riese
Wir Menschen sind schon viel weiter. Wir wissen es nur
nicht, aber wir ahnen vielleicht (und hoffentlich), dass dies nicht das letzte
Wort ist. Manchmal könnte man meinen, dass die alten Mächte in Staat,
Wirtschaft und Religion vor diesem Wechsel eine Heidenangst haben. Was wir
erleben, sind Nachhutgefechte.
Die Agrarwirtschaft, den Primärsektor, haben wir weit hinter
uns gelassen – so weit, dass unsere Politik ihn schon vergessen hat. Noch
protestieren die Bauern. Die Industrie, der Sekundärsektor, entfernt sich
ebenfalls von uns und ist dabei, seine Aufgaben den Robotern und deren
Steuerungen zu übereignen – und den staatlichen Subventionen. Selbst die
tertiäre Subkultur, die Dienstleistungen und die Bürokratie, haben ihren
Höhepunkt überschritten. Sie sehen schon ihrem Wärmetod entgegen.
Eine vierte Epoche bricht an – eine, die vielleicht all das
verschlingt, was vor 250 Jahren begann, eine Epoche, die möglicherweise sogar
uns, die Menschen, schluckt. Friedrich Hölderlin (1770–1843) hatte bereits über
uns, seine Landsleute, im „Hyperion“ geurteilt: „Handwerker siehst du, aber
keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen,
Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht
wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und Glieder zerstückelt untereinander
liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?“ Aus Sand
gewinnen wir das Silizium, das Rohmaterial der Digitalisierung, in das wir
unser ganzes funktionales Wissen hineinstopfen.
„Lesen, Lernen, Lifestyle“ – unter dieser Überschrift
verkündete 2005 das Goethe-Institut das Ziel, seine Bücher abzuschaffen. Alles
wird digitalisiert. Nicht nur der Lifestyle. Warum nicht auch das Leben an
sich? Wann kommt der neue Mensch?
2005: »Wenn Goethe Pop ist, dann ist Schiller Rock.«
Im „Faust II“ erweckt der Famulus Wagner „nach den
erhaltenen Rezepten des Paracelsus“ ein „chemisches Menschlein“, den
Homunculus, zum Leben, der nach Meinung des Schriftstellers Norbert Bormann,
für Goethe „eine Art dämonischer Übermensch“ darstellt. Bormann berichtet in
seinem 2001 erschienenen Buch „Frankenstein“, dass im 18. Jahrhundert, also vor
250 Jahren, „ein erster Boom künstlicher Menschen“ in der Literatur erscheint,
nachdem dieses Thema seit Homer, seit der Antike, immer schon die Dichter
bewegt hat. Vielleicht lag das Thema so in der Luft wie die Erfindung der
Dampfmaschine in jener Zeit.
Damals, 1777, schreibt Goethe eine – wie er es nannte – „dramatische
Grille“, in der sich ein Prinz in eine für ihn lebendige Puppe verliebt. „Der
Triumph der Empfindsamkeit“, heißt das Stück, das 1778 uraufgeführt wurde. Ein
Jahr später veröffentlicht der Schriftsteller Jean Paul den Aufsatz „Der
Maschinenmann nebst seinen Eigenschaften“. In diesem Essay prophezeit er, dass
der „Mensch auf eine viel höhere Stufe der Maschinenhaftigkeit“ rücken werde. „Statt
der fünf Sinne“ habe der Mensch „fünf Maschinen“, alles ist künstlich, der
gesamte Mensch. „Er behielte nicht einmal sein Ich, sondern ließe sich eines
von Materialisten schnitzen“. Am Ende stünde über allem „ein guter Kopf“, der „die
Erde übersähe“, ein Wesen, das umso „vollkommener ist, je mehr es mit Maschinen
wirkt und je mehr es Arme, Beine, Kunst, Gedächtnis, Verstand außer seinem Ich
liegend sieht und alles das nicht mit sich zu schleppen braucht“. Alles ist da.
Die Roboter. Die Computer. Das Internet. Die Agrarwirtschaft ist überwunden,
die Industrie, die Bürokratie – das Paradies scheint angebrochen. Doch in
Wahrheit ist es eher die Hölle. Denn die Menschen hätten nur noch ihre Ängste,
wären apathisch und willenlos: „Nichts sein und alles können“, wäre unser
Schicksal. Über allem stünde der
Maschinenmann.
Auf die selbstgestellte Frage, was denn dessen Name sei,
antwortet Jean–Paul: „das achtzehnte Jahrhundert oder der Genius des 18. Jahrhunderts.“
In der Tat – dieser „Genius des 18. Jahrhunderts“ steuerte
sich in dieses Jahrtausend hinein, in eine Epoche, die sich selbst denkt,
selbst lenkt. Vollautomatisch. Voll traumatisch.
Es ist dieses Jahrtausend, an dessen Ende der letzte Rest
dessen erfunden sein wird, was sich unsere Ahnen erträumt haben – und in dem
wir uns selbst eine völlig neue Rolle zugewiesen haben werden müssen, wenn wir
nicht untergehen wollen. Wird dann deswegen nichts mehr erfunden, weil es uns
gar nicht mehr gibt? Schaffen wir uns selbst ab? Scheitern wir ohne dass uns –
wie Faust – Erlösung gewährt wird? Bei Jean Paul gibt es diese Erlösung nicht
mehr. Denn der Leser seines Essays ist – wie er am Schluss offenbart – „der – – Maschinenmann selbst“.
Noch sind wir da, aus Fleisch und Blut. Beseelt von uns
selbst. Aber die Maschinen sind längst bei uns eingefallen. Sie sind bei uns
zuhause. Irgendwann, vermutlich sogar in den nächsten hundert Jahren, werden
sie unsere Doppelgänger sein, ganz so wie sie 1916 der deutsche Schriftsteller
Hermann Kasack (1896-1966) vorhergesehen
hat – noch als „mechanische Doppelgänger“, nicht als elektronische.
Eines dieser Wesen wird dann uns folgendes, ganz persönliches Angebot machen: »Wie angenehm wird es für Sie sein, wenn Sie
sich erst einen mechanischen Doppelgänger von sich halten – oder besser, wenn
Sie gleich zwei Exemplare von sich zur Verfügung haben. Sie könnten
gleichzeitig verschiedene Dienstreisen unternehmen, an mehreren Tagungen
teilnehmen, überall gesehen werden und selber obendrein ruhig zu Hause sitzen.
Sie haben einen Stellvertreter Ihres Ich, der Ihre Geschäfte wahrscheinlich
besser erledigt als Sie selbst. Sie werden das Doppelte verdienen und können
Ihre eigene Person vor vielen Überflüssigkeiten des Lebens bewahren.«
Am Ende werden wir selbst überflüssig. Die Welt ohne uns.