Zum Tode von Jürgen Habermas (1929-2026)
Talk about my gegegegeneration
Von Raimund Vollmer
Ich habe diesen Eintrag am 15. März eingestellt und am 16. März noch einmal überarbeitet.)
Es war wohl eine Pflegerin, die meiner Familie empfohlen hatte, mir ein Buch ins Krankenhaus zu bringen, zu dem ich eine besondere persönliche, intellektuelle Beziehung habe. Ich war damals nach zweieinhalb Wochen aus einem künstlichen Koma erweckt worden. Es war dann meine älteste Tochter, die mir das Buch „Theorie und Praxis“ von Jürgen Habermas brachte, in das ich bis heute immer wieder hineinschaue – und das längst einen entsprechend zerlesenen und von vielen Unterstreichungen gekennzeichneten Eindruck macht. Das Thema, das mich damals wie jetzt faszinierte, war die Sozialphilosophie. Erworben habe ich dieses Buch am 3. April 1971 – vor 55 Jahren. Es kostete 21 DM, und erschienen war es bei Luchterhand in der 3. Auflage 1967, die erste Auflage stammte von 1963. Gekauft habe ich es damals in der Buchhandlung Kocher in der Wilhelmstraße von Reutlingen - ohne zu ahnen, dass ich zehn Jahre später hier bis zum Ende meines Lebens wohnen werde. (Die Buchhandlung Kocher gibt es nicht mehr.)
Vielleicht wird es Zeit, dass ich wieder aus einem Koma erwache.
Ich war damals noch Schüler in Düsseldorf. Das Buch hat mich von Anfang an fasziniert. Und ich wusste nicht warum. So sprach ich in einer großen Pause darüber mit meinem Philosophie-Lehrer: „Ich weiß nicht, was dieser Habermas eigentlich will“, sagte ich. Er schaute mich erstaunt an und antwortete: „Dann haben Sie ihn verstanden.“ Ich war perplex. Ich hatte ihn also verstanden, weil ich ihn nicht verstanden hatte. Verrückt. Aber so ging es mir in der Folge immer wieder – nicht nur bei der Lektüre dieses Buches, sondern auch bei anderen seiner Werke. Allein in meinem Archiv befinden sich 312 Dokumente von ihm und über ihn. Ich habe ihn verehrt und bewundert.
Vielleicht wird es Zeit, dass ich in den Dokumenten wieder lese (womit ich inzwischen begonnen habe).
Da fand ich dann auch ein Gespräch mit ihm und anderen in der Wochenzeitung „Die Zeit“, die ich ebenfalls jahrzehntelang geschätzt habe (heute allerdings weniger, weil "Die Zeit" ebenso wie alle Publikationen zu sehr selbstmarketinggetrieben sind und damit zu reinen Geschäftsmodellen verkommen). Der Artikel war von 1993. Und in der Vorstellung der Gesprächspartner wird von Habermas' Büchern neben dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ meine geliebte „Theorie und Praxis“ genannt.
Das hat mich gefreut, denn dieses Buch hat mich mein Leben lang begleitet.
In dem Gespräch reflektiert Habermas das Jahr 1977, das Jahr des „deutschen Herbstes“. „Natürlich war die Entführung und Ermordung Schleyers durch linke Terroristen grauenhaft. Aber die Reaktion darauf war erschreckend, es herrschte eine Pogromstimmung in Deutschland.“ Da ist etwas dran. Als damals 25jähriger junger Mann wurde ich bei jeder Gelegenheit kontrolliert. Einmal stand im Hintergrund ein Uniformierter mit einer Maschinenpistole in der Hand. Es war beleidigend. Ich stand unter Generalverdacht wie meine Genartion überhaupt.
Das war die Praxis – ohne Theorie.
Der Staat zeigte mir seine bloße, nur notdürftig legitimierte Macht. Und nicht nur mir zeigte er sie, er zeigte sie meiner Generation, die dies mit Entsetzen wahrnahm. Dieser Generalverdacht war abscheulich. So etwas wollten wir nicht. Der Staat war vor allem dazu da, den Bürger zu beschützen (Thomas Hobbes, den ich erst durch Habermas kennenlernte), nicht uns zu bedrohen - auch wenn er vorgab, uns damit beschützen zu wollen, um dann doch nur Macht auszuüben (Carl Schmitt). Letzteres war mit uns nicht zu machen, weil der Staat dann dazu neigte, übergriffig zu werden. Und das Grundgesetz war ja dazu da, uns vor einem solchen Staat zu schützen. Das Volkszählungsurteil des Bundesverassungsgericht von 1983 wies den Staat in seine Grenzen.
Einer wie Habermas meinte 1993, zehn Jahre nach dem Urteil, dass „eine Generation herangewachsen ist, die das Klima, die politische Einstellung verändert“. Und diese Hoffnung war so stark, dass er "erstmals" bis 1989 „das Gefühl“ hatte, „dass ein Rückfall in der Bundesrepublik nicht mehr möglich“ sei. Nie wieder Nazis (und nicht nur Faschismus).
So ging es mir auch - als kleiner Bundesbürger. Je mehr die Menschen meiner Generation in die Verantwortung genommen wurden, desto größer war auch mein Vertrauen in uns – egal, ob der Kanzler Helmut oder Helmut hieß, Schmidt oder Kohl. Mit uns war kein „Staat“ alter Prägung mehr zu machen.
So dachte ich.
Dann kam die Wiedervereinigung, das Jahr 1989. Was für ein Glück! Ein kurzer Moment. Denn schon bald war das vereinte Deutschland wieder geteilt.
Keine vier Jahre nach dem Fall der Mauer sah Habermas „auf der einen Seite die Rückkehr, antisemitischer, rassistischer und fremdenfeindlicher Stereotypen" und auf der anderen Seite, "dass im Westen die Mehrheit der Deutschen unter fünfzig auf eine selbstverständliche Weise liberal ist. Sie mussten sich das nicht mehr einimpfen, sie haben es in den Fingerspitzen.“
Das war keine besondere Leistung: dieses Gefühl in den Fingerspitzen. Dachten wir. Vielleicht haben wir es deshalb auch zu wenig gewürdigt. Es war für uns selbstverständlich, unerschütterlich. Das ist es aber nicht, wie wir heute wissen.
Wir hatten es deshalb in den Fingerspitzen, weil es unter unseren sehr kritisch beäugten Eltern und Großeltern eben solche Menschen wie Jürgen Habermas gab (mit dem ich nichtsdestotrotz in den letzten Jahren auch stark gehadert habe) oder Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm. Alles Menschen von hoher Bildung, die nicht unbedingt nur der Frankfurter Schule anghehören mussten. Helmut Schelsky war mir nicht minder nah. Auch Arnold Gehlen. Sie mussten einen einfach nur zum Nachdenken bringen wie viele Literaten, ob sie nun Martin Walser, Max Frisch, Bert Brecht, Jean-Paul Sartre oder Friedrich Dürrenmatt hießen. Geliebt habe ich die Schriftsteller des Absurden Theaters. Und natürlich auch solche Solitäre wie Heinrich Böll oder Günter Grass. Oder Peter Handke, Albert Camus. Große Nobel-Namen, großer Eindruck. Und über allen Franz Kafka. Alles Namen, die durch die Schule angeregt wurden, aber in uns Schülern weit darüber hinaus wuchsen.
Habermas war ein „Sozialdemokrit“, wie er einmal in Assoziation zu SPD einerseits und zu dem griechischen Philosophen Demokrit genannt wurde. Umfassendes Wissen weit über sein Fach der Sozialphilosophie hinaus und eine gewisse intellektuelle Gelassenheit haben mich stets an ihm fasziniert. So richtig verstanden habe ich ihn allerdings nicht, aber ich habe Urvertrauen zu ihm gehabt. Er hat um Erkenntnis gerungen - und allein, dass er das bis ins hohe Alter hinein tat, hat mir Mut gemacht. Heute, im Zeitalter des Showbusiness, bin ich nur noch skeptisch.
Es gibt nur noch Quoten- und Bestseller-Philosophie.Und Bücher, auf denen nicht von vornherein "Spiegel-Bestseller" steht, haben schon keine Bedeutung mehr. Dabei gibt es so wunderbare Kleinode. Zum Beispiel in den Werken der Modernen Lyrik, deren Autoren und Autorinnen es ablehnen würden als Bestseller vermarktet zu werden.
Ich glaube, dass wir, die wir nun als Babyboomer im Ruhestand leben, unruhig werden müssen. Mir wurde dies nach der letzten Landtagswahl im Stammheimland sehr bewusst. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben nicht mit dem Herzen gewählt, nur mit dem Verstand, rein strategisch – zutiefst skeptisch und ohne großes Vertrauen, schon gar nicht in irgendwelche Landesvätergestalten. Es ist dabei nicht so sehr die Politik, die mich kolossal irritiert, denn diese ist ja nur eine Nachahmung dessen, was sich sonst unter uns Wählern tut. Meine eigene intuitive Einstellung gegenüber meinen Mitmenschen ist es, die mich innerlich auf Distanz gehen lässt.
- Ich frage mich, was sie gewählt haben und ob sie das gewählt haben, was einem Rückfall, wie ihn Habermas bezeichnete, den Weg bereiten könnte.
- Ich frage mich: Was hatten die Menschen im Südwesten bei der Wahl in ihren „Fingerspitzen“, als sie ihre beiden Kreuzchen setzten?
(Ich selbst habe das Gefühl, dass ich bei meiner Wahl fremdbestimmt wurde - und das macht mich innerlich auf vielfache Weise wütend und rebellisch.)
So werde ich folgende Frage nicht mehr los: Haben wir es nicht selbst versaut, weil wir nur noch in der Praxis lebten – ohne Theorie, ohne Theoretiker wie Jürgen Habermas, zu dessen Hauptwerken auch das Buch „Erkenntnis und Interesse“ gehört? Und wie sehr hast du die Denker vernachlässigt, die du als Schüler so verehrt hast? Ich weiß nur, dass ich vor 16 Jahren, als ich aus dem Koma erwachte, ahnte, dass ich mich wieder von diesen Giganten inspirieren lassen muss, egal, ob mein Verstand, meine Intuition und Kreatvität dafür ausreicht oder nicht. In der Kultur liegt der Schutz vor einem Rückfall. Aber für diesen Schutz bist allein du selbst verantwortlich. Ohne Maschinenpistole.
Was sich momentan abspielt, ist bestimmt noch kein Rückfall, aber es ist mehr als nur ein Vorfall.
Wir sind zu lange nur unseren egoistischen Interessen gefolgt.
Ich weiß: Keine neue, aber bestimmt eine sehr bittere Erkenntnis.
Es wird wohl Zeit, dass wir über unsere Generation reden. Inklusive Stottern.
I'm not trying to cause a big
s-s-sensation
(Ich versuche nicht, eine große
S-S-Sensation zu verursachen)
Meine, meine schmutzige Generation My, my dirty generation
The Who, 1965

Nicht der Werbeslogan, der das erste Gebot benutzt, ist Blasphemie, sondern alle Reklame. Jeder Versuch, meine Lebensinteressen zu richten auf Haarspray, Katzenfutter und Reisen nach Ibiza, ist eine Attacke auf den, nach dessen Bild ich geschaffen bin.
AntwortenLöschenWarum?
LöschenDas Erste Gebot: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“
LöschenDas hat Gott dem Habermas gesagt, als er sich mit ihm mal wieder ausgetauscht hat?
LöschenDie von DARUM zitierte Version spricht nur die Israeliten an. Den Mittelteil haben die anderen Religionen gestrichen, damit sie diesen Gott auch vereinnahmen können, genauso wie es der gottgleiche Habermas macht, nur um auszudrücken, dass ihm Werbung auf den Keks geht.
LöschenDieses Gott-bin-ich-Zitat ist einfach eine überhebliche gequirlte Scheiße.
LöschenSchade dass dieser Mensch so was von sich geben muss.
Der dynamische Zusammenhang, zu dem Wissenschaft, Technik, Industrie, Militär und Verwaltung heute verflochten sind, strukturiert sich über den Köpfen der Menschen. Der technische Fortschritt folgt seiner Richtung ohne Direktiven von außen oder von unten, er wird gleichsam zu einem Naturprozess.
AntwortenLöschen..... und erst recht nicht mit Direktiven von innen.
LöschenIch habe Habermas oft nicht verstanden und mit der Zeit glaubte ich, er sich selbst auch nicht.
AntwortenLöschenSeine Einlassungen in der Wendezeit, seine Äußerungen zum deutschen Kosovo-Engagement (Bin zu 51 % dafür und zu 49 % dagegen), waren oft kryptisch, nicht logisch, aber auf wunderliche Weise inspirativ. Warum auch immer.
Seine Warnungen im/nach dem deutschen Herbst gelten bis heute. Der Unterschied ist, dass sich heute zwei große Lager unerbittlich gegenüberstehen.
Aber die 'Volksgesinnung' gewinnt an Einfluss und die Linken und Woken sind so idiotisch wie in Weimarer Zeiten.
Warum stelle ich mir den meck-pommerschen, grinsenden CDU-Staatssekretär immer in Wehrmachtsuniform vor, wenn er im Fernsehen erscheint?
Was würde Habermas zu dieser 'Erscheinung' sagen?
Also bin ich nicht allein mit meiner Einschätzung. Inspirativ war er für mich immer - im Unterschied zu mnachen Epigonen, die nicht - wie er - um ihre Meinung rangen, sondern um ihre Meinung bangten, deshalb Sätze formulierten, bei denen du schon vorne nicht wusstest, was hinten eigentlich rauskommen sollte.
LöschenZwischen Narrheit und Genie ist die Grenze noch heute nicht ausgemacht.
AntwortenLöschenK.J. Weber
Als Habermnas den Begriff des Diskurses in die Welt setzte und damit den Begriff der Diskussion ersetzte, hat er aus allem die Leidenschaft genommen undf den Menschen an sich neutralisiert. Ich glaube, da bin ich dann von ihm abgefallen.
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