Das Genie ohne Genie
Eine Maschine arbeitet. (Für uns.) Ein Automat
spielt. (Für sich.) Das ist der Unterschied. Die Maschine ist Mittel, vor allem
Produktionsmittel. Der Automat ist Zweck, vor allem Selbstzweck. Die Maschine
ist Roboter. Der Automat ist Künstliche Intelligenz. Die Maschine realisiert.
Der Automat simuliert. Die Maschine ist Potential. Der Automat aber ist Macht. Macht
ohne uns, aber über uns. Über die Zukunft.
So könnte man mit festem Blick auf die Entwicklung der ersten
250 Jahre unseres Jahrtausends fabulieren. Im 18. Jahrhundert – also zu der Zeit, in der
unser Jahrtausend in Wirklichkeit bereits begann – war es der feudale Hofstaat,
der für sich die schöne Welt der Automaten entdeckte. Sie waren ihm edles
Spielzeug, exklusives Kunstwerk, köstliches Amüsement. Sie waren ihm aber auch
Imitation der eigenen, in sich geschlossenen Welt. Die Automaten „stellten
nichts her, sie stellten sich dar – ganz so wie jene Aristokraten, zu deren
Zerstreuung sie geschaffen worden waren“, meinte 1997 der Philologe Jörg
Ludersleben.
Gerade „in der Spätzeit des Ancien Régime“ seien diese „nutzlosen
Apparaturen“ sehr in Mode gewesen, sagt er.
Sie simulierten das höfische Geschehen, den Hofstaat, der ja wie eine „autopoietische
Maschine“ funktionierte, „als ein System, das allein zu seiner Selbsterhaltung
da ist“, befand Ludesleben. Starr und wie programmiert, eben absolut
beherrscht. Der Automat war Luxus pur, ein Sonderfall der Technik, jenseits von
Gut & Böse. Trotz aller technischen Raffinesse und Feinmechanik, aller
Aufklärung und Rationalität war der Automat aber immer auch ein faszinierendes
Wunderwerk, ein Stück Magie, das Dinge tat, die bislang allein dem Menschen
vorbehalten waren. Diese Puppen tanzten und musizierten wie wir. Ja, sie
beherrschten sogar die Schreibkunst. Irgendwann würden sie sich vielleicht
selbst die Programme schreiben – übrigens, ohne uns vorher zu fragen.
So hatte der in Ludwigsburg geborene Hofmechanikus Friedrich
von Knaus 1760 einen künstlichen Schreiber erfunden, einen Automaten, der ohne
menschliches Dazutun 68 lateinische Buchstaben kritzeln konnte, einzig und
allein gesteuert von einer Trommel. Es war eine Puppe, die nach einer
Beschreibung aus jener Zeit, an einem kleinen Pult saß und eine Feder in ein
Tintenfass tauchte. Sie schüttelte dann die überflüssige Tinte ab und schrieb „alles,
was man ihr vorsagt, nieder“, berichtete der IBM–Wissenschaftler Karl Ganzhorn
(1921–2014) in seinem mit Wolfgang Walter verfassten Büchlein „Die
geschichtliche Entwicklung der Datenverarbeitung“, erschienen 1975, also zu
einem Zeitpunkt, als sich die Welt – in der Zeitgenung dieses Gedankenexperiments
- auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten begann.
Bei ihrer Premiere zu Ehren des österreichischen Kaiser
Franz I. twitterte die „alles oder selbstschreibende Wundermaschine“ eine
Mitteilung in französischer Sprache. Und Chronisten berichten, so Ganzhorn,
dass „halb Europa kam, um diese wundersamen Apparate zu bestaunen“.
Es war natürlich das feudale Europa, das da
kam, nicht das proletarische. Es kam die Herrschaft. Sie kam auf eigenen
Wunsch. Noch konnte der Automat nicht befehlen. Noch war er sich selbst genug. Auch
wenn er sich dessen nicht bewusst war. So wie ein Buch sich seines Inhalts
nicht bewusst ist, so weiß auch ein Automat über sich selbst nichts. Aber er
kann sich selbst lesen – ohne sich zu verstehen. Ein Genie ohne Genie.
Im Anfang ist immer das Wort, die Schrift, der Befehlssatz,
die Steuerung, die Software, diese „immaterielle Ware“, wie es – ebenfalls 1975
– in einem Büchlein namens „1000 Fachworte Datenverarbeitung“ heißt. Noch war
diese Software in der Anfangszeit der Automaten fest verdrahtet, doch bald
sollte sie sich – über Lochkarten und Lochstreifen, über Magnetbandspulen und Festplattenspuren
– virtualisieren. Diese „immaterielle Ware“, diese Software, ist heute das
teuerste und kostbarste Wirtschaftsgut der Welt, ohne dass wir auch nur
annähernd ahnen, wieviel Geld wir schon weltweit darin investiert haben. Längst
steuert sie unsere Welt bis in den Weltraum hinein. Tag für Tag. Rund um die
Uhr. Pausenlos. Atemlos. Seelenlos. Gewissenlos. Aber keineswegs fehlerlos –
mit durchaus tödlichen Folgen, wie wir niht erst seit dem Absturz der Boeing
737 Max wissen.
„Technik kann verstanden werden als die Gesamtheit der
Hilfsmittel über die der Mensch bei seiner planvoll geleisteten Daseinsvorsorge
verfügt“, definierte 1984 in ehrwürdig
gedrechselter, akademisch wohllautender Hochsprache der Soziologe Friedrich
Fürstenberg (1930-2023), Universität Bochum. „Damit bleibt sie aber auch stets
an das Tun des Menschen gebunden, denn sie ist und bleibt von den Zielen
abhängig, die er sich setzt.“
Wir stehen vor dem Phänomen, dass dies für Software – dem Geist aller Technik –
nicht unbedingt gilt. Ihr sind wir egal. Sie ist uns irgendwie unheimlich.
Fragte sich 2001 der Kunsthistoriker Norbert Borrmann (1953–2016): „Was für ein
Fachmann würde z.B. noch die komplexe Hard- und Software eines Computers erklären
können?“ Schließlich nennt er die Kybernetik, deren zentraler Bestandteil
Software ist, „eine Überwissenschaft“, die über allem thront und sich selbst
spielt.
Ja, die Kybernetik hat etwas Außermenschliches an sich ein Begriff aus der Welt
des Jahrhundertökonomen Friedrich von Hayek (1899–1992), der damit die Gesetze
des Marktes meinte, der aber auch die Sprache ins Außermenschliche verlagerte.
In der Welt der Software geschieht alles von allein, sie wirkt
selbst wie ein handelndes Subjekt: „Der PC telefoniert, macht Musik und
empfängt Filme. Gleichzeitig berechnet er die Steuererklärung, erledigt
Bankgeschäfte und bucht den Urlaub“, schrieb 1996 der Fachverband
Informationstechnik von VDMA und ZVEI (heute vereint im Bitkom) in einem
kraftstrotzenden Positionspapier zum Thema „Wege in die
Informationsgesellschaft“.
Dann träumte sich der Verband von einer „drahtgebundenen Infrastruktur“ in eine
„satellitengestützte Infrastruktur“, also in das nächste Big Thing, das
gewaltige Kapitalinvestitionen erfordern würde, aber auch hohe Renditen bringen
sollte. Satelliten seien „die Knoten der geplanten drahtlosen Netze für die
mobile Sprach- und Datenkommunikation. Am Ende soll jeder Teilnehmer mit seinem
Handy unter einer persönlichen Rufnummer überall auf der Erde erreichbar sein“,
schrieb 1995 der 'Spiegel'.
Dahinter stand ein großer Plan.
Der Markt entschied anders. Er folgte nicht einer
himmlischen, sondern einer irdischen Idee. Stattdessen funkten nämlich die
handlichen Smartphones und die ländlichen Mobilnetze. Über sie hatte die
Telekom-Szene bereits seit 1969 gesprochen, als der amerikanische Telefonriese
AT&T die erste Lizenz erwarb. „Smart phones emerge“, titelte 1983 die
amerikanische Fachzeitschrift ‚Datamation‘. Völlig
überraschend war diese Neuerung also keineswegs.
Diese Netze mit der Lizenz zum Gelddrucken sollten sich gleichsam selbst bauen.
So entstand ein weltumspannender Automat mit der Cloud als Hauptbahnhof, auf
dem sich alles trifft, was Nullen und Einsen hat.
Schon 1981 hatte das britische Wirtschaftsmagazin 'The
Economist' geschrieben: „Die Unterscheidung zwischen der Fernmeldetechnik und
dem Computer ist nun technologischer Unsinn.“
Das war zu einem Zeitpunkt, als überall in der westlichen Welt die ersten
Feldversuche mit zellularen Fernmeldenetzen gestartet wurden. Die neuesten
Wunderwerke der Software. Mehr als eine Generation später, 2017, sollte sie der
'Economist' „softwaredefinierte Netze“ nennen, Netze, die komplett
virtualisiert seien.
Das war ein ganz anderes, ein eher terrestrisches Konzept, das da die Erde über den Satelliten-Himmel
triumphieren lassen sollte. Statt sich ins Weltall zu katapultieren, würden die
Funksignale unterwegs im Abstand von ein bis zwei Meilen von Antenne zu
Antenne, von Zelle zu Zelle hüpfen. Automatisch, geschaltet in einer
zwanzigstel Sekunde. „Ein weltweites Gerangel um die Einführung dieser
zellularen Funksysteme bahnt sich an“, schrieb die Londoner 'Financial Times'
1982. Denn Anbieter aller Couleur wollten hier mitmischen. Dieses Geschäft
sollte auf keinen Fall allein den
Telekoms überlassen werden. Schon sei eine zweite Generation im Gespräch, die
Anfang der neunziger Jahre in Betrieb gehen würde, hieß es: Das System wird „digitale
Technologie benutzen und Daten gleichermaßen handhaben wie Sprache“, schwärmte 1982
die 'Financial Times' von einem Netz, das in Europa von Skandinavien bis
Süditalien reichen würde.
Software eroberte den Luftraum.
Denn
eins war klar: Ob Sprache oder Daten – ohne die Vermittlung durch Software
würde dieses Netz nie funktionieren. Egal, ob national, international oder
global. Vor der Software sind alle gleich. Und was die Satellitentechnik
anbelangt, die verlockte schon in den siebziger Jahren zu Träumereien. Mächtige
Computersysteme, suprageleitete, tiefstgekühlte Software– und Datengehirne,
würden als künstliche Gestirne an den Himmel geheftet und uns als Cloud dienen.
Eine Idee, die übrigens immer noch herumgeistert. Die Steuerung des Menschen
aus dem Weltall – zumindest seiner Systeme.
Software ist Macht. Mehr und mehr.
Software ist der Geist in der Maschine, sie herrscht in
Automaten, sie steuert Netze. Sie alle können heute ohne Software nicht mehr
sein. Sie werden eins. Ohne uns. Denn sie reden auch ohne uns miteinander. Mehr
und mehr.
Was aber ist Macht, was ist Software?
„Soziale Prozesse im Sinne eigener Zielsetzungen zu
beeinflussen, gleichgültig, auf welchen Bereich sich diese Möglichkeit
erstreckt und in welchem Maße sie vorhanden ist“, das ist Macht, definierte
1967 der deutsche Marktsoziologe Hans Albert (*1921), Universität Mannheim.
Das klingt banal, war es aber nie, wie wir wissen. In der Gestalt von Software
bekommt Macht eine verführerische Fernwirkung, die tief in unseren ganz
profanen Alltag hineinwirkt – mit Zielsetzungen, die plötzlich ihr Eigenleben
entwickeln. Es fängt zumeist ganz harmlos und im Vollbesitz der Vernunftkräfte
an – und endet zum Beispiel in einem handfesten, milliardenteuren
Dieselskandal, für den keiner verantwortlich zeichnen will. Warum auch? Der VW
läuft und läuft und läuft. Ganz automatisch. Allein darauf kommt es an. Das
Fehlverhalten von einigen Managern und Mitarbeitern hat damit nichts zu tun. „Das
Wunder von VW“, nannte dies 2018 voll bissiger Ironie die 'Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung'.